Von Damaskus nach Lünen: Wie eine syrische Familie hier eine neue Heimat fand

dzFlüchtlingsschicksal

Flucht vor einer Diktatur und Bürgerkrieg, das ist für viele Menschen Realität. Doch selbst wenn die Flucht gelingt, die Probleme sind damit noch nicht vorbei. Familie Saleh hat das erlebt.

von Antonia Gutzmann

Lünen

, 29.09.2019, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Familie Saleh hat so einiges hinter sich. Familie Saleh kommt aus Syrien - und ist heute in Lünen zuhause. Die Familie hat uns ihre Geschichte erzählt. Sie sind alle gekommen, hier ins Multikulturelle Forum, bei diesem Treffen, bei dem sie berichten wollen, was sie erlebt haben. Nur der älteste Sohn ist während des Treffens noch in der Schule.

Zweimal ist Vater Ahmad Saleh verhaftet und gefoltert worden, der älteste Sohn Al Motasem untergetaucht - und das alles nur, weil der Sohn sich in Syrien weigerte, an dem Militärdienst teilzunehmen. 2015 dann gelang den beiden die Flucht. Leider ohne die restliche Familie.

,,Wir haben in Aleppo eine Woche auf meine Frau und meine anderen drei Kinder gewartet. Aber die Gegend war zu dem Zeitpunkt vollkommen abgeriegelt und schließlich mussten wir weiter, um nicht verhaftet zu werden.“ Ohne Frau und Kinder.

„Das Land darf keiner verlassen, der gefoltert wurde“

Ahmad erzählt auf Arabisch, Nasser llayyan übersetzt: „Zu Fuß, mit dem Auto oder mit der Bahn sind sein Sohn und er über die Balkanroute geflüchtet, bis wir schließlich in Lünen angekommen sind. ,,Ich hätte das Land von der Regierung aus nie verlassen dürfen. Das darf keiner, der gefoltert wurde,“ sagt Ahmad Saleh. ,,Die Regierung möchte natürlich nicht, dass solche Bilder und Erlebnisse nach außen getragen werden, deswegen wird Menschen mit Narben oder anderen Blessuren von der Folterung die Ausreise verweigert,“ sagt er.

Wie geht es weiter nach der Flucht?

Hier angekommen ergeben sich ganz neue Probleme: Sie müssen die Sprache lernen, es muss ein Schulplatz für den Sohn her und ein Job für den gelernten Krankenpfleger-Helfer. Und das alles muss organisiert werden. Und das, obwohl die beiden vor Sorgen um die anderen Familienmitglieder fast verrückt werden. Denn sie wissen: Das Haus der Familie wird oft ohne Ankündigung mitten in der Nacht von Regierungsbeamten durchsucht und schließlich bei einem Angriff zerstört. Dabei wird der jüngere Sohn am Auge verletzt - unklar, ob er wieder richtig wird sehen können.

Von Damaskus nach Lünen: Wie eine syrische Familie hier eine neue Heimat fand

Das Haus der Familie Saleh in Damaskus nach dem Angriff. © Saleh

Vater und Sohn stehen zu diesem Zeitpunkt unter ,,subsidiärem Schutz“, unter vorläufigem Schutz. Das hat zur Folge, dass die restliche Familie im Frühjahr 2015 trotz ,,offensichtlicher Bedrohung“ nicht nachkommen darf. ,,Es ist mir zu diesem Zeitpunkt sehr schwer gefallen, mich in Lünen wohlzufühlen und mich auf das Lernen und mein Praktikum zu konzentrieren,“ sagt Saleh.

Das Praktikum bei der Caritas und den Sprachkurs vermittelte ihm das Multikulturelle Forum, mit dem man heute noch Kontakt hat. ,,In Lünen kommen ungefähr 30 Prozent der Flüchtlinge aus dem Kreis an“, sagt Steffi Stelzer. Im Jahr 2015 seien es sogar bis zu 40 Prozent gewesen.

,,Wir erleben dieses Jahr einen neuen Trend,“ fügt Kollegin Anja Mölders hinzu. ,,In diesem Jahr kommt ein Großteil der Menschen, die uns aufsuchen, aus europäischen Ländern, aus Bulgarien, Serbien und manchmal auch aus Kroatien. Unsere Anlaufstelle hier in Lünen ist besonders beliebt bei Neuzugewanderten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir von Arabisch, über Kroatisch bis hin zu Russisch sehr viele Sprachen abdecken können.“

Migrationsberatung online

Um der Sprachbarriere entgegen zu wirken, gibt es für Zugewanderte jetzt auch die Möglichkeit, sich über eine App von einem Berater auf einer Sprache ihrer Wahl Unterstützung zu holen.

Im Juni 2019 ist die Familie endlich wie zusammen

Im Juni 2019 ist es dann endlich soweit. Mutter Hanan Mohammad, die Töchter Manar und Masa und Sohn Mohammad Eslam können nach Deutschland, die Familie ist wieder vereint. ,,Damit traten dann ganz neue Probleme für die Familie auf,“ sagt Anja Mölders, die in der Migrationsberatung für Erwachsene Zuwanderer im Multikulturellem Forum tätig ist. ,,Für die Kinder so kurz vor den Sommerferien noch einen Schulplatz zu organisieren, war nicht ganz einfach“, berichtet Steffi Stelzer, die für die schulische Erstberatung und Schulvermittlung in dem kommunalem Integrationszentrum zuständig ist.

Vor allem für Schüler der Sekundarstufe Eins wäre es besonders schwierig, einen Platz zu finden. ,,Ich erlebe oft, dass Familien sich jeden Tag bei uns erkundigen, weil die Kinder so gerne zur Schule gehen möchten.“, fügt sie hinzu. Stelzer findet es dabei besser, wenn die Kinder sofort am Regelunterricht teilnehmen und nicht etwa in internationale Klassen kommen. Dadurch könnten sie sich besser integrieren.

Die Familie braucht nun eine neue Wohnung

Außerdem muss für die Familie eine neue Wohnung gefunden werden, sechs Menschen passen in die alte Wohnung nicht hinein. ,,Wir möchten gerne in Lünen bleiben“, sagt die Mutter. ,,Es ist so ruhig hier, die Menschen sind freundlich und man ist nah am Grünen.“, erklärt sie. Trotz des relativ kurzen Aufenthalts in Deutschland können die Kinder schon einige Wörter und Sätze. Vor allem die jüngste Tochter Masa lerne besonders schnell Deutsch. ,,Je jünger man ist, desto schneller kann man eine neue Sprache lernen. Das merkt man hier natürlich auch,“ erzählt Mölders.

Für den Vater wird nun ein berufsbezogener Sprachkurs gesucht, damit er die deutschen Fachbegriffe in dem Bereich der Pflege erlernen kann und dann dauerhaft eine Arbeit findet. ,,Wir lernen auch viel von den Kindern, sie sind stolz uns zu zeigen was sie gelernt haben,“ erzählt Ahmad Saleh. ,,Bei dieser Familie haben wir Glück, da alle Kinder über sechs Jahre alt sind. Für die kleinen Kinder finden wir oft keine Kindergartenplätze, somit wird den Müttern oft die Chance genommen, an einem Sprachkurs teilzunehmen,“ so Mölders.

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