Ihren Alltag bestreitet die 19-jährige Emelie Bonet-Vila durch eine schwere Krankheit im Rollstuhl. Ein Pferd hilft ihr bei der Therapie, die lange nicht erfolgsversprechend schien.

von Mario Bartlewski, Karolin-Sophie Mersch, Madita Schmitte

Werne

, 17.10.2018, 05:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit einem breiten Lächeln sitzt Emelie Bonet-Vila auf dem Pferd, das in der Halle umher trabt. Auf dem Pferd vergisst die 19-Jährige alles um sich herum und sitzt konzentriert auf Gin-Tonic. Doch welch große Herausforderung der Ritt für die 19-Jährige ist, wird erst beim zweiten Blick auf die junge Frau sichtbar.

Eigentlich sitzt Emelie in einem Rollstuhl, hat Störungen in der Motorik und dem Gleichgewicht. Doch das Reiten bietet ihr ganz neue Möglichkeiten - und hilft ihr auch abseits des Reitvereins.

Mutter: „Ich bin dankbar, wie es sich entwickelt hat“

„Ich bin dankbar dafür, dass sich alles so entwickelt hat“, sagt Emelies Mutter Natascha Bonet-Vila (40). Seit zwölf Jahren besucht sie zusammen mit ihrer Tochter jeden Samstag den Verein für Reittherapie des Kreis Unna auf der Reitanlage Schwert in Werne. Hier ist sie eine junge Frau wie jede andere, voller Lebensfreude und Selbstbewusstsein.

Damit das Reiten trotz ihrer Behinderung funktioniert, haben sich Mutter, Helfer und Therapeutin seit Langem eingespielt. Ein Helfer führt das Therapiepferd, während Emelie darauf sitzt. Mutter Natascha läuft während der 30 Minuten langen Sitzung neben dem Pferd her und hält Emelies Bein, damit sie nicht vom Pferd herunter rutscht. „Das funktioniert super“, sagt Natascha Bonet-Vila.

Entwicklung gleicht einer Achterbahnfahrt

Doch durch die schwere Krankheit hat Emelie bereits eine Entwicklung hinter sich, die einer Achterbahnfahrt gleicht. Als Kleinkind habe sich Emelie zunächst gut entwickelt, doch sei sie wackelig gelaufen und immer wieder plötzlich umgefallen. Die Ärzte stellten nach zahlreichen Untersuchungen fest, dass Emelie am seltenen Louis-Bar-Syndrom leidet, bei dem unter anderem Kleinhirnzellen absterben.

Die Prognosen der Ärzte waren niederschlagend und dadurch, dass immer mehr Kleinhirnzellen absterben, sei die Krankheit, die sich unter anderem auf das Gleichgewicht auswirkt, nicht heilbar. Schon bald saß Emelie im Rollstuhl. Doch von der Krankheit ließ sie sich nicht unterkriegen.

Gang des Pferdes stimuliert das Gehirn

Im integrativen Kindergarten hörte Natascha Bonet-Vila dann von einer anderen Mutter von der Reittherapie in Werne, meldete ihre Tochter dort an und erkannte schnell Fortschritte.

„Alleine durch den besonderen Gang des Pferdes, kann die Hirnstimulation angeregt werden“, sagt Rehabilitationspsychologe Prof. Dr. Erwin Breitenbach von der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der krankheitsheilenden Wirkung von Tieren. Zunächst mit Delfinen und Bauernhoftieren, aktuell mit Pferden.

Erst Fortschritte, dann Rückschläge

Durch das Reiten auf dem Pferd können auch Rollstuhlfahrer wieder aktive Bewegungen durchführen. „Das ist ein bisschen wie Physiotherapie auf dem Pferd“, erklärt Breitenbach. Tiere bieten aber mehr Möglichkeiten und wecken generell das Interesse von Menschen. Das fördere nicht nur die körperliche Entwicklung, sondern gebe auch eine gewisse Struktur und Verantwortung vor, von denen der therapierte Mensch profitiere.

Auch Emelie konnte schnell Fortschritte machen, ehe sie einen Rückschlag zu verkraften hatte. Plötzlich konnte sie nicht mehr gut aufrecht auf dem Pferd sitzen, musste sich hinlegen, um auf Gin-Tonic unterwegs zu sein. „Das war eine Zeit, zu der es ihr richtig schlecht ging. Eine Besserung war schon fast aussichtslos“, erinnert sich Natascha Bonet-Vila.

Emelie macht möglichst viel ohne Rollstuhl

Doch seit drei Jahren geht es der 19-Jährigen wieder besser: Sie sitzt wieder aufrecht auf dem Pferd und erledigt zusammen mit ihrer Mutter möglichst viele Dinge im Alltag ohne ihren Rollstuhl. Ein paar Stufen auf der Treppe schafft sie und auch für den Gang ins Bad kann sie auf ihren Rollstuhl verzichten. „Das hätten wir uns vor ein paar Jahren so nicht vorstellen können“, sagt Natascha Bonet-Vila. Neben Emelie hat sie noch zwei Söhne, die ebenfalls die Reittherapie besuchen: einer leidet an ADS, der andere an einem angeborenen Herzfehler.

Möglich machen solche Therapien vor allem Spenden, die dem Verein helfen, die Tiere zu finanzieren. So wie die 4000 Euro schwere Spende, die der Verein jüngst vom Unternehmen Bayer erhalten hat. Die soll ein Jahr die Kosten für das Therapiepferd Gin-Tonic decken.

Verein für Reittherapie ist auf Spenden angewiesen

„Ohne solche Spenden ginge es nicht“, sagt Marion Acar, Vorsitzende des Vereins für Reittherapie. Selbst kleine Spenden von nur 10 Euro würden dem Verein helfen. Vier Therapiepferde besitzt der Verein, für die jährlich insgesamt rund 20.000 Euro aufgebracht werden müssen. „Bei der Kalkulation darf dann aber auch wirklich nichts dazwischen kommen“, sagt Acar. Unkosten wie unvorhergesehene Tierarztbesuche seien darin noch nicht enthalten.

Immer wieder greifen Vereinsmitglieder in die eigene Tasche, um auszuhelfen. Frustrierend sei das schon, gesteht Acar. Mit den Therapiestunden alleine seien die Pferde nicht zu finanzieren. Doch gleichzeitig gehe ihr das Herz auf, wenn sie die glücklichen Teilnehmer sehe. Die Jüngste von ihnen ist vier Jahre alt, der Älteste 50 Jahre.

Zahl der Frühförderung steigt in Werne

Die Zahl der Kinder, die vom Kreis Unna eine Genehmigung zur Frühförderung erhalten, wächst. Von 26 Leistungsberechtigten im Jahr 2016 stieg die Zahl auf 45 im Folgejahr. Auch 2018 scheint die Zahl nicht zu sinken: Bis Ende September 2018 waren es bereits 30 Leistungsberechtigte in Werne. Dabei handelt es sich nicht allein um Reittherapien, sondern jegliche therapeutische Maßnahmen für Kinder, die von einer Behinderung betroffen sind.

Marion Acar weiß, dass nicht nur die Therapie selbst entscheidend ist, sondern auch der Austausch der Eltern miteinander. „Sie können voneinander lernen, weil sie ähnliche Lebenssituationen durchleben“, so Acar. Genau davon profitiert auch Natascha Bonet-Vila.

Bei Gesprächen mit anderen Eltern ist sie auf neue Urlaubsmöglichkeiten gestoßen. „Dass es barrierefreie Urlaube auf Hausbooten gibt, davon hatte ich vorher noch nie gehört“, sagt Bonet-Vila. Und so profitiert Emelie nicht nur auf dem Pferd von der Therapie. Doch trotzdem ist für sie klar: Auf dem Rücken der Pferde liegt sehr wohl ein Stückchen Glück der Erde.

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