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Platsch – und schon ist die Jacke des Gottesdienst-Besuchers dreckig. Über dem Eingang der St.-Johannis-Kirche in Schwerte-Ergste brüten Greifvögel. Die Gemeinde gibt ihnen eine Galgenfrist.

Ergste

, 11.07.2018 / Lesedauer: 4 min

Alles Gute kommt angeblich von oben. Doch auf den Platz vor der Ergster St.-Johannis-Kirche regnet es weder biblisches Manna noch gebratene Täubchen. Weiß und dreckig sind die „herunterfallenden Geschenke“, vor denen ein laminiertes Pappschild an der kupferbeschlagenen Doppeltür warnt. Verantwortlich für den Dreck ist eine Turmfalken-Familie, die ihre Kinderstube oben am Glockenturm eingerichtet hat – unmittelbar über dem Eingangsbereich.

„Vor vier bis fünf Wochen sah man die ersten Flecken auf dem Fußboden“, berichtet Presbyter und Kirchmeister Bernd Westerhoff. Lauter Schmelz, wie die Ausscheidungen der Vögel in Fachkreisen genannt werden. Durch seinen Feldstecher spähte Westerhoff an den Bruchsteinmauern herauf und entdeckte die Übeltäter in einem Nest, das sich Elstern vor ein paar Jahren im Knick eines Regenfallrohrs direkt unter dem Turmhelm gebaut hatten. Eine ziemlich unordentlich wirkende Ansammlung von Ästen, rund 30 Meter über dem Erdboden. Jetzt hatten Turmfalken den verlassenen Platz besetzt. „Mit dem Fernglas habe ich drei bis vier Junge und drei Altvögel gesehen“, berichtet Westerhoff. Letzteres sei sehr ungewöhnlich, eine Art „Sozialgemeinschaft“.

Beim Gang zum Gottesdienst müssen die Besucher seitdem auf der Hut sein, um von Klecksen auf Kopf oder Jacke verschont zu bleiben. Denn: „Wir durften die Turmfalken nicht umsetzen“, sagt Westerhoff. Das verbiete der Naturschutz. Auch vertreiben darf man die Vögel während ihres Brutgeschäfts natürlich nicht.

Turmfalken besetzen Elsternnest am Kirchturm in Ergste

Das sind die Hinterlassenschaften der Turmfalken in Ergste. © Bernd Westerhoff

Warum man die Turmfalken nicht vertreiben darf

Turmfalken sind zwar – nach dem Mäusebussard – die zweithäufigste Greifvogel-Art in Europa, erklärt Reinhard Wohlgemuth, der Experte für diese Spezies bei der Arbeitsgemeinschaft für Ornithologie und Naturschutz (Agon): „Aber in den letzten Jahren sind sie immer mehr am Abnehmen – in ganz Europa.“ In Schwerte zählte er in diesem Jahre insgesamt elf Brutpaare. In seinem ganzen Arbeitsbereich – er umfasst das Messtischblatt „4511 Schwerte“, das auch Dortmund, Hagen, den Kreis Unna und den Märkischen Kreis erhält – beobachtete Wohlgemuth 33. Mag sein, dass er in dem ausgedehnten Gebiet den einen oder anderen Horst übersehen hat. Trotzdem seien es weniger als in den Vorjahren: „Ich hatte schon mal mehr als 50.“

Grund für den Rückgang sei, dass die Reviere weniger und auch die Brutplätze immer knapper würden, so Wohlgemuth. Eigene Nester bauen die Falken nie. Sie suchen sich meistens felsige Höhlen, in denen das Weibchen die Eier einfach auf den Boden abgelegt. Der ist höchstens mit ein wenig Gewölle, den unverdaulichen Überbleibseln von Mäusefellen ausgelegt. Das ist die Lieblingsbeute der Greife. Nur wenn Mäuse knapp werden, weichen sie auf Kleinvögel aus.

„Felsen haben wir hier ja nicht, und natürliche Löcher werden zugemauert“, sagt Wohlgemuth. Deshalb helfen die Agon-Aktivisten mit Nistkästen aus. Auch an der Johanniskirche habe man im Jahre 2007 einen aufgehängt. Weil sich Tauben darin breitmachten und viel Dreck produzierten, musste das Einflugloch jedoch mit Drahtgeflecht verschlossen werden. Turmfalken brauchen eine Öffnung von rund acht Zentimetern Durchmesser: „Da kommt auch jede Taube rein.“

Turmfalken besetzen Elsternnest am Kirchturm in Ergste

Hier waren mal Elstern – jetzt sind im Nest die Turmfalken zu Hause. © Foto: Bernd Westerhoff

Wie lange brüten Falken? Wann kann man das Nest entfernen?

Offensichtlich gefiel den Turmfalken aber die evangelische Kirche, sodass sie sich das leer stehende Elsternnest zu eigen machten. Dort dürfen sie bleiben, bis ihre Jungen flügge sind. „Das ist je nach Futtermenge rund 30 Tage nach dem Schlüpfen“, weiß Wohlgemuth. Bei den ersten der Greifvögel sei es am Montag so weit gewesen. Sie flogen mit ihren Eltern aus, um das Jagen zu lernen. Schlafen werden sie ein paar Tage später dann schon in benachbarten Bäumen.

Sobald das Nest endgültig leer und verlassen ist, soll es vom Kirchturm entfernt werden. „Ich schätze, dass wir es Ende der Woche da oben wegmachen können“, sagt Wohlgemuth. Die Untere Naturschutzbehörde beim Kreis Unna habe ihm bereits am Dienstag die mündliche Genehmigung zu der Aktion erteilt. Mithilfe einer Feuerwehrleiter wolle er an der Turmfassade hinaufkommen. Ein künstliches Ersatznest wird es an dieser Stelle nicht geben, da sie ungeeignet sei.

Nach dem Winter, den sie in der Nähe oder weiter südlich in Europa verbringen, müssen sich die Turmfalken also einen neuen Brutplatz suchen. Aber nicht am Turm der nahen Ergster Justizvollzugsanstalt. Dort musste – so Wohlgemuth – ein Falkenkasten ebenfalls entfernt werden. Aus Sicherheitsgründen während der Vogelgrippe-Gefahr. Denn die Nisthilfe habe genau über dem Weg gehangen, den die Bediensteten zu ihrer Kantine nehmen mussten.