Verkehrsteilnehmer brauchen starke Nerven - warum der Weg trotzdem der richtige ist

dzKolumne „Jetzt mal unter uns“

Als Radfahrer kann man sich in Lünen derzeit nicht beschweren, findet unser Autor. Die Entwicklung hält er grundsätzlich für richtig - nur an einer Stelle hätte sieht er die Sache anders.

Lünen

, 21.09.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auf den ersten Blick hat der ADFC Lünen ja Recht, wenn er sagt, dass sich eigentlich nichts ändert: Schon seit Jahren begegnen sich im Bereich der südlichen Münsterstraße Fußgänger und Radfahrer, und bis auf ein paar verbale Auseinandersetzungen hat die Sache keine nennenswerten Konsequenzen gehabt.

Mit der angestrebten Neuregelung erhalten die Fahrradfahrer nun auch rechtlich Vorrang. Das gibt ihnen natürlich nicht das Recht, wahllos Fußgänger umzunieten. Genauso wenig haben Fußgänger in der aktuellen Regelung das Recht, den Leezenpatt als Flaniermeile zu nutzen. Auch daran wird sich nichts ändern.

Wie reagiert man auf ein solches Signal?

Etwas schwieriger ist die Sache, wenn man sich von der reinen Regelung löst und die Signalwirkung betrachtet, die solche Entscheidungen haben können. Wie schon Rüdiger Billeb (SPD) im Ausschuss korrekt bemerkte, wird der Schwächere nun auch rechtlich benachteiligt. Ich hätte mir gewünscht, dass man den Bereich so lässt, wie er ist - dann wäre das für alle Beteiligten mit der gegenseitigen Rücksichtnahme auch leichter.

So muss man befürchten, dass genervte Radfahrer auf ihr Recht pochen, wenn doch mal eine Fußgängergruppe ein gefühltes Sit-in auf dem Leezenpatt veranstaltet. Sprich: Die Gefahr für Unfälle würde an dieser Stelle steigen. Und sei es, dass man sich Verletzungen zuzieht, wenn man den Unfallhergang mit dem Gegenüber diskutiert.

Und nicht nur da: Auch auf der Graf-Adolf-Straße wird es dieses Dilemma geben. Hier will die Verwaltung den Schwächeren stärken und die Autos hinter die Fahrräder stellen. Das ist in Ordnung, wird zweifelsfrei aber dazu führen, dass die Geduldsfäden der ohnehin vom Lüner Verkehr genervten Kfz-Fahrer noch mal auf eine sehr harte Probe gestellt werden, wenn zwei Radfahrer lieber nebeneinander fahren, anstatt das Auto passieren zu lassen (was sie dann aber natürlich dürften).

Ich denke aber, dass sich ein Autofahrer zweimal überlegen wird, ob er sich und sein Fahrzeug in eine heikle Situation manövriert. Möglich ist das natürlich, ich bin aber überzeugt davon, dass die Unfallzahlen auf dieser Straße eher nicht steigen werden (vor allem, wenn der rote Caddy weiterhin zuverlässig unter den Bäumen parken darf).

Des Radlers Freude ist des Pendlers Ärger

Grundsätzlich können sich Radfahrer derzeit in Lünen nicht beschweren. So gibt es demnächst ja auch einen neuen Radweg an der Konrad-Adenauer-Straße. Das wiederum regt viele Pendler auf, die derzeit dort ihr Fahrzeug abstellen. Denn die Parkplätze fallen dann weg. Weniger Fläche für den Autoverkehr, mehr für die Radfahrer und Fußgänger - mir gefällt das ja.

Aber ich kann natürlich den Ärger der Pendler verstehen - hier muss die Stadt eine Antwort finden. Und das muss nicht zwingend ein alternativer Pendlerparkplatz in Innenstadtnähe sein. Park-und-ride-Anlagen am Stadtrand wären doch mal was, natürlich unter der Bedingung, dass der ÖPNV häufiger und vor allem reibungsloser fährt.

Plattes Argument gegen „romantische“ Vorstellungen

Und das alles kostet natürlich wieder Geld - das Argument, mit dem jede Vorstellung dieser Art als „romantisch“ disqualifiziert wird. Dabei sollte jedem klar sein, dass das mit dem Klimaschutz nicht mehr zum Nulltarif klappen wird - und irgendwie sollte es uns die Sache doch wert sein, oder?

Ich meine - wenn Feuerwehrgerätehäuser teils deutlich teurer werden, was in höheren Rettungsdienst-Gebühren resultieren wird, schreit doch auch niemand. Aber wenn man die Sache mit dem Klimanotstand endlich ernst nimmt, ist das ein unerhörter Eingriff in das Bürgerrecht? Da kann doch was nicht stimmen.

Vielleicht wäre das mal ein Gesprächsthema für den nächsten Streit auf der südlichen Münsterstraße.

Einmal in der Woche sprechen Mitglieder der Lokalredaktion Lünen „mal ganz unter uns“ über Dinge, die sie und Lünen bewegen. Mal pointiert, mal mit Augenzwinkern, mal direkt geradeaus - aber immer bereit, sich der Diskussion zu stellen.
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