Trotz des Abbruchs wollen die Kämpfer für den Erhalt der Lutherschule noch nicht aufgeben

Lutherschule

Das Grundstück ist leer: Nicht nur die Lutherschule ist verschwunden, sondern auch der Bauschutt, der von ihr übrig geblieben war. Dennoch will die Initiative für den Erhalt nicht aufgeben.

21.10.2018, 10:32 Uhr / Lesedauer: 3 min
Trotz des Abbruchs wollen die Kämpfer für den Erhalt der Lutherschule noch nicht aufgeben

Die Lutherschule, kurz vor dem völligen Abriss © FOTO:CAROLIN WEST

Dass es etwas seltsam klingt, weiß Wilhelm Gryzcan-Wiese: „Wir machen weiter“, sagt einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens für den Erhalt der Lutherschule. Dabei ist die Schule seit rund einem Monat Geschichte. Zu erhalten gibt es da nichts mehr. Aber zu klären, wie Gryzcan-Wiese meint.

Er und seine Mitstreiterinnen Marion Küpper und Natalie Stefanski, beide von den Grünen, wollen Beschwerde einlegen beim Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen gegen das Vorgehen der Stadt. Der Rat hatte im Juli eine Sanierungs-und Erhaltungsklausel aus dem vier Jahre zuvor geschlossenen Kaufvertrag mit der kreiseigenen Wohnungsbaugesellschaft UKBS gestrichen. Der zunächst geplante Umbau des 106 Jahre alten Gebäudes zu Wohnungen sei unwirtschaftlich geworden, so die UKBS. Die Stadt machte ihr daraufhin den Weg frei für einen Neubau und erteilte innerhalb weniger Tage die Abrissgenehmigung. Während Gryzcan-Wiese und seine Mitstreiter noch Unterschriften sammelten, begann der Abriss. Und hörte auch nicht auf, als sich zeigte, dass fast 2000 Selmer unterschrieben haben: genug, um die Sache mit einem Urnengang entscheiden zu lassen.

„Ich weiß, wir können die Uhr nicht zurückdrehen“, sagt der Architekt und Stadtplaner. Aber die Diskussion beleben über das, was richtig ist und falsch, könne die Initiative schon - durch die Einschaltung des Gerichts. Die Idee dazu stammt von der Bezirksregierung. An sie hatten sich die Kämpfer für Schule und Basisdemokratie gewandt, nachdem eine Beschwerde beim Kreis Unna lange unbeantwortet geblieben war. Das hat sich inzwischen geändert.

„Ein Rechtsverstoß der Stadt Selm ist nicht festzustellen.“ Das hatte Mike-Sebastian Janke, seit Mai Kreisdirektor in Unna, festgestellt. Das von Gryzcan-Wiese angestoßene Bürgerbegehren als Element der direkten Demokratie ergänze zwar das repräsentativ-demokratische System, schreibt Janke in dem vierseitigen Brief, es überlagert es aber nicht. Mit anderen Worten: Das Votum der Bürger sei nicht per se mehr wert als das des Rates. Rechtlich sei es Bürgermeister Löhr nicht möglich gewesen, den Abriss des Gebäudekomplexes zu stoppen. Janke sieht auch keinen Grund für einen Widerruf der Abbruchgenehmigung. Gryzcan-Wiese sieht das anders. Und er hofft, dass das Verwaltungsgericht seine Rechtsauffassung teilt - nicht aus Rechthaberei, wie er sagt, sondern aus einem anderen Motiv.

„Das Vertrauensverhältnis vieler Bürger zum Staat ist empfindlich gestört worden“, meint Gryzcan-Wiese. Bei ihnen bleibe der Eindruck, dass es zwar Spielregeln für basisdemokratische Mitbestimmung gebe, sie aber, wie es im Schreiben des Kreisdirektors durchklinge, nicht unbedingt Anwendung finden müssten. „Eben so, wie es gerade auskommt.“ Eine juristische Aufbereitung könne helfen, diesen Eindruck zu zerstreuen.

Wie genau die Klageschrift aussehen wird, weiß die Initiative noch nicht. Sie lässt sich derzeit anwaltlich beraten. „Wir haben noch Zeit bis zum 28. Oktober“ sagt Wilhelm Gryzcan Wiese.

Der Selmer Maler und Objektkünstler Heinz Cymontkowski will so lange nicht warten. Er hat bereits in dieser Woche mit einer ganz eigenen Aufarbeitung der Ereignisse begonnen, die auch er als ungerecht empfindet. Cymontkowski hat Postkarten drucken lassen mit dem Motiv der Lutherschule - unmittelbar vor ihrem Zusammenbruch. Die Baggerschaufel greift von der Seite in das Bildzentrum um den Gebäudetorso umzureißen. Für jeweils einen Euro sind die Grußkarten der besonderen Art in der Marktbuchhandlung, Willy-Brandt-Platz 3, zu erhalten. „Das ist meine Art, damit umzugehen“, sagt Cymontkowski. Er wolle erinnern: daran wie erhaben das alte Beifanger Gebäude aus der Zeit der Zechengründung war. Und daran, wie unbesonnen Selm gewachsene Strukturen zerstöre - nicht nur im Fall der Lutherschule. „Mein Archiv ist voll mit Fotos von anderen abgerissene Häusern“: vom Thalia-Kino bis zur Josefskirche.

Die Wohnungsbaugesellschaft UKBS blickt indes lieber nach vorne als zurück. Architekten seien derzeit dabei, den geplanten Neubaukomplex anzupassen, sagt Geschäftsführer Matthias Fischer. Der erste Entwurf für die Anlage mit 30 Wohnungen war im Bauausschuss als zu kompakt gerügt worden. Ob es in einem neuen Entwurf bei den geplanten 30 Wohnungen bleiben wird, ist offen. An der Quadratmeter-Miete von 7,50 Euro wolle er aber nicht rütteln.

Die UKBS würde noch einmal genauso handeln. Gryzcan-Wiese auch - mit einem Unterschied. „Dieses Mal würde ich versuchen, es besser zu machen.“

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