Wer kennt den unbekannten Toten aus Münster? Sprang er in den Tod oder wurde er gezwungen?

dzMysteriöser Kriminalfall

Ein junger Mann stürzt im Februar 2012 mitten in Münster in den Tod. Auch fast acht Jahre später steht die Polizei vor einem großen Rätsel und fragt: Wer kennt diesen Mann?

Münster

, 22.12.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Es ist Freitag, der 3. Februar 2012, später Abend. Im Rathausfestsaal feiern die Honoratioren der Stadt ihr Kramermahl, in der Halle Münsterland schunkeln die Karnevalisten, in den Kneipen der Altstadt wird gezecht und gelacht. Es ist bitterkalt. Minus acht Grad, in den Stunden zuvor sind ein paar Schneeflocken gefallen. Die Straßen sind leer um kurz nach 23 Uhr, als ein junger Mann vom Dach des Parkhauses am Alten Steinweg auf den Boden stürzt.“

So beginnt die Geschichte, mit der wir im Herbst 2012, ein gutes halbes Jahr nach dem tödlichen Vorfall, die Spurensuche der Polizei nachgezeichnet haben. Jetzt, wo sich in wenigen Wochen der Tag zum achten Mal jährt, haben wir nachgehakt und diesen Text aktualisiert. Die Polizei arbeitet nach wie vor daran, Licht in den Fall zu bringen.

Schnelle Hilfe kommt zu spät

An jenem 3. Februar 2012 geht um 23.21 Uhr ein Notruf bei der Polizei ein. Mit schwersten Verletzungen liegt der Mann mitten in Münsters City auf dem Platz zwischen dem Parkhaus und dem Kiffe-Pavillon, in dem inzwischen schon längst ein TK Maxx seine Waren anbietet. 20 bis 25 Jahre alt, vielleicht auch 30. Eine Passantin hat ihn gefunden, den Notarzt alarmiert. Der Mann atmet nicht mehr.

Die 36-jährige Frau versucht, den Mann wiederzubeleben. Nach wenigen Minuten sind Rettungssanitäter und ein Notarzt vor Ort. Auch sie geben sich alle Mühe, den jungen Mann zurück ins Leben zu holen. Erfolglos. Er stirbt noch an der Unglücksstelle.

Zehn Meter tiefer Fall

Die Kriminalwache wird eingeschaltet, der Kriminaldauerdienst. Das sind die Polizisten, die nachmittags ab vier, wenn die Bürozeit im Polizeipräsidium endet, zuständig sind. Wie der junge Mann zu Tode kam, ist schnell geklärt. Er ist vom Dach des mehr als zehn Meter hohen Parkhauses auf das Pflaster gefallen. Viel später werden die Rechtsmediziner feststellen, dass er von der meterhohen Brüstung des Parkhauses aus stehend mit dem Gesicht nach vorn in die Tiefe gestürzt, mit Gesäß und Rücken aufgeprallt ist.

Die Polizisten durchsuchen die Kleidung des Toten nach einem Hinweis auf seine Identität. Sie finden nichts. Keinen Ausweis, kein Portemonnaie, keine Fahrkarte, keinen Einkaufsbon, nicht einen einzigen Cent. Die Polizisten nehmen sich das Parkhaus vor, notieren sich die Kennzeichen der abgestellten Autos, halten Ausschau nach einer verwaisten Tasche, einem Rucksack. Nach irgendetwas, das einen Hinweis auf den Menschen geben könnte, der tot in der Kälte liegt. Nichts.

Wer kennt den unbekannten Toten aus Münster? Sprang er in den Tod oder wurde er gezwungen?

Von diesem Parkhausdach mitten in Münster stürzte der unbekannte junge Mann in den Tod. © Helmut P. Etzkorn



Nicht die oberste Priorität

Oben auf dem Parkdeck sichern sie Spuren, Fingerabdrücke. Sie befragen Nachbarn, Besucher des spanischen Bistros nebenan. Niemand hat ihn zuvor gesehen, hat bemerkt, woher er gekommen ist, wie er auf das Parkdeck kam. Niemand hat beobachtet, wie er in die Tiefe gestürzt ist. Der Staatsanwalt beschlagnahmt den Leichnam, schickt ihn in die Rechtsmedizin. Dann ist Wochenende. Da es kein Anzeichen auf ein Fremdverschulden gibt, hat der Fall nicht die höchste Priorität.

Die Akte 30 UJS 166/12

Am Montagmorgen, es ist der 6. Februar 2012, landet die Akte 30 UJS 166/12 im Zimmer 302 des Polizeipräsidiums Münster. Hier arbeitet Franz Richter (53), Kriminalhauptkommissar. Zu dieser Zeit seit 33 Jahren bei der Polizei, seit 16 Jahren in Münsters Polizeipräsidium in der Abteilung für Kapitaldelikte. Zuständig für Mord und Totschlag. Ein erfahrener Ermittler. Und jetzt zuständig für diese Akte mit dem Vermerk „Unbekannter Toter“.

Anfangs, da hat er geglaubt, er hätte einen Routinefall auf dem Schreibtisch. So wie zig andere in den Jahren zuvor. „Ich war absolut sicher, dass wir ganz schnell herausbekommen, um wen es sich handelt“, sagt Richter, als er sich später an diesen Tag erinnert.

Fingerabdrücke, DNA, Faserspuren

Als ersten Schritt ordnet Richter eine erneute, gründliche Spurensicherung an. „Ich habe entschieden, dass wir vorgehen wie bei einem Kapitaldelikt. Auch wenn alles nach einem Selbstmord aussieht, kann sich irgendwann herausstellen, dass der Mann doch gestoßen oder geworfen wurde. Dann brauchen wir objektive Beweise“, sagt Richter.

Also rücken die Spurenexperten an. Fingerabdrücke, Faserspuren, DNA-Material, Fußspuren - alles wird gesichert, katalogisiert. Der Tatort wird fotografiert, aus allen möglichen Winkeln und Perspektiven.

Die Polizei-Datenbank

Richter schickt die Fingerabdrücke des Toten in die Datenbank der Polizei. Er ist nicht registriert. Eine Vermisstenanzeige, die auf den jungen Toten aus Münster passen würde, liegt nicht vor. Auch die Kleidung bringt den Ermittler keinen Schritt weiter: „Die Jacke, die Schuhe, die Hose - alles Massenware. Im Discounter gekauft, bei Kik, Aldi, Lidl.“

Richter schickt noch am selben Tag eine erste Meldung über den Fund eines unbekannten Toten an das Landeskriminalamt. Von dort geht die Meldung bundesweit an jede Polizeidienststelle. Kennt jemand diesen Mann?

Die Obduktion

Am Dienstag, 7. Februar, wird der Leichnam in der Rechtsmedizin in Münster obduziert. Der junge Mann war 1,85 Meter groß, wog 70 Kilo. Der Sturz hat ihm den Schädel zertrümmert, zahlreiche Knochen gebrochen, innere Organe zerrissen. Todesursache: inneres Verbluten. Die Verletzungen passen zu einem Sturz aus großer Höhe.

Hinweise, dass er gestoßen oder geworfen wurde, finden sich nicht: „Keine Druckstellen, kein blaues Auge, nichts, was auf einen Streit mit jemandem anderen hindeutet“, sagt Richter. Der Mann war vollkommen nüchtern, hatte keinen Alkohol im Blut. Auch keine Spur von Drogen.

Der Obduktionsbericht spricht für einen Selbstmord, aber wer da seinem Leben ein Ende setzte, sagt er nicht: kein Tattoo, keine OP-Narbe, keine Einstichstelle, nichts. Gepflegte Zähne und auch sonst macht der Tote nicht den Eindruck, als habe der Mann sich zu Lebzeiten gehen lassen.

Die Zahn-Idee

Eine Sackgasse. Das Zahnschema wird aufgenommen. Das soll in Fachzeitschriften der Zahnärzte abgedruckt werden, wenn alle anderen Wege erschöpft sind. Eine Möglichkeit, die aber auch hier nicht zum Ziel führt, wie sich herausstellen soll. Kurz nach der Obduktion gibt die Staatsanwaltschaft den Leichnam frei und teilt das dem Ordnungsamt der Stadt mit.

Einer Puppe werden die Kleidungsstücke des Toten angezogen. Ein Foto vom Gesicht des jungen Mannes wird in das Foto dieser Puppe hineinmontiert. Eine Woche, nachdem der Mann starb, schickt die Polizei am Freitag, 10. Februar 2012, eine Pressemitteilung mit einem Foto an alle Medien.

„Ich war fest davon überzeugt, dass es sich um einen Studenten handelt. Irgendeine WG oder ein Vermieter wird ihn schon vermissen und sich dann bei uns melden. Es kommt doch tausendmal vor, dass jemand verschwindet und niemand, weiß, wo er ist“, sagt Richter.

Zwölf Zeugen melden sich

Das Ergebnis all der Bemühungen ist mager. Aus den Polizeidienststellen aus dem ganzen Bundesgebiet gehen zwölf Hinweise ein, die auf den Toten passen könnten. Alle münden ins Nichts.

Auf die öffentliche Fahndung in den Zeitungen und im Fernsehen melden sich 17 Menschen. „Mal wollte ihn einer in einem Lokal als Stammgast gesehen haben, mal jemand in Hiltrup im Supermarkt. Ich habe alles überprüft. Nichts.“

Am 23. Februar beantragt Franz Richter einen Beschluss des Gerichts, die DNA-Daten des jungen Mannes in die bundesweite Datei der vermissten Personen und unbekannten Toten einzustellen. Am 27. Februar folgt die Genehmigung, wenige Tage später sind die Daten im Netz. „Wenn jetzt irgendwo die DNA eines Vermissten eingestellt wird, die zu unserem Toten passt, wissen wir das sofort“, sagt Richter.

Die einsame Beerdigung

Der 29. Februar 2012, ein Mittwoch, kurz nach 9 Uhr. Ein einsamer Trauerzug bewegt sich an diesem nasskalten Wintermorgen zu dem Gräberfeld im hinteren Teil des Waldfriedhofs Lauheide, dem größten Friedhof Münsters, am Rande der Stadt, schon auf dem Gebiet der Stadt Telgte. Der Himmel ist wolkenverhangen, leichter Regen fällt auf den schlichten Kiefernsarg. Die beiden Friedhofsgärtner sind allein, als sie den Sarg ins Grab hinablassen.

Kein Pfarrer, kein Angehöriger, kein Freund begleitet den unbekannten Toten auf seinem letzten Weg. Die Stadt hat sich für eine Erdbestattung in einem Reihengrab entschieden. Der Kiefernsarg ist ausgepolstert mit einer Steppdecke und einem Kissen. Der Tote erhält ein Sterbekleid. 1679 Euro kostet die Beisetzung, die Kosten übernimmt die Stadt.

Wer kennt den unbekannten Toten aus Münster? Sprang er in den Tod oder wurde er gezwungen?

Das Grab des unbekannten Toten im Vordergrund ist von Gras bedeckt. Es trägt weder einen Grabstein noch ist es mit Blumen geschmückt. © Helmut P. Etzkorn

Der Grabstein ohne Namen

Die beiden Gärtner beeilen sich, schaufeln mit einem kleinen Bagger Erde auf den Sarg, stampfen sie fest und gehen. Mehr ist nicht zu tun. Der Mann, den sie zurücklassen, hat noch immer keinen Namen, sein Grab keinen Grabstein, nur eine Signatur: XV 3/163 RG.

Ende April versanden die Hinweise aus der Bevölkerung und aus anderen Polizeidienststellen. Es gibt keinen neuen Ansatz, dem Richter nachgehen könnte. Drei Monate später, Ende Juli, meldet sich eine Frau aus Norddeutschland. Während ihres Studiums in Münster habe sie 2005 einen Kommilitonen getroffen, der zu der Beschreibung des Toten passen könnte. Sie nennt einen Namen.

Richter hat eine neue Spur, doch die Hoffnung, das Rätsel endlich lösen zu können, schwindet rasch. Der Mann, den die Frau aus dem Norden meinte, lebt noch. Die bisher letzte Spur ist erkaltet.

Die offenen Fragen

Wer also ist der junge Mann, der am 3. Februar 2012 mitten in Münster starb? Das ist nicht die einzige Frage, über die Franz Richter grübelt: Hat er hier gewohnt? Oder ist er nur nach Münster gefahren, um hier zu sterben? Warum hier? Ist er freiwillig gesprungen oder wurde er gezwungen? Und dann die quälende Frage: Wieso kennt ihn niemand? Kann es das geben, dass jemand, der jung ist, gesund und gepflegt, niemanden hat, der ihn vermisst?

Wieso fehlt er in keiner Familie, keiner Clique, an keiner Uni, an keinem Arbeitsplatz? Wie groß muss die Einsamkeit dieses Menschen gewesen sein? Oder war vielleicht gerade diese Einsamkeit der Grund, aus dem er sich in den Tod stürzte? Hat er sie vielleicht hier, mitten in der Stadt, wo rings um ihn herum die Menschen feiern, so stark gespürt, dass er das Leben nicht mehr ertrug? Eine Antwort auf diese Fragen hat Richter nicht.

Das einzige Grab seiner Art

Sechs Monate später, ein Spätsommertag. Marietta Sandfort, die Frau von der Friedhofsverwaltung Lauheide, sucht in ihren Akten. Mit einem Plan in der Hand fährt sie auf einem Elektrorolli ans andere Ende des Waldfriedhofs Lauheide. Zwei Birken und eine Eiche spenden dem Grabfeld Schatten, auf dem Marietta Sandfort die Reihen und Gräber abzählt. „Hier ist es.“

Schütteres Gras bedeckt den schmalen Streifen. Rechts und links gepflegte Gräber, Blumen, Kreuze, Gedenksteine und vor allem eins: Namen. Mitten drin die letzte Ruhestätte des unbekannten Toten. 35.000 Gräber gibt es auf diesem Friedhof. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg ist dieses Grab das einzige, von dem niemand weiß, wer in ihm ruht.

Dezember 2019

Dezember 2019. Fast acht Jahre nach dem tödlichen Sprung tappt die Polizei in Münster noch immer im Dunkeln. Es gehe weder eine neue Spur noch neue Zeugenhinweise. Man bleibe aber dran an dem Fall, habe den Ehrgeiz, ihn zu Ende zu bringen, heißt es dort. Dann könnte die Nummer XV 3/163 RG auf dem Grab auf dem Friedhof Lauheide gegen einen Namen ausgetauscht werden.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Ebay/Quoka/Ebay Kleinanzeigen
Betrug bei Ebay mit Thermomix, Fitness-Uhr & Co: Herner legen 200 Schnäppchenjäger rein