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Übernachtungsstelle für Jugendliche in Not schließt in den nächsten Monaten

Koje Lünen

Die Koje, eine Übernachtungsstelle für Jugendliche in der Lüner Innenstadt, wird in den nächsten Monaten schließen. Das ist bitter – doch ein neues Angebot könnte kommen.

Lünen

, 20.07.2018
Übernachtungsstelle für Jugendliche in Not schließt in den nächsten Monaten

Peter Bollmann vom Dortmunder Verein Wellenbrecher sitzt in einem der Schlafzimmer auf einer „Koje“. © Storks

Eines ist sicher: Die Tage der „Koje“ sind gezählt – wann genau jedoch die Übernachtungsstelle für Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren in der nördlichen Innenstadt schließt, das steht zurzeit noch nicht fest. Mehr als „in den nächsten Monaten ist Schluss“, sagt Projektleiter Peter Bollmann (57) vom Dortmunder Verein Wellenbrecher nicht. Der erfahrene Pädagoge und seine Mitarbeiter Sabine von Reppert und Jean-Pierre Kastler wollen ihre Gäste nicht beunruhigen. „Die haben schon genug Probleme“, sagt Kastler während unseres Besuches in den Räumlichkeiten der Notschlafstelle.

Anerkannter Träger

Zwei Etagen-Wohnungen hat der anerkannte Träger der freien Jugendhilfe in dem Mehrfamilienhaus an der Borker Straße 3 angemietet. Die beiden zweckmäßig eingerichteten Wohnungen bieten jeweils Platz für vier Jugendliche – getrennt nach Mädchen und Jungen.

Seit 2011 nimmt die Koje im Schnitt 50 bis 60 Jugendliche pro Jahr auf, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr in ihrem Elternhaus leben können oder wollen. Erster Ansprechpartner für einen Schlafplatz sei das städtische Jugendamt, sagt Peter Bollmann.

Übernachtungsstelle für Jugendliche in Not schließt in den nächsten Monaten

Blick in die „Koje“ in Lünen © Storks

Dort würden sowohl die Platzvergabe in der Koje als auch mögliche Weitervermittlungen in andere Wohnprojekte koordiniert. Hand in Hand mit dem Jugendamt werde versucht, den jungen Menschen auch dann zu helfen, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht. Wobei den Gästen der Koje laut deren Mitarbeiterin Sabine von Reppert nichts aufgezwungen wird.

„Hier sollen sie erst einmal zur Ruhe kommen. Wer will, dem stehen wir beratend zur Seite, ganz ohne Zwang. Alles andere bringt nichts, dafür haben die Jungen und Mädchen schon zu viel erlebt.“ Was genau, dazu sagen die Koje-Mitarbeiter nichts, „weil das unsere Gäste nicht wollen“.

Strenge Regeln

In der Koje herrschen wenige, dafür aber strenge Regeln: Gefrühstückt wird gemeinschaftlich um 6.45 Uhr. Um 7.30 Uhr müssen die Bewohner das Haus verlassen, bei Wind und Wetter. Nur wer krank ist und das mit einem Attest belegt, darf tagsüber in der Koje bleiben. Einlass ist um 19 Uhr, um 20.30 Uhr gibt es ein warmes Abendessen, gekocht von Mitarbeitern der Koje.

Übernachtungsstelle für Jugendliche in Not schließt in den nächsten Monaten

© Storks

Den Jungen und Mädchen ist das Kochen wegen Auflagen des Gesundheitsamtes verboten. Wer bis 24 Uhr nicht in der Notschlafstelle ist, bleibt draußen. Außerdem geht dann eine Vermisstenmeldung an die Polizei raus. „Wird ein Jugendlicher von der Polizei auf der Straße erwischt“, sagt Jean-Pierre Kastler, dann werde der von den Beamten zu seiner aktuellen Meldeadresse, der Notschlafstelle, gebracht.

Hohe Kosten

Dass die Koje bald schließt, hat laut Peter Bollmann ausschließlich wirtschaftliche Gründe: „An unserer Arbeit liegt es nicht. Für uns ist es ein Erfolg, wenn jemand nach seinem Aufenthalt hier endlich wieder in die Schule geht, nach zwei Jahren Pause.“ Die durchschnittliche Verweildauer der betreuten Jungen und Mädchen liegt bei zwei bis drei Monaten. „In dieser Zeit versuchen wir mit Hilfe des Jugendamtes für sie eine geeignete Maßnahme zu finden.“

Das Projekt „Die Koje“ des Vereins Wellenbrecher finanziert sich über die Tagessätze, die der Verein über das Jugendamt der Stadt pro Jugendlichem bekommt. Damit, sagt Peter Bollmann, „sind unsere Kosten aber nicht gedeckt“. Das liege nicht nur an den Mieten. Zu Buche schlagen speziell die Personalkosten. „Selbst die beiden Nachtwachen müssten ausgebildete Pädagogen sein“, sagt Bollmann: „Für Wellenbrecher ist das ein Zubrotgeschäft.“

Übernachtungsstelle für Jugendliche in Not schließt in den nächsten Monaten

So sieht es in der Küche der Koje aus. © Storks

Am Ende ist auch das Ende der Koje eine Frage von Angebot und Nachfrage – und des Preises. Oder wie es beim Jugendamt auf Nachfrage heißt: „Beim Angebot der Koje handelt es sich um ein spezielles Konzept der Betreuung für Jugendliche, das in Lünen nicht ausreichend nachgefragt wurde.“ Von daher habe die Beendigung dieses Angebots auch keine weiterführenden Konsequenzen für die Lüner Jugendarbeit.

Neues Angebot

So bitter wie das Aus der Koje für Bollmann, für sein Team und deren „Jungs und Mädchen“ ist, so ganz zieht sich der Verein Wellenbrecher nicht aus Lünen zurück. In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt arbeite Wellenbrecher an einem neuen Angebot für Jugendliche im Alter von 16 bis 18/19 Jahre an gleicher Stelle, sagt Bollmann.

Dazu teilte uns das Jugendamt auf Nachfrage mit: „Unsere Fachabteilung ist bereits in Gesprächen mit dem Träger der Koje, um über mögliche andere Betreuungskonzepte in der bisherigen Örtlichkeit zu beraten. Abschließende Planungen gibt es hierfür aber noch nicht.“