Wucherndes Unkraut und „verwahrloste Kindergräber“: Angehörige beschweren sich über den Zustand des Selmer Friedhofs - und sind sich einig, wer dafür verantwortlich ist.

von Thorsten Faust

Selm

, 18.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Friedhof in Selm Auf der Geist ist auf den ersten Blick genau wie jeder andere Friedhof auch. Der Großteil des Geländes ist gepflegt. Doch das sieht im hinteren Teil des Friedhofs und bei den Kindergräbern anders aus.

Denn je weiter der Weg auf das Gelände führt, desto ungepflegter wird es. Besonders bei den Grabplatten im hinteren Bereich des Friedhofs, vom Eingang aus gesehen, wächst das Unkraut unkontrolliert.

Viele Grabplatten sind teils überwachsen, eine Grabplatte beinahe komplett von Sträuchern verdeckt. Der Rasen ist teilweise eingegangen, teilweise wuchert er auf dem Gelände.

„Verwahrloste Kindergräber“: Angehörige sind erschüttert über Zustand des Selmer Friedhofs

Diese Stäucher verdecken den Großteil einer Grabplatte. © Thorsten Faust

Zu viel Arbeit für die Mitarbeiter vor Ort

Annegret Esterl sieht die Schuld aber nicht bei den Arbeitern am Friedhof. „Die reißen sich ein Bein aus, aber können es einfach nicht mehr schaffen“, sagt die 62-Jährige. Viel mehr sieht sie die Stadt Selm in der Verantwortung: „Ich weiß nicht, was die Stadt sich dabei denkt.“

Esterl fordert mehr Personal. Es sei für die Arbeiter vor Ort einfach zu viel zu tun. Sie selbst habe drei Angehörige auf dem Friedhof. Mutter, Schwager und Mann liegen dort begraben. „Wir bezahlen für die Gräber ja Geld. Trotzdem gibt es hier bis zu 30 Zentimeter hoch stehendes Unkraut“, so Esterl. Und das ist nicht nur ihr aufgefallen.

„Verwahrloste Kindergräber“: Angehörige sind erschüttert über Zustand des Selmer Friedhofs

Diese Wiese hat schon länger keinen Rasenmäher mehr gesehen. © Thorsten Faust

Es ist schon länger ungepflegt

Auch Martina Tetzner kümmert sich um das Grab eines Angehörigen. „Es ist hier schon länger unordentlich. Besonders die wild wachsenden Hecken haben mich gestört“, sagt sie. Die seien mittlerweile zum Glück aber gekürzt worden.

Das Unkraut bei den Grabplatten störe die 63-Jährige ebenfalls: „Es wächst hier alles wie wild. Überall ist Unkraut. Das muss doch nicht sein.“ Der Rasen bei den Grabplatten sei zwar an einigen Stellen ausgetrocknet und kaputt, trotzdem müsse man dort mähen, so Tetzner.

Denn überall wachsen Sträucher und andere ungebetene Gäste an und um die Gräber herum. „Die Angehörigen zahlen hierfür. Und zwar nicht einmal wenig Geld. Das muss doch Friedhofaufgabe sein, hier für Ordnung zu sorgen“, so Martina Tetzner.

Auch die Kindergräber sind teilweise verwahrlost

Besonders wütend macht Sabrina Winterkemper aber die Situation bei den Kindergräbern. „Ich kann es einfach nicht fassen. Hier sind viele Gräber einfach verwahrlost“, sagt Winterkemper, die Mutter einer Tochter, die dort ebenfalls beerdigt wurde.

Ihrer Meinung nach habe man die Verantwortung, auch nach dem Tod für die eigenen Kinder zu sorgen. Teilweise sei es so ungepflegt gewesen, dass sie mit dem Kinderwagen nicht einmal bis zum Grab ihrer Tochter gelangen konnte.

„Verwahrloste Kindergräber“: Angehörige sind erschüttert über Zustand des Selmer Friedhofs

Dieser Aufforderung kommen einige Angehörige nicht nach. Zum Ärger der Friedhofsbesucher. © Thorsten Faust

Laut Winterkemper bestehe die Möglichkeit, Verwarnungen für ungepflegte Gräber auszustellen. Die Friedhofsverwaltung könne die Angehörigen erreichen und sie auffordern, das Grab zu pflegen.

Es gebe auch gelbe Karten, die an die Gräber angebracht werden, wenn diese zu ungepflegt sind. Laut Winterkemper bleibe es aber lediglich bei Warnungen. Es tue sich nichts. Der Zustand des Friedhofs beschäftige sie sogar abends vor dem Einschlafen.

Von der Stadt allein gelassen

Winterkemper fordert ein aktiveres Auftreten: „Ich fühle mich alleingelassen von der Stadt Selm und bin dem ganzen hier hilflos ausgesetzt“, so Winterkemper. Auch das Problem mit dem Unkraut und dem hohen Gras belaste sie.

Sie habe bereits mehrmals - dieses und letztes Jahr - bei der Stadt auf das Problem aufmerksam gemacht, getan habe sich dennoch nichts: „Mehr als leere Versprechen habe ich nicht bekommen“, sagt sie.

„Das Verhältnis zur Stadt ist sehr kalt. Ich habe das Gefühl, ihnen ist es einfach egal. Ich bekomme immer ausreden wie: Sie wissen aber schon, dass aktuell Urlaubszeit ist, oder? Die wollen sich einfach nicht darum kümmern“, sagt Winterkemper.

Antwort der Stadtwerke Selm

Auf Anfrage dieser Redaktion antworteten die Stadtwerke, die für den Friedhof zuständig sind, Folgendes: „Der Rasen auf dem Friedhof in Selm wird einmal wöchentlich – während trockener, sommerlicher Phasen alle 14 Tage – gemäht, je nach Zustand. Die dort vorhandenen Wege werden einmal monatlich vom übermäßig wuchernden Unkraut befreit. Das sich inzwischen ansammelnde Laub wird je nach Witterung und Saison ebenfalls entfernt. Der Friedhof wird vonseiten der Stadtwerke Selm also in regelmäßigen Intervallen begutachtet und gepflegt.“

Laut Experten, auf die die Stadtwerke sich in ihrer Auskunft berufen, sei der Zustand des Selmer Friedhofs nicht von den Zuständen anderer Friedhöfe zu unterscheiden. Außerdem können öffentliche Flächen nicht mit der Intensität gepflegt werden, wie Privatgärten, betonen die Stadtwerke.

Subjektive Empfindungen als Ursache für Beschwerden

„Selbst wenn die Stadtwerke Selm den Friedhof in Selm mit deutlich mehr Aufwand bearbeiten und pflegen würden, kann auch dann leider nicht ausgeschlossen werden, dass vereinzelte Beobachter – aus ihrer subjektiven Empfindung heraus ­– den Pflegezustand dennoch kritisch beurteilen“, sagen die Stadtwerke.

Die Stadtwerke Selm haben bereits in zusätzliche Technik und in Personal investiert. „Gegen Ende dieses Jahres soll die Unkrautbeseitigung dann mit einer neuartigen Thermo-Technologie erfolgen. Dabei werden gezielt die Wachstumsproteine in den Unkrautpflanzen zerstört“, heißt es abschließend von den Stadtwerken.

In einer früheren Version des Textes haben wir einen Namen falsch geschrieben. Wir haben den Fehler korrigiert.

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