Studie zu Personalnot: NRW braucht 15 600 mehr Erzieher

Erzieher werden händeringend gesucht. NRW bräuchte einer Analyse zufolge 15 600 weitere Vollzeit-Fachkräfte für eine kindgerechte Betreuung. Je nach Wohnort sieht die Personaldecke unterschiedlich aus.

26.09.2019, 06:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für eine landesweit kindgerechte Betreuung in den Kitas braucht Nordrhein-Westfalen einer Studie zufolge zusätzliche 15 600 Vollzeit-Fachkräfte. Es gebe großen Ausbaubedarf im bevölkerungsreichsten Bundesland, auch wenn Verbesserungen erreicht worden seien. Zu diesem Ergebnis kommt das am Donnerstag in Gütersloh veröffentlichte „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann Stiftung. NRW liegt unter den westdeutschen Ländern in etwa im Mittelfeld. Viele Stimmen forderten mehr Geld und Tempo. Landesvater Armin Laschet nannte den Fachkräftemangel in Düsseldorf „unser größtes Problem“.

Binnen zehn Jahren bis 2018 habe sich die Zahl des pädagogischen Personals in den Kitas in NRW um fast 50 Prozent auf 114 219 Mitarbeiter erhöht, heißt es in der Untersuchung. Im selben Zeitraum sei die Zahl der Jungen und Mädchen in den Kindertagesstätten von 551 506 auf 595 383 gestiegen. „Die Betreuungssituation in den Kitas ist allerdings noch immer nicht kindgerecht und stellt zudem eine hohe Arbeitsbelastung für die Fachkräfte dar.“

Als zentrales Qualitätsmerkmal von Kitas gilt der Personalschlüssel: Er gibt an, wie viele Jungen und Mädchen rein rechnerisch auf eine Erzieherin - es sind ganz überwiegend Frauen - kommen. In Kindergartengruppen - Nachwuchs von drei Jahren bis zur Einschulung - ist es etwas besser geworden: 2013 kümmerte sich eine Erzieherin um 9,6 Kinder, im März 2018 war eine Vollzeitkraft auf 8,7 Jungen und Mädchen gekommen. In den Krippen - Knirpse bis zwei Jahre - habe sich die Lage dagegen minimal verschlechtert. Eine Vollzeitkraft ist demnach zuständig für 3,7 ganztagsbetreute Kinder unter drei Jahren - (2013: eine Kraft für 3,6 Kinder).

Allerdings: Das tatsächliche Betreuungsverhältnis im Kita-Alltag sehe ungünstiger aus, sagte Studienautorin Kathrin Bock-Famulla der Deutschen Presse-Agentur. Ein Drittel der Arbeitszeit einer Erzieherin entfalle auf nichtpädagogische Tätigkeiten wie Elterngespräche oder Bildungsdokumentationen. „Bereinigt“ betreue eine Mitarbeiterin in einer Krippe 5,5 Unterdreijährige. Und nach dieser Fachkraft-Kind-Relation komme eine Fachkraft im Kindergarten auf 13,1 Jungen und Mädchen. Die Stiftung empfiehlt in Krippen pro Fachkraft maximal drei, in Kindergartengruppen höchstens 7,5 Kinder.

In NRW hängt es der Analyse zufolge auch vom Wohnort ab, welche frühkindlichen Bildungschancen der jüngste Nachwuchs hat. So betreue eine Erzieherin in Duisburg oder im Kreis Olpe 10,1 Kindergartenkinder. Nicht viel besser sehe es aus etwa im Kreis Wesel, Unna, Bottrop, Recklinghausen, Gelsenkirchen, Hamm oder Oberhausen. Dagegen kümmere sich eine Kollegin in Leverkusen oder Köln rein rechnerisch „nur“ um 7,8 Kinder. Positiv schneiden Paderborn, Münster, Bielefeld, Dortmund oder Mönchengladbach ab. Bei Krippen ist die Personaldecke in den Kreisen Olpe und Kleve sowie in Gelsenkirchen besonders dünn. Recht gut stehen Hagen, Wuppertal oder Recklinghausen da. Köln und Düsseldorf liegen etwa im Mittelfeld.

Aber woher sollen die benötigten 15 600 Fachkräfte kommen? Erzieher werden händeringend gesucht. Es brauche mehr Ausbildungsplätze, die Konditionen für Azubis müssten viel besser werden, ebenso die Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen, verlangte Bock-Famulla.

Bildungsforscherin Gabriele Flösser von der Uni Dortmund sagte der dpa, bei immer heterogeneren Gruppen seien die individuelle Förderung wichtiger und die Anforderungen an die Erzieherinnen vielfältiger geworden. Die finanzielle Unterstützung der frühkindlichen Bildung in NRW ist aber seit Langem zu gering. Die geplanten Maßnahmen der Landesregierung und auch das „Gute-Kita-Gesetz“ - der Bund will den Ländern bis 2022 insgesamt 5,5 Milliarden Euro zukommen lassen - könnten laut Flösser nur ein Anfang sein.

Die Kirchen monierten, die Kita-Finanzierung bleibe unzureichend - trotz der Planung der NRW-Regierung, erhebliche zusätzliche Mittel in die frühe Bildung zu investieren. Ministerpräsident Laschet (CDU) versprach, seine Regierung sichere mit der Reform des Kita-Gesetzes eine auskömmliche Finanzierung der Einrichtungen in NRW. Schwerpunkt müsse jetzt sein, „möglichst schnell mehr auszubilden“.

Die GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern mahnte, die neuen Zahlen müssten wachrütteln. „Hier stellt sich ganz dringlich auch die Frage der Qualität der frühkindlichen Bildung und der Bildungsgerechtigkeit“, sagte Finnern.

Weitere Meldungen
Meistgelesen