Nach dem tödlichen Unfall im Vinnum ist ein Selmer am Dienstag zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden. Was ist er für ein Mensch? Wie ist sein Leben verlaufen? Ein Annäherungsversuch.

Vinnum, Selm

, 12.02.2020, 18:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Resonanz in den Sozialen Medien war eindeutig. In den meisten Kommentaren wird die Haftstrafe von drei Jahren nach dem schlimmen Unfall in Vinnum mit zwei Toten als zu niedrig empfunden. Der schlimme Unfall im vergangenen Jahr hat viele Menschen betroffen gemacht. Die Geschichte des Unfallfahrers birgt aber auch viele unfassbare Details.

„So viel Pech muss man im Leben erst mal haben“, sagt die Rechtsanwältin des 39-jährigen Selmers. Mit Rücksicht auf seine Person und sein familiäres Umfeld nennen wir den Unfallfahrer „Peter“. Rückblick: Als Peter im Spätherbst 1980 in Lüdinghausen geboren wurde, war seine Mutter noch minderjährig, der Vater nicht viel älter. Nicht unwesentliche Teile seiner Kindheit verbrachte er wohl deshalb bei seinen Großeltern.

Vorwurf steht im Raum: Stiefvater soll gewalttätig gewesen sein

Wie eine Psychologin bei der Gerichtsverhandlung berichtete, bekam sein Leben einen ersten Knacks, als die Mutter mit einem anderen Mann zusammenzog. „Der Stiefvater soll gewalttätig gewesen sein. Nicht gegen die Mutter. Nur gegen Peter. Ein Eingreifen der Mutter gab es dagegen nicht“, trug die Psychologin vor.

Peter hatte in der Schule mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen. Welche Rolle die Umzüge und die damit verbundenen Schulwechsel spielen, ist ungeklärt. Sicher ist, dass Peter den Hauptschulabschluss nicht erreicht hat.

Schule geschwänzt, kleinere Diebstähle, illegale Drogen

Die Gründe scheinen augenscheinlich. In den Akten ist vermerkt, dass Peter immer wieder die Schule geschwänzt hat. Kleinere Diebstähle und der Konsum illegaler Drogen ab 16 Jahren zeichnen das Bild einer Person, von der die Psychologin sagt: „Er hat nie wirklich ein Bein auf den Boden bekommen.“

Genau dieses Bild vermittelt der Selmer auch im Gerichtsprozess. Meist nach vorne gebeugt, kaum Körperspannung. Dazu ein leerer Blick. So geht es an diesem Dienstag (11. Februar) über Stunden. Bis es um die Drogensucht und nicht angetretene Therapien geht.

Psychologin: „Peter“ hat bei vielen Dingen eine andere Wahrnehmung

Peter wird plötzlich energisch. Sieht sich missverstanden und falsch eingeschätzt. Wiederholt fordert ihn der Staatsanwaltschaft auf, den Gutachterinnen nicht ins Wort zu fallen. Die Psychologinnen sehen sich in ihrer These bestätigt, dass er bei „vielen Dingen eine andere Wahrnehmung hat“.

Die Rede ist von einer „Persönlichkeitsstörung“ und davon, dass er „aus Fehlern nicht lernt“. Ob man diese Aussage auch auf den schlimmen Unfall übertragen kann, muss jeder für sich entscheiden. Fakt ist allerdings, dass es bereits 1999 an fast genau der gleichen Stelle einen schweren Unfall gab.

Freund wurde erstochen, Freundin starb an Leukämie

Auch damals verloren zwei Menschen ihr Leben. Auch bei dem Unfall überlebte Peter als einziger. Der große Unterschied zum Unfall im April 2019: Damals war der Selmer Beifahrer, diesmal saß er hinter dem Steuer.

Es war nicht die einzige traumatische Erfahrung von Peter. 2004 starb seine Freundin an Leukämie. Danach habe er keine feste Beziehung mehr gehabt, sagte seine Verteidigerin. Mit Blick darauf, dass Jahre zuvor Peter einen erstochenen Freund als Wasserleiche fand, sagte sie: „Ich habe noch nie einen Menschen mit so vielen Traumata erlebt.“

„Würde mein Leben dafür geben, um Tat rückgängig zu machen“

Dazu dürfte auch gehören, dass Peter über viele Jahre keinen festen Wohnsitz hatte. Zuletzt hatte er allerdings wieder ein „Dach über dem Kopf“. Er lebte auf der Kreisstraße in einer von der Stadt Selm angemieteten Wohnung. Zugleich hielt er nach eigenen Aussagen Kontakt zu seiner in Bork lebenden Mutter.

Zum positiven Eindruck passt auch eine persönliche Erklärung, die Peter zu Beginn der Verhandlung am Münsteraner Schöffengericht verlas. „Ich würde mein Leben dafür geben, wenn ich meine Tat rückgängig machen könnte.“ Außerdem sprach er von einem Albtraum, aus dem „man nicht aufwachen kann.“

Richten wollte Peter diese Worte an Angehörige der Verstorbenen, die zunächst als Nebenkläger in dem Verfahren auftreten wollten. Allerdings hatten sie diese Klage wieder zurückgezogen - und verfolgten auch nicht von den Besucherbänken das Gerichtsverfahren.

Zeugen des Unfalls kämpfen verzweifelt um das Leben der Beifahrer

Bei der Anhörung der Zeugen rückten Menschen in den Vordergrund, die sich auch in schwierigsten Situationen auf das Wesentliche konzentrieren. Wie die 61-jährige Krankenschwester aus Olfen, die auf der Radtour mit ihrem Mann Zeugin des Unfalls wurde und gleich Erste Hilfe leistete.

Oder der 41-jährige Feuerwehrmann aus Vinnum, der bei einem Spaziergang in der Nähe der Lützowstraße das Auto durch die Luft fliegen sah - und blitzschnell Hilfe organisierte und auch vor Ort leistete. Wiederholt war in den Befragungen von „dramatischen Situationen“ die Rede.

Staatsanwalt: „Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld“

Eine Formulierung, die allenfalls andeutungsweise beschreibt, wie sehr die Ersthelfer und Rettungskräfte um das Leben der Mitfahrer gekämpft - und am Ende verloren haben. „Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld“, sagte der Staatsanwalt. Aus seiner Sicht hätte Peter den Unfall verhindern können.

Aber Peter habe sich „besoffen, bekifft und dann noch ohne Fahrerlaubnis“ hinter das Steuer gesetzt. Mehrere Urteile belegen, dass das kein Einzelfall war. „Wenn der Unfall kein Schlüsselmoment ist, weiß ich es nicht“, sagte Peter in seinem letzten Wort vor der Urteilsverkündung. Die weitere Zukunft wird es zeigen. Aktuell ist er zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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