„Die Chance, ein Held zu sein“ Fridays for Future in Aachen

„Oma, was ist ein Schneemann?“ Mit vielen lockeren Sprüchen sind am Freitag Tausende Schüler durch Aachen gezogen. Unter die Teilnehmer mischte sich auch ein derzeit besonders prominenter Klimaschutz-Aktivist mit blauem Haarkamm.

21.06.2019, 12:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Erneut hat das Thema Klimaschutz viele tausend junge Menschen auf die Straße gebracht. Ein schier unabsehbarer Demonstrationszug wand sich am Freitag durch Aachen. Die Veranstalter von „Fridays for Future“ sprachen von rund 40 000 Teilnehmern und der damit bisher größten Demo der Bewegung in Deutschland. Am Mittag hatte eine Polizeisprecherin gesagt, man gehe davon aus, dass die angemeldete Zahl von 10 000 bis 20 000 erreicht werde. Am frühen Abend nannten die Beamten zunächst keine weitere Zahl.

Auf Transparenten, in Sprechchören und Reden forderten die Teilnehmer ein schnelles Abschalten der Kohlekraftwerke und andere einschneidende Schritte zur Begrenzung des Klimawandels. Die Atmosphäre: gut gelaunt, aber entschlossen. 

„Wir müssen jetzt etwas tun, es ist eigentlich schon zu spät“, warnte Malika Scheller (17) aus Freiburg. Der Klimaschutz sei eine „Existenzfrage“, erklärte Alexander Beck (18) aus Überlingen am Bodensee. Nadja Gosteli (15) aus der Schweiz sagte, sie „nutze jetzt die Chance, etwas zu verändern in der Welt. Wenn man die Chance hat, ein Held zu sein, sollte man sie doch nutzen.“  

Lange nicht alle Schüler schwänzten den Unterricht, denn viele Schulen hatten den Freitag als Brückentag zwischen Fronleichnam und dem Wochenende freigegeben. „Ich habe frei“, erklärte etwa die 17 Jahre alte Romy aus Köln. Sie hielt ein Schild hoch mit der Aufschrift „Das Klima ist aussichtsloser als unser Mathe-Abi“. 

Die Schüler hatten zahllose Plakate, Schilder und Transparente gebastelt. Darunter waren Aufschriften wie: „Die Dinos dachten auch, sie hätten Zeit“ oder „Grandma, what's a Snowman?“ (Oma, was ist ein Schneemann?).  Der 21 Jahre alte Nikolai Maas aus Karlsruhe hatte ein Schild dabei mit der Aufschrift: „Mach's wie der BER: boykottier Flüge“ - eine Anspielung auf den nicht fertig werdenden Berliner Flughafen.

Mehrere Schilder bezogen sich auf das Rezo-Video „Die Zerstörung der CDU“, das vor der Europawahl eine neue Klimaschutz-Debatte entfacht hatte. Man war hier schließlich in „Rezo City“ - Aachen ist der Wohnort des Youtubers. Nach eigenen Angaben war Rezo auch selbst mit dabei. Der junge Mann mit dem blauen Haarkamm verbreitete beim Internetdienst Instagram mehrere Videosequenzen von der Großdemo. In einer Szene filmte er einen Demonstranten mit einem Plakat, das einen gemalten Rezo zeigte. Kommentar des Youtubers: „Alter, wie cool - ich bin sogar auf Plakaten drauf.“ 

Familien mit Kindern liefen ebenso vom Hauptbahnhof durch die gesamte Innenstadt zum zentralen Kundgebungsplatz vor dem Fußballstadion Tivoli wie ältere Leute. Einer der Ältesten war der 88 Jahre alte Erasmus aus Köln. „Wir unterstützen die Schüler, wir wollen zeigen, dass wir Alten dieselben Ideen haben und dieselben Ziele“, sagte er.

Bei einer waghalsigen Aktion seilten sich zwei Kinder von einer Brücke ab. Die Polizei und das Jugendamt Aachen beendeten nach eigenen Angaben die Aktion. Bilder eines Fotografen der Deutschen Presse-Agentur zeigen die beiden Kinder in Kletterzeug, wie sie in einem Abstand von einigen Metern an Seilen hingen. Zwischen den Seilen spannten sie ein Spruchbanner mit der Aufschrift „Eure Gier kostet unsere Zukunft“. Der Protestzug wurde wegen der Aktion kurzfristig gestoppt.

Vor dem historischen Rathaus, in dem jedes Jahr der Karlspreis verliehen wird, stieß noch eine große Gruppe von Fahrradfahrern dazu, die in Vaals in den Niederlanden gestartet waren. Entlang der Demonstrationsstrecke wurden die Teilnehmer teilweise gratis mit Getränken versorgt. Ein Gastronom lud alle ein, seine Toiletten zu benutzen. Immer wieder blieben Passanten und Einkäufer ungläubig stehen und schauten auf den Demonstrationszug. „Wie viele sind das?“, fragte eine alte Dame einen Polizisten. „10 000? 20 000?“ Antwort: „Es sind sehr, sehr viele.“

Am Nachmittag besetzten Aktivisten außerdem ein leerstehendes Gebäude in Aachen. Die Polizei räumte die sogenannte Bastei, die einsturzgefährdet sei, am frühen Abend. Die Personalien der Beteiligten sollten aufgenommen werden.

Rund 40 Kilometer entfernt, am Tagebau Garzweiler, war schon tagsüber ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Klimaaktivisten und Polizei im Gange. Einsatzwagen sammelten sich am Aussichtspunkt Hochneukirch im Norden des Tagebaus. Von diesem strategisch günstigen Platz hat man einen weiten Blick auf das riesige Abbaufeld. Ein Wasserwerfer rollte an und ein Räumfahrzeug, für alle Fälle. Die Polizei sperrte für mehrere Stunden den Bahnhof Viersen am Niederrhein, nachdem sich etwa 1000 Aktivisten auf dem Weg dorthin gemacht hatten.

Am Abend besetzten Kohlegegner dann eine Bahnstrecke für die Versorgung des RWE-Kraftwerks Neurath in Grevenbroich. Laut einem RWE-Sprecher wurde der Zugverkehr auf der sogenannten Nord-Süd-Bahn eingestellt. Angaben einer dpa-Reporterin zufolge war die Situation am frühen Abend vor Ort ruhig, obwohl zuvor laut Behördenangaben eine Polizeikette durchbrochen wurde. Die Aktivisten hatten sich laut eigenen Angaben darauf eingestellt, vor Ort übernachten zu können.

„Wir sind hier, wir sind laut - weil ihr uns die Zukunft klaut“, wurde am Nachmittag vor dem Aachener Stadion skandiert. Dann tanzten, sangen und klatschten die Demonstranten zum Takt der Band „Culcha Candela“. In diesen Momenten hatte die Demo Festivalcharakter. Aber dann konnte es wieder ernst werden, wenn zum Beispiel eine Aktivistin von der Bühne erklärte, dass Tausende unterwegs seien, um sich im Tagebaugebiet der Infrastruktur der Kohleabbauer zu bemächtigen.  „Dieses kapitalistische System ist nicht demokratisch!“, rief sie. An solchen Stellen fiel der Applaus allerdings deutlich zurückhaltender aus. 

Weitere Meldungen
Meistgelesen