Tochter eines Nazi-Opfers auf Spurensuche in Lünen

dz„Kinder der Turnstunde“

Der Film „Die Kinder der Turnstunde“ erzählt nicht nur bedrückende Geschichte von Opfern des Holocaust aus Lünen. Er brachte auch eine Familie aus Israel zu einer Spurensuche in Lünen.

Lünen

, 09.11.2018, 15:36 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Berlin waren sie schon oft, haben auch Dresden besucht. Lünen jedoch, die Stadt, aus der ihre Mutter und ihre Großeltern stammen, kannte Yael Rosenfeld bisher noch nicht. Vor zwei Jahren war ihre Schwester Magi Vigdor mit ihrem Mann zum ersten Mal nach Lünen gereist, zur Premiere von Michael Kupczyks Dokumentarfilm „Die Kinder der Turnstunde“, in dem Lore Gottlieb zu Wort kommt.

Tochter eines Nazi-Opfers auf Spurensuche in Lünen

Magi Vigdor war vor zwei Jahren in Lünen. Sie fotografierte für ihre Mutter Lore Gottlieb den großen Garten hinter dem Haus an der Gahmener Straße. © Günter Blaszczyk

Die Mutter der beiden Schwestern. Sie erzählt, wie es damals war, in den 1930er-Jahren in Lünen, als Kind, dessen Familie jüdisch ist. Wenn die Musiklehrerin in die Klasse kommt und den Kindern Hasslieder auf Juden beibringt. Wenn statt eines „Guten Morgen“ der Hitlergruß gezeigt wird.

Lore Gottlieb, eine der Töchter der jüdischen Familie Terhoch, ist 1936 mit Eltern und Schwestern in die Niederlande geflüchtet. „Wir haben so darunter gelitten, dass wir in unserem eigenen Haus Angst haben mussten“, sagt Lore Gottlieb 80 Jahre später in die Kamera von Michael Kupczyk. Die Enkelin der Familie, die sie versteckt hielt, lernten Yael Rosenfeld und ihr Mann Ygal Volkmann am Freitag in Lünen kennen. Alle drei sind gekommen, um an der Gedenkstunde zur Pogromnacht teilzunehmen.

Rundreise durch Deutschland

Seit Montag ist das Ehepaar, das in Tel Aviv lebt, in Deutschland. Berlin, Celle und nun Lünen sind ihre Ziele. „Wir wollen auch noch nach Köln und dann nach Worms, wo es eine alte Synagoge gibt“, so Volkmann. Sein Vater stammt aus Leipzig, ist 1937 nach Israel ausgewandert. Er spricht hervorragend Deutsch, weil er zweieinhalb Jahre in Karlsruhe gearbeitet hat. Auch seine Frau spricht Deutsch. Ihre Mutter, die in wenigen Tagen 96 Jahre alt wird, sagt in Kupczyks Film: „Ich schaue immer auf Deutschland, das ist doch mein Land.“ Und das trotz der schrecklichen Dinge, die man ihr und ihrer Familie angetan hat. Ihre Eltern sind im KZ Auschwitz ermordet worden.

Sie selbst ist in den Niederlanden verraten, dann verhaftet und ins KZ Bergen-Belsen gebracht worden. Als die Amerikaner das KZ befreiten, wog sie nur noch 36 Kilogramm. „Heute wäre es nicht mehr möglich, sie zu für den Film zu interviewen“, sagt ihre Tochter Yael Rosenfeld.

Tochter eines Nazi-Opfers auf Spurensuche in Lünen

Lore Gottlieb, geb. Terhoch, lebt seit Jahrzehnten in Israel. In Haifa interviewte Michael Kupczyk die gebürtige Lünerin. © Michael Kupczyk

Sie ist froh, dass Michael Kupczyk vor zwei Jahren in Haifa noch das Interview führen konnte. Vieles hatten sie und ihre Schwester auch dadurch erfahren, was sie bislang nicht wussten. Weil ihre Mutter eigentlich nicht darüber sprechen wollte.

In der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule

Am Freitagmorgen sind die beiden Gäste aus Israel mit Kupczyk in die Käthe-Kollwitz-Gesamtschule gefahren. Dort sahen Schüler eine Kurzversion des Dokumentarfilmes, konnten dem Regisseur Fragen stellen. Eigentlich hatte er geplant, dass auch Yael Rosenfeld zu Wort kommt. Doch sie wollte lieber nur still zuhören. Danach ging es nach Gahmen, dorthin, wo die Familie Terhoch bis 1936 gewohnt hat. Dorthin, wo heute Stolpersteine an die fünfköpfige Familie erinnern.

Besonders freute sich Yael Rosenfeld aber auf die Begegnung mit der Enkelin der Familie, die ihre Mutter Lore in den Niederlanden versteckt hatte. „Ich hab auch ihre Mutter gekannt, sie war bei uns in Israel, hatte auch regelmäßig Kontakt mit meiner Mutter und meiner Schwester.“ Die Großeltern, die Lore Terhoch schützten, waren von Israel und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt worden, mit dem Titel „Gute Menschen in der Welt“ für ihren Mut, eine junge Jüdin vor den Nazis zu verstecken. „Man hat in Yad Vashem einen Baum für sie gepflanzt.“

Den Kontakt mit dieser Familie zu halten, das ist für Yael Rosenfeld und ihre Familie „sehr wichtig“. So wie es auch wichtig ist, Spuren des Lebens ihrer Mutter, ihrer Großeltern in Lünen zu sehen.

Immer noch sehr berührt

So wichtig wie diese Kontakte mittlerweile auch für Michael Kupczyk geworden sind. Als er vor zweieinhalb Jahre nach Israel flog, um Lore Gottlieb für „Die Kinder der Turnstunde“ zu interviewen, war er aufgeregt: „Ich war vorher noch nie in Israel, hatte noch nie mit einem Überlebenden des Holocaust gesprorchen.“ Heute - nachdem er seinen Film „wahrscheinlich schon 100 Mal gesehen“ hat, bekennt er: „Es gibt immer noch Stellen, an denen ich losheule.“

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