Die amerikanischen Nuklearraketen in Hengsen standen auf der Liste potenzieller Ziele der sowjetischen Truppen. Dr. Theo Surmann (76) war in die Planspiele der Militärs eingeweiht.

Schwerte

, 06.11.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am ganzen Körper schlimmste Verbrennungen zweiten und dritten Grades, bis auf die Knochen. Das drohte im Ernstfall allen Schwertern, die nicht im Atombunker unter dem Marktplatz Schutz fanden. Der Ernstfall, das war im Kalten Krieg ein sowjetischer Atomraketen-Angriff auf die amerikanische Atom-Basis im kaum zehn Kilometer entfernten Holzwickede-Hengsen. Keine Horrorvision, sondern Planspiel der Militärs, wie Dr. Theo Surmann berichtet.

Hitzewelle von 20 Millionen Grad hätte Schwerte erfasst

Bei einem Einschlag sowjetischer Raketen – so der Mediziner – wäre eine Temperatur von 20 Millionen Grad entstanden: „Die Hitzewelle hätte sich im Umkreis von zwölf Kilometern um Holzwickede ausgebreitet.“ Der heute 76-Jährige Dr. Theo Surmann war in das Schreckensszenario der Militärs eingeweiht. Zusammen mit einem weiteren Kollegen aus Schwerte, der als Bunkerarzt vorgesehen war, sollte er die Versorgung der Bevölkerung übernehmen. Die hätte von ihrer Stadt nicht mehr viel wiedergefunden, denn die extreme Druckwelle hätte die Häuser weitgehend zerstört. Ganz zu schweigen von der Verseuchung mit Neutronen- und Gammastrahlung aus der Kernspaltung.

Schwere Stahltore können die Einfahrt verschließen

Ein mulmiges Gefühl erfasst Dr. Surmann deshalb immer noch, wenn er in die Tiefgarage mit den schweren Stahltoren und kriegerisch anmutenden Eisen-Armaturen an den Wänden hineinfährt. Als die staatlichen Stellen von den Plänen für das 1979/80 errichtete City-Centrum hörten, sei das NRW-Innenministerium an die Stadt herangetreten: „Die wollten einen Bunker.“ Im Gegenzug winkte man mit Zuschüssen für den Bau.

19 Plastikklos für 1685 Menschen

Das Ergebnis war aber eher eine Beruhigungspille, wie vielerorts in der Bundesrepublik in dieser Zeit. „Für seine Zwecke ist der Bunker eine absolute Fehlkonstruktion“, sagt der Mediziner. Im mittleren Teil der Tiefgarage sollten 1685 Menschen drei Wochen lang ausharren – auf jeweils zwei Quadratmetern, ohne Betten. Für alle gab es 19 lindgrüne Plastik-Campingtoiletten, abgetrennt lediglich durch Plastikplanen. Statt Wasserspülung gab es einen durchsichtigen Plastikbeutel wie für Hunde und Mülltonnen. Und woher überhaupt die nötigen Lebensmittel kommen sollten, weiß der Mediziner nicht. Er ist aber überzeugt, dass es entgegen aller offiziellen Beteuerungen doch eine Liste der Schwerter gab, die eingelassen werden sollten: „Im Prinzip stand ich auf der Liste, aber meine Familie nicht.“ Für Kleinkinder – seine Kinder wurden 1965 und 1974 geboren – sei die Anlage nicht vorgesehen gewesen.

Stadt freute sich über Zuschüsse für den Garagen-Bau

„Als der Bunker in Schwerte gebaut wurde, hat sowie schon jeder drüber gelacht“, sagt der Schwerter Dietmar Dorn, der 1964 bis 1966 beim zuständigen Regimentsstab in Soest tätig war. Die Stadt sei vielmehr froh gewesen, dass sie durch den Luftschutzraum einen Zuschuss für den Bau ihrer Tiefgarage bekommen habe.

Soldaten machten heimliche Fotos von den Raketen

Einblicke in die Raketenstellung in Hengsen hatte der Schwerter Hermann Klüh, der von März 1966 bis Juni 1967 seinen Wehrdienst auf dem dortigen Truppenübungsplatz ableistete. In einem kleinen Fotoalbum hütet er ein paar sechs mal sechs Zentimeter große Schwarzweiß-Fotos, die Einblicke in die einst streng geheime Raketenwelt geben. „Die hat ein Kamerad von einem Posten heimlich aus geschossen“, erzählt er.

„Da gab es drei Abschussrampen: Alpha, Bravo und Charlie“, berichtet Hermann Klüh.

Tiefgarage am Markt sollte Schwerter beim Angriff auf die Atombasis Hengsen schützen

Regelmäßig musste Hermann Klüh in seinem Wehrdienst 1966/67 auf dem Truppenübungsplatz Hengsen die Nike-Herkulesraketen auf eine der drei Abschussrampen holen und aufrichten. In der Blechhalle lagerten neben fünf herkömmlichen Raketen auch jeweils zwei mit atomaren Sprengköpfen, erkennbar jeweils an ihrer roten Spitze. © Repro: Reinhard Schmitz

Daneben hätten Blechhallen gestanden, in denen jeweils sieben Raketen lagerten: „Die ersten fünf hatten einen herkömmlichen Sprengsatz, die letzten zwei trugen Atomsprengköpfe.“ Erkennbar waren die Nuklearwaffen an einer roten Spitze. Der Wehrdienstleistende und seine Kameraden hatten die Aufgabe, bei Übungen die Raketen auf einer Schiene aus dem Lager zu den Abschussplätzen zu fahren und aufzurichten. Dann wurde der Abschuss simuliert. „Die Raketen waren bei den Übungen gesichert und konnten nicht zünden“, beruhigt der 72-jährige.

Amerikanische Soldaten bewachten die Atomwaffen

Vorrangige Aufgabe der Waffen sei die Abwehr feindlicher Luftfahrzeuge gewesen, erklärt Klaus Rabenhorst (72), der ebenfalls in seiner aktiven Zeit in Hengsen Dienst tat. Etwa die Hälfte der rund 20 amerikanischen Soldaten sei dort für die Bewachung der atomaren Sprengköpfe zuständig gewesen. Die maximale Reichweite der Raketen habe 155 Kilometer betragen. „Es bestand auch die Möglichkeit, Raketen auf Bodenziele zu schießen – maximale Reichweite 183 Kilometer“, erklärt Rabenhorst.

Nur mit ID-Karte kam man in den Abschussbereich

„Die Oberaufsicht für den inneren Bereich hatten die Amerikaner“, sagt Hermann Klüh. Einlass habe man dort nur mit ID-Karte bekommen – und auch jeweils nur zu zweit: „Und wenn die atomaren Missiles aus den Hallen rausgefahren wurden, standen die Amerikaner Gewehr bei Fuß.“ Nur die US-Soldaten konnten die Waffen auch auf Befehl der Nato schärfen, ergänzt Klaus Rabenhorst.

Der Schichtdienst in Hengsen war für die Behörden so sicherheitsrelevant, dass Hermann Klüh während seines Wehrdienstes in der 3. Flarak-Batterie Reisen nach Ostberlin verboten waren. Dafür durften er und seine Kameraden aber einmal im Jahr zu einem Fort in Texas fliegen – zum Probeschießen. Die Munition war sparsam dosiert: „Es wurde nur eine Rakete pro Batterie verschossen.“ Wenn man gut gezielt hatte, winkte ein Tag Sonderurlaub für alle.

Bundesnachrichtendienst stand in der Arztpraxis

Alles Erinnerungen, die Dr. Theo Surmann aber jedesmal einholen, wenn er an der Tiefgarage vorbeigeht. Schon während seiner Studienzeit in Köln, so berichtet er, hätten der Militärische Abschirmdienst (MAD) und der Bundesnachrichtendienst (BND) versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Später standen die Männer in langen Mänteln und mit Hut, geradeso wie in einem Agentenfilm, dann auf einmal vor seiner Praxis über der Adler-Apotheke an der Hüsingstraße. Sie wollten den Arzt anwerben, der nur wenige Schritte von der Tiefgarage entfernt arbeitete.

Weitere Einblicke in die militärischen Planungen erhielt der Mediziner, als er 1972 zu einer Stabsrahmenübung der 7. Division in Unna gerufen wurde: „Dabei habe ich mitbekommen, dass man einen Nuklearangriff von der Sowjetunion befürchtete.“ Die Amerikaner seien an den Planspielen beteiligt gewesen. „Alle waren in der Wahnvorstellung, man könnte diese Strahlung überstehen.“

Dr. Surmann kannte eigentlich Sinn des Probealarms

„Das sind die Kenntnisse, die ich habe“, erklärt Dr. Surmann. Kein Wunder, dass ihm jedes Mal alle Haare zu Berge standen, wenn die Sirene gegenüber seiner Praxis zur Probe blies. Das passierte in Zeiten des Kalten Kriegs jede Woche, nur dass die meisten Schwerter nicht so genau wussten, warum. Viele glaubten, es werde nur die Funktionsfähigkeit der Anlage für Feuerwehreinsätze getestet. In Wirklichkeit jedoch bedeutete der einminütige, an- und abschwellende Ton einen Luft- oder ABC-Alarm. Vor und nachher dröhnte jeweils ein einminütiger Dauerton über die Stadt.

Das regelmäßige Probeblasen war seit seit der Auflösung des Ostblocks lange Zeit verstummt. Als es im September landesweit wieder ertönte, weckte es bei der älteren Generation schwere Erinnerungen. „Es ist heute leider wieder genauso brandgefährlich wie damals – und das hätte ich mir nicht träumen lassen“, sagt Dr. Surmann mit Blick auf die atomare Aufrüstung in vielen Ländern der Erde: „Eigentlich müsste sich die Menschheit von diesen Waffen total entfernen.“

Der Bunker ist noch nicht aufgegeben

Aber: „Der Bunker ist immer noch in Betrieb. Er ist nicht aufgegeben“, sagt Hans Dieter Hoffmann vom Zentralen Immobilien-Management der Stadt. Ein einfacher Sandfilter soll die von der Atom-Explosion glühendheiße Luft abkühlen, bevor sie über einen Aktivkohlefilter hineingelassen wird. Ein kleines Notstromaggregat sorgt für Licht, solange die 1500 Liter im Dieseltank reichen. 80.000 Toilettenbeutel sind immer noch eingelagert. Das ist alles.

Allerdings Die letzte Übung fand 1986 in der Anlage statt. Hans Dieter Hoffmann kennt den Grund: „Die Geschäftsleute protestierten, weil dann die Tiefgarage jedes Mal zwei Tage lang gesperrt werden musste.“ Und bei der Stadt sind alle die 15 bis 19 Mitarbeiter längst in Rente, die für den Bunkerbetriebsdienst eingeteilt waren. Sie wussten beispielsweise, wie die schweren Stahltore mit den dicken Schrauben verrammelt werden.

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