Verlorene Speicherkarte deckte Kindesmissbrauch auf: Urteil

Nach einem vermeintlichen Zufallsfund einer Speicherkarte mit Bildern von sexuell missbrauchten Kindern verurteilt das Amtsgericht Bielefeld den Täter zu einer Gefängnisstrafe. Die mündliche Verhandlung bringt einige Überraschungen ans Licht.

17.10.2019, 15:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Verlorene Speicherkarte deckte Kindesmissbrauch auf: Urteil

Ein Angeklagter steht im Amtsgericht, und hält sich einen Schnellhefter vor das Gesicht. Foto: Friso Gentsch/dpa

Wegen sexuellen Missbrauchs zweier Kinder und Besitzes von Kinderpornografie muss ein 57-jähriger Niedersachse für drei Jahre und drei Monate ins Gefängnis. Zu dieser Haftstrafe verurteilte das Amtsgericht Bielefeld den Deutschen am Donnerstag. Damit ging das Gericht beim Strafmaß um drei Monate über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus. Der Verteidiger hatte für eine Bewährungsstrafe plädiert.

Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt, weil der Mann im Februar 2019 bei Halle im Teutoburger Wald eine Tasche mit einer Speicherkarte verloren hatte. Darauf hatte ein Fundbüro nicht nur das Foto eines Mannes entdeckt, sondern auch Videos vom sexuellen Missbrauch von Kindern im Schlaf. Wie sich später herausstellte, waren die Opfer die Enkelkinder einer ehemaligen Freundin des 57-Jährigen aus Bielefeld.

Vor Gericht legte der Mann aus dem Heidekreis in Niedersachsen ein Geständnis ab und entschuldigte sich bei der Familie der Kinder. „Ich kann jeden verstehen, der nicht nachvollziehen kann, was ich da gemacht habe“, sagte der Mann. Er selbst könne es heute auch nicht begreifen. Amtsrichterin Astrid Salewski ging zum Abschluss der mündlichen Verhandlung davon aus, dass der Fund der Tasche im Wald kein Zufall war. „Sie wollten doch erwischt werden“, sagte Salewski in Richtung des Angeklagten, der nicht widersprach.

Die mündliche Verhandlung brachte auch für die Staatsanwaltschaft einige überraschende Dinge ans Licht. So bestritt die Oma der Kinder, mit dem jetzt Verurteilten eine Beziehung gehabt zu haben. „Wir kennen uns seit sieben Jahren, hatten mal kurz Sex, aber schnell gemerkt, dass das mit uns nicht funktioniert. Wir sind aber freundschaftlich verbunden geblieben“, sagte die 57-Jährige im Zeugenstand aus.

Der Missbrauch der Kinder war zum großen Teil auf der holländischen Insel Texel und in Niedersachsen passiert. Alle Prozessbeteiligten zeigten sich überrascht davon, dass die Kinder bei dem Missbrauch im Schlaf nicht wachgeworden waren. Nach Auskunft der Mutter wissen die Opfer selbst nichts von den Vorwürfen gegen den ehemaligen Freund der Familie. „Sie leiden darunter, dass sie ihn heute nicht mehr treffen können“, sagte die Mutter, die auch als Nebenklägerin auftrat. Das Strafgesetzbuch unterschiedet zwischen sexuellem und schwerem sexuellen Missbrauch. Bei letzterem dringt der Täter auch in die Körper der Opfer ein.

Der 57-jährige hatte eingestanden, dass er sich seit rund zehn Jahren neben seiner normalen Sexualität auch für Kinder interessiere. Ein Gutachter hatte außerdem eine manisch-depressive Störung und seit Jahren wiederholten Missbrauch von leichten Drogen festgestellt. Für die Bewertung der Schuldfähigkeit hatte das aber keine Folgen.

Für die Öffentlichkeit war auch neu, dass der Missbrauch in der Familie bereits vor dem Fund der Karte im Teutoburger Wald aufgeflogen war. Die Mutter der Kinder hatte in einer Kamera eine Speicherkarte entdeckt. „Ich hatte die Speichermedien verwechselt“, sagte der Angeklagte. Als die Frau entsetzt ihre Mutter und die Polizei einschaltete, floh der Täter in Panik in Richtung Teutoburger Wald. Dort stellte er eine bis auf die Speicherkarte leere Reisetasche ab und flüchtete mehrere Wochen quer durch Europa - nach eigener Aussage bis nach Genua in Italien und Nizza in Frankreich.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger des 57-Jährigen deutete aber an, das Urteil wohl anzunehmen.

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