Den Missbrauch vergessen machen? „Das wäre völlig unrealistisch“

dzInterview Traumatherapie

Wie funktioniert eine Traumatherapie bei sexuell missbrauchten Kindern? Auf welche Anzeichen sollten Eltern achten? Was geht in den Tätern vor? Das beantwortet Psychologin Gabriele Angenendt im Interview.

Werne

, 03.02.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kinder erzählen ihren Eltern nicht immer von sexuellen Übergriffen. Gibt es Anzeichen, die auf einen Missbrauch hindeuten?

Immer wenn bei einem Kind eine plötzliche Verhaltensveränderung auftritt, kann das ein Zeichen dafür sein, dass etwas nicht stimmt. Der Grund muss allerdings nicht unbedingt sexueller Missbrauch sein. Weil Scham und Schuld hierbei eine große Rolle spielt, ziehen sich betroffene Kinder aber oft stark zurück - vor allem Mädchen. Jungs agieren hingegen häufig aggressiv. Zum Beispiel, indem sie andere Kinder in der Schule drangsalieren.

Aber das Hauptgefühl bei Missbrauchsopfern ist doch Hilflosigkeit - wie passt das mit aggressivem Verhalten zusammen?

Das Opfer versucht sich so aus seiner eigenen Hilflosigkeit zu befreien. Es wird dadurch quasi selbst zum Täter, zum Stärkeren. In der Missbrauchs-Situation sind Kinder immer die Unterlegenen, die Wehrlosen. In der Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen können sie dann selbst zum Mächtigen werden.

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Inwiefern kann man Kindesmissbrauch vorbeugen?

Vor allem, indem man die Kinder frühzeitig aufklärt. Im Alter von drei bis vier Jahren können Kinder in der Regel schon Gut und Böse unterscheiden. Da ist eine altersgerechte Aufklärung durchaus möglich, auch durch die Eltern. Es gibt dazu viel Material, etwa in Form von Bilderbüchern. In Schulen und Kindergärten wird ja auch bereits präventiv gearbeitet.

Das klingt so, als sei man im Präventionsbereich bereits gut aufgestellt...

Nein, da ist durchaus noch Ausbaubedarf. Das gilt nicht nur für die Anzahl der Beratungsstellen. Es gilt auch für die Inhalte der Beratung. Vor allem, wenn es um Medienkompetenz geht. Ein großes Thema ist da beispielsweise Grooming, also die Anbahnung von Kontakten zwischen pädophilen Erwachsenen und Kindern im Internet. Da müssten alle noch viel besser aufgeklärt werden: Kinder, Eltern, Sozialarbeiter, Lehrer, Erzieher. Sonst sind den Tätern im Netz Tür und Tor geöffnet. Auch im realen „analogen“ Leben sind die Täter zwar oft, aber nicht immer Familienangehörige oder nahe Freunde. Es sind auch Trainer, Lehrer, Erzieher oder Pfarrer. Da muss endlich etwas passieren, um Kinder auch an diesen Orten mehr zu schützen!

Was denn zum Beispiel?

Zum Beispiel die unerlässliche Einführung von erweiterten Führungszeugnissen, weibliche Ansprechpartner für die Kinder in Kita, Kindergarten und Schulen und ein offener, nicht stigmatisierender Umgang mit dem Thema.

Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn sie herausfinden, dass ihr Kind missbraucht wurde?

In jedem Fall sollten sie eine Beratungsstelle aufsuchen und sich dort anvertrauen. Wenn so etwas passiert, dann ist in der Regel nicht nur das Kind traumatisiert, sondern das ganze „System“ - das heißt die Familie, insbesondere die Eltern. Sie sind dann vielleicht mit der Situation überfordert, verlieren das Vertrauen in sich selbst und ihre Wahrnehmungsfähigkeit. Sie fragen sich: „Wie kann es sein, dass wir das nicht gemerkt haben?“ Außerdem sollten sie und das betroffene Kind zeitnah eine traumasensible Beratung oder Therapie beginnen.

Was kann man mit einer solchen Therapie erreichen?

Bei traumatisierten Menschen sind die subjektiven Eindrücke aus der Situation oft nur fragmentarisch abgespeichert und können nicht in Sprache überführt werden. Ein Ziel der Therapie ist es, genau das zu ermöglichen: Das, was man erlebt hat und fühlt, aussprechen zu können, darüber nachdenken und es somit verarbeiten zu können.

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Und dann kann man das Ereignis vergessen?

Nein, das wäre völlig unrealistisch. Es geht eher darum, das traumatische Erlebnis in den eigenen Lebensentwurf zu integrieren. So, dass man mit der Erinnerung leben kann. Manchmal kommt es vor, dass bestimmte „Trigger“ eine Re-Traumatisierung auslösen. Der Betroffene erinnert sich dann nicht nur, sondern erlebt das Ereignis regelrecht erneut. Ziel einer Therapie kann es sein, dieses Wiedererleben zu verhindern und ihm den Schrecken zu nehmen.

Wie schwierig ist es in Therapiesitzungen, einen Zugang zu den Kindern zu finden?

Das ist unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab, etwa dem Alter des Kindes, seiner Persönlichkeit und der Schwere des Missbrauchs. Wir haben aber festgestellt, dass man mit traumaorientierter kognitiver oder systemischer Therapie gute Erfolge erzielt. Bei sehr misstrauischen und zurück gezogenen Kindern haben wir mit tiergestützten Beratungen und Therapien (z.B. mit Hunden) gute Erfahrungen gemacht. Kinder erzählen ihr Leid den Tieren oft eher als einem erwachsenen Menschen. Und Tiere verstehen zwar nicht verbal, aber gefühlsmäßig. Sie trösten die Kinder dann, stupsen sie vielleicht an. Das sind unmittelbare Reaktionen, durch die sich das Kind gut aufgehoben und verstanden fühlt.

Sie hatten in ihrer beruflichen Laufbahn auch mit Tätern zu tun. Was treibt solche Menschen an?

Das Gefühl von Macht und Überlegenheit spielt häufig eine Rolle. Aber nicht immer. Es geht oft auch einfach um falsch verstandene Zuneigung, um das sexuelle Interesse an Kindern. Pädophilie ist eine anerkannte psychische Störung, die sich relativ früh in der Pubertät entwickelt und sich meist recht konstant über die ganze Lebensspanne hält. Das heißt aber nicht, dass jeder Pädophile gefährlich ist.

Wie meinen Sie das?

Es gibt durchaus Männer, die um ihre Neigung wissen, aber gelernt haben, damit umzugehen. Es gibt mittlerweile auch Anlaufstellen, an die sich diese Männer wenden können und wo sie anonym Hilfe bekommen. Wichtig ist aber natürlich auch, dass man Täter therapiert. Auch die haben ein Recht auf eine Behandlung. Und wenn man mit ihnen arbeitet, dann merkt man, wann sie vielleicht wieder gefährlich werden könnten. Das ist extrem wichtig. Tätertherapie bedeutet in diesen Fällen Kinderschutz!

Zur Person

Dr. Gabriele Angenendt

Den Missbrauch vergessen machen? „Das wäre völlig unrealistisch“

© Angenendt

Die Werner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenendt hat unter anderem die Schwerpunkte Trauma- und Sexualtherapie. Sie ist Ausbilderin und Supervisorin an verschiedenen Instituten für Ärzte und Psychologen in Ausbildung. Bis 2017 leitete sie als stellvertretende Direktorin und Leitende Psychologin eine Fachklinik für Psychosomatik und Suchterkrankungen. Zur Zeit arbeitet sie in eigener Praxis in Dortmund sowie in einer Mädchen- und Frauenberatungsstelle mit traumatisierten PatientInnen.

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