Tochter findet in Brambauer für ihre 93-jährige Mutter keinen Hausarzt

dzVolle Praxen

Eine 93-Jährige möchte in ein Seniorenheim nach Brambauer ziehen. Ihre Tochter sucht für sie einen Hausarzt. In allen sechs Praxen gibt es Absagen. Daraufhin muss sie den Heimplatz aufgeben.

Brambauer

, 22.02.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Mutter ist Diabetikerin, hatte einen Schlaganfall und braucht Herzmittel. Vor allem braucht sie einen Hausarzt, der sie im Seniorenzentrum betreut. Dorthin wollte die 93-Jährige aus Berlin umziehen. Doch ihre Tochter konnte in Brambauer für sie keine hausärztliche Versorgung erreichen. „In allen Praxen hieß es, sie seien überlastet“, schildert die Tochter.

Absage ist kein Einzelfall

Ihr Erlebnis ist kein Einzelfall. Im November hatte eine 41-Jährige eine ähnliche Erfahrung gemacht. Sie war aus Dortmund in den größten Lüner Stadtteil gezogen. Ihre damalige Hausärztin hatte die Praxis aus Altersgründen aufgegeben. Die Suche nach einem neuen Arzt in Brambauer, der auch Hausbesuche macht, scheiterte.

In ihrer Verzweiflung hat die Tochter für ihre 93-jährige Mutter einen Notplatz im Coldinne-Stift in Alstedde organisieren können - samt hausärztlicher Betreuung.

Was macht die Situation in Brambauer so schwierig? Auf Nachfrage in der Praxis Dres. Lubienski hieß es: „Letztendlich ist es eine Frage der Ressourcen, der ursächlich viel zu Grunde liegt. Dies hier breiter zu erläutern, fehlt mir die Zeit. Die Praxis ist sehr voll.“

„Keine Kapazitäten mehr“

Die Arzthelferin von Dr. Müge Karacicek erklärte am Telefon: „Wir haben momentan überhaupt keine Kapazitäten mehr.“

Dr. Michael Funke ist Vorsitzender des Lüner Ärztevereins. Er sagte zu dem Fall im November, die hausärztliche Versorgung in Lünen werde von weniger und immer älter werdenden Ärzten geleistet. Es könne quartalsweise sein, dass in einzelnen Praxen keine neuen Patienten mehr zusätzlich versorgt werden können.

Bereich für weitere Ärzte gesperrt

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) betrachtet Lünen und Selm als eine Planungsebene. Dort sind 62,5 Hausärzte für 112.300 Einwohner tätig. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 110,1 Prozent. Damit gilt der Bereich rein rechnerisch als überversorgt. Für weitere Hausärzte ist Lünen und Selm damit gesperrt.

Selbst wenn ein Arztsitz frei würde, profitiert nicht unbedingt Brambauer davon. Ein Hausarzt könne sich nach Auskunft von KVWL-Sprecherin Vanessa Pudlo in Selm und Lünen niederlassen, wo er wolle. „Es gibt grundsätzlich eine Niederlassungsfreiheit, es sei denn, der Sitz ist versorgungsrelevant. Dann entscheidet der Zulassungsausschuss im Einzelfall.“

25 neue Patienten pro Quartal

An der Königsheide in Brambauer hat Dr. Johannes Püschel seine Praxis. Auch er berichtet von vielen Patienten-Anfragen. Der Druck auf die Praxis sei massiv gewachsen. Zu zweit würden sie dort so viel arbeiten wie drei durchschnittliche Hausärzte. Dr. Püschel nimmt pro Quartal 25 neue Patienten auf. „Wir müssen ihnen ja auch gerecht werden: Es hilft ja nichts, wenn alles nur schnell, schnell geht.“ Von einer „Drehtürmedizin“ hält er nichts.

Zeit für Gespräche nehmen

Seine Patienten kommen nicht nur aus Brambauer, sondern auch aus Brechten, Eving, Waltrop oder Bork. Als Gründe für die vollen Praxen, nennt er gleich mehrere: Junge Ärzte seien heute besser ausgebildet und würden ein breiteres medizinisches Spektrum anbieten. Teilweise würden sie Facharztleistungen übernehmen müssen, weil ihre Patienten dort kaum mehr unterkommen. Hinzu kämen viele ältere und kränkere Patienten, auch in Pflegeheimen, und der Anspruch, sich Zeit für Gespräche zu nehmen. „Wenn ich zu viele Patienten habe, kenne ich den Einzelnen nicht mehr“, sagt er. Das sei momentan schon eine nicht zufriedenstellende Situation.

Alle sechs Brambauer Arzt-Praxen mit zehn Sitzen haben sich zum Medicus-Verbund zusammengeschlossen. Püschel hofft, „durch eine noch engere Zusammenarbeit der Praxen die Versorgungssituation in Brambauer weiter verbessern zu können.“

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