Daniela Fiege ist 35 Jahre alt und schon Chefin des Stadtbetriebs Abwasserbeseitigung Lünen (SAL). Im Interview verrät sie, wieso der Bürger sich manchmal auch selbst schützen muss.

Lünen

, 23.10.2018, 12:00 Uhr / Lesedauer: 7 min

Daniela Fiege arbeitete bei den Stadtwerken Osnabrück, bevor sie im Mai dieses Jahres den Chefposten beim SAL von ihrem Vorgänger Claus Externbrink übernommen hat. RN-Redakteur Marc Fröhling traf sie zum Gespräch.

Frau Fiege, sagt Ihnen die Abkürzung IPCC etwas?

Nein.

Das steht für Intergovernemental Panel on Climate Change. Das ist eine Organisation, die gerade einen Bericht über den Klimawandel veröffentlicht hat, der ziemlich alarmierend ist. Wird ihnen da angst und bange, auch als SAL-Chefin?

Ja. Der Klimawandel zeigt sich in unserem Tätigkeitsfeld bei der Häufung von Starkregenereignissen, aber auch die anhaltenden Trockenperioden spielen eine Rolle. Oft wird gesagt, der Entwässerungsbetreiber sollte seine Kanalisation einfach vergrößern, dann würde sich die Problematik erledigen. Aber wenn es so trocken ist wie in diesem Sommer und die Kanalisation immer größer wird, bleiben die Grobstoffe des Schmutzwassers liegen. Das muss man auch betrachten.

Was passiert dann?

Es würde irgendwann anfangen zu riechen.

Und was ist mit dem Starkregen?

Solche Ereignisse treten in den letzten Jahren vermehrt auf. Hochwasser, welches aus der Überlastung von Gewässern entsteht, gab es immer schon, das kennen wir alle. Aber über Starkregen hat vor 20 Jahren keiner gesprochen. Jetzt haben wir als Entwässerungsbetrieb die Aufgabe, das Thema anzugehen und das gelingt nach meiner Auffassung am besten in Zusammenarbeit mit dem Straßenbaulastträger und dem Bürger. Das ist am Ende eine Gemeinschaftsaufgabe.

Welche Aufgaben haben denn die anderen beiden?

Man muss unterscheiden je nach Intensität des Regenereignisses: Manche Ereignisse müssen wir schadlos über die Kanalisation ableiten, das ist unsere Aufgabe. Bei anderen Ereignissen geht das nicht, weil so große Kanalrohre nicht wirtschaftlich wären und zum Teil noch nicht mal in die Straße passen würden. Wir müssen uns fragen, ob das Niederschlagswasser über die Schächte und Straßenabläufe in den Straßen überhaupt in die Kanalisation hineinkommt. Da müssen wir den Blick schärfen. Und prüfen, welche Möglichkeiten es gibt.

Und der Bürger?

Bei extremen Regenereignissen wird es uns nicht möglich sein, das Wasser über die Kanalisationen und Straßenfläche abzuleiten. Darüber müssen wir den Bürger aufklären und ihm offen sagen: An dieser Stelle müsst ihr euch auch selbst schützen. Für das Oberflächenwasser und auch für den Rückstau aus der Kanalisation. Wir unterstützen den Bürger gerne über eine kostenfreie Beratung. Auch hier ist wieder der Ansatz der Gemeinschaftsaufgabe erkennbar. Einer alleine kann wenig bewegen.

Daniela Fiege (35) über Starkregen, die Zusammenarbeit mit Remondis und ihre Karriere

Alle Hintergründe zur Starkregenproblematik und was die Bürger selbst dagegen unternehmen können, haben wir hier zusammengefasst.

Es liegen ja 326 Kilometer Kanäle unter der Stadt. Wenn Sie eine Schulnote geben müssten – wie ist es um das Kanalnetz bestellt?

Das ist nach so kurzer Zeit im Amt schwer zu beurteilen. Da wäre eine Schulnote nicht fair. Ich glaube, dass die Netzstruktur grundsätzlich gut ist.

Sie haben auch gesagt, dass Investitionen nötig sein würden…

Genau. In den letzten Jahren sind immer 3,5 bis 5 Millionen Euro pro Jahr in die Sanierung und den Neubau des Kanalnetzes investiert worden. Diese Größenordnung brauchen wir sicher auch zukünftig und vielleicht auch mehr.

Anfang Juni hat der Starkregen Lünen-Süd getroffen. Das war für manche Anwohner dort eine ziemliche Katastrophe. Hat Sie überrascht, wie schlecht der Abfluss da funktioniert hat?

Ja, hat es, denn das Regenereignis zählte in seiner Intensität für uns als Fachleute eher zu den „kleineren Ereignissen“. Überrascht hat mich persönlich, dass dort in einem Haus ein gesamter Keller unter Wasser stand. Natürlich kommt es bei solchen Ereignissen leider immer wieder vor, dass Wasser in die Keller gelangt, aber dass der gesamte Keller unter Wasser stand, hat mich schon schockiert. Ich kann die Bürger gut verstehen, wenn sie darum bitten, dass man sich der Sache annimmt und ihnen hilft. Besonders, wenn man bereits öfter betroffen war. Die Straße Auf dem Eigengrund liegt zudem noch in einer Senke, und wenn hier viele ungünstige Faktoren zusammentreffen, dann erzeugt auch ein „kleineres“ Regenereignis große Schäden.

Zur Person

Das ist Daniela Fiege (35)

Daniela Fiege hat im Mai dieses Jahres den Chefposten bei SAL von ihrem Vorgänger Claus Externbrink übernommen. Die 35-jährige Diplom-Ingenieurin ist Expertin im Bereich Siedlungs-Wasserwirtschaft und hat vorher bei den Stadtwerken Osnabrück gearbeitet. Dort war sie zuletzt verantwortlich für den Bereich Kanalbau mit sechs Mitarbeitern. Daniela Fiege genießt ihre Freizeit in Lünen gerne an der frischen Luft, gerne mit ihrer Berner Sennenhündin Mia.

Dann muss man sich mit der Situation einfach arrangieren?

Nein, natürlich nicht, wir prüfen gerade, welche Möglichkeiten es dort gibt. Das ist eine Problemstelle, der wir uns annehmen wollen. Wir haben mit kleinen Dingen schon angefangen und haben zum Teil die Eimer aus Straßenabläufen genommen, damit das Wasser besser der Kanalisation zulaufen kann. Das gleiche gilt für die Schmutzfänger unter den Schachtabdeckungen. Das sind erstmal Kleinigkeiten, die hoffentlich zu einer Verbesserung führen.

Und was sonst noch?

Wir wollen gemeinsam mit der Stadt die Fließwege des Oberflächenabflusses überprüfen und bildlich darstellen: Wo fließt das Wasser her? Welchen Schaden kann es verursachen? Welche baulichen Veränderungen wären notwendig? Was kann der Eigentümer machen? Wie könnte die Führung des Oberflächenwassers auf den Straßen aussehen? Der Straßenbaulastträger sagt oft: Unserer Straßen sind doch keine Rückhalteflächen! Grundsätzlich hat er damit auch recht. Aber wenn es so stark regnet, dass die Kanalisation voll ist, dann ist es doch alle Male besser, das Wasser würde im Straßenraum verbleiben. Bestenfalls leiten wir das Wasser irgendwo hin, wo es sich gezielt ausbreiten darf, ohne Schäden anzurichten – das ist natürlich nicht ohne weiteres umzusetzen und bedarf strategischer Planung. Aber man sollte anfangen und Zukunftsvisionen haben.

Ist die Situation denn nur an der Stelle in Lünen-Süd so schwierig oder gibt es noch andere?

Nein, es gibt im gesamten Stadtgebiet Bereiche, die stärker betroffen sind, oftmals liegen diese Stellen eben in Senken. Da müssen wir besonders hingucken. Zur Identifikation dieser Bereiche helfen uns Fließwegekarten, welchen den Abfluss des Wassers an der Oberfläche darstellen. Diese Kartennutzen wir zur Planung und können im SAL auch eingesehen werden.

Im August haben Sie angekündigt, dass ein neues Abwasser-Konzept erarbeitet werden soll. Wie ist es darum bestellt?

Neues Abwasser-Konzept ist nicht ganz richtig, es geht eher darum, die neuen Ansätze in den Regelwerken und Veränderungen im Stadtgebiet neu zu berechnen und die heutigen Dimensionen für die Kanalisation neu zu bestimmen. Zentralentwässerungspläne nennt man das Ergebnis. Aus dem Ergebnis ergeben sich dann Sanierungsmaßnahmen für unterschiedliche Bereiche. In Lünen-Süd ist dieser Plan jetzt zum Beispiel schon überarbeitet worden. Da können wir jetzt anfangen zu agieren und für die Zukunft auch Baumaßnahmen ableiten.

Gibt es da schon Konkretes?

Es gibt schon Maßnahmen, aber die sind noch nicht konkretisiert. Da müssen wir auch schauen, dass wir die Wirtschaftlichkeit und den Nutzen übereinanderlegen. Da sind wir gerade in der Abstimmung, auch mit Dritten.

Und wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt?

Gut, ich bin da sehr optimistisch. Wir sind da auf einem sehr guten Weg, ein gemeinsames Projektmanagement zu etablieren. Das ist auch eines meiner Ziele, denn es geht nicht ohne den anderen.

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Themenwechsel: Haben Sie sich eigentlich schon bei Remondis vorgestellt?

(lacht) Ja!

Und wie war’s?

Gut. Wir haben gute Gespräche geführt und ich habe das Lippewerk kennenlernen dürfen – beeindruckend, in welcher Dimension hier Recycling betrieben wird.

Ich frage auch, weil wir ja berichtet haben, dass Remondis den Vorstand des SAL stellen wollte. Belastet das die Zusammenarbeit?

Nein. Mein Vorteil ist, dass ich an so etwas sehr unbelastet dran gehen kann. Das ist in der Vergangenheit gelaufen.

Die WBL arbeiten ja mit Remondis zusammen – können Sie sich so eine Zusammenarbeit denn auch vorstellen?

Beteiligung nein – Zusammenarbeit ja. Das war ja auch in der Vergangenheit schonmal der Fall, dass es eine Zusammenarbeit gab, als es um die Dichtheitsprüfungen ging. Wenn es Aufgaben gibt, wo wir Partner benötigen, dann sollte man die Zusammenarbeit auch suchen und Synergien nutzen.

Daniela Fiege (35) über Starkregen, die Zusammenarbeit mit Remondis und ihre Karriere

Die Straße "Auf dem Eigengrund" in Lünen-Süd nach dem starken Regen am 1. Juni. © privat

Gibt es aktuell schon so einen Punkt?

Aktuell nicht.

Der SAL führt ja jedes Jahr über die Eigenkapitalverzinsung Geld an die Stadt ab. 2017 immerhin 1,4 Millionen Euro. Die Stadt könnte mehr Geld gebrauchen. Werden Sie mehr überweisen können?

Das war ein ungünstiger Einstieg für mich, als es in meiner ersten Verwaltungsratssitzung um die Erhöhung der Eigenkapitalverzinsung ging. Ich habe es an dieser Stelle befürwortet, dass die 1,4 Millionen Euro ausgeschüttet werden, und der Beschluss wurde auch gefasst. Nach den Unruhen der geplanten Übernahme ist somit für den SAL ein neuer Weg eröffnet, weiter zu machen. Die Größenordnung der Ausschüttung ist für den SAL durchaus machbar.

Über ein mehr an Ausschüttung wird hoffentlich seitens der Stadt erst einmal nicht nachgedacht. Wir sind zwar Tochtergesellschaft der Stadt und haben zumindest meiner Auffassung nach auch unseren Beitrag zu leisten – für die Stadt Lünen. Allerdings sind wir in erster Linie Entwässerungsbetrieb und somit durch Gebühren finanziert, und höchste Priorität muss sein, die eingenommen Gebühren in den Erhalt und die Entwicklung des Lüner Kanalnetzes zu investieren.

Wir benötigen in nächsten Jahren Geld, um möglicherweise auch mehr zu investieren besonders die bereits angesprochen Themen zum Klimawandel werden uns einiges abverlangen.

Die Stadtspitze wollte ja, dass die Stadtwerke den SAL faktisch übernehmen. Dr. Achim Grunenberg, Geschäftsführer der Stadtwerke, sollte zusätzlich SAL-Chef werden. Kann man das so nebenbei einfach machen?

Meiner Auffassung nach - nein. Das habe ich auch im früheren Berufsleben selbst erlebt, wo es genauso umgesetzt wurde. Um einen Entwässerungsbetrieb zu leiten ist es für mich unabdingbar, die fachlichen Zusammenhänge zu kennen und daraus wirtschaftliche Entscheidungen ableiten zu können. Natürlich kann man bei Zusammenschlüssen Software-Systeme zusammenlegen und ähnliches, aber ob das die Kosten reduziert und es am Ende Ersparnisse bringt – das hätte ich dann doch gerne mal belegt. Meine Erfahrung ist, dass das nicht so ist.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Herrn Grunenberg? Wir sind ja hier direkt nebenan.

Ich habe mich bei Herrn Dr. Grunenberg vorgestellt, von einem Verhältnis würde ich da noch nicht sprechen (lacht). Von meiner Seite werden wir, wenn Aufgaben oder Projekte anstehen, gut zusammenarbeiten. Das läuft im Übrigen jetzt schon auf technischer Abteilungsleiterebene.

Der Aufwand für die Entwässerung wird ja offensichtlich höher. Werden die Abwassergebühren künftig also steigen?

Wir sind gerade am Start der Wirtschaftsplanung für 2019. Wir haben hier mehrere Abhängigkeiten zu berücksichtigen und abzuwägen.

Da gibt es noch keine Trendmeldung?

Noch keine, die zu kommunizieren wäre. Das wäre verfrüht.

Wie steht es denn finanziell um den SAL? Wie sieht es mit den Verbindlichkeiten und einer Neuverschuldung aus?

Der SAL hat Verbindlichkeiten in Höhe von ca. 79 Millionen Euro, Stand Ende 2017. Darin enthalten sind unter anderem die abwassergebundenen Verbindlichkeiten, die wir von der Stadt mit Gründung der AöR übernommen haben und die Kreditaufnahmen für den Kauf des Netzes. Man kann in der Tendenz sagen, dass wir grundsätzlich die Verbindlichkeiten immer weiter minimieren. Mir ist wichtig, dass keine Neuverschuldung hinzukommt.

Sie sind bald ein halbes Jahr in Lünen. Sind Sie schon richtig angekommen?

Ja, sehr schnell. Das ist für mich eigentlich ziemlich untypisch. Das liegt aber daran, dass mir Lünen von seiner Struktur her gut gefällt. Ich bin gerne viel draußen unterwegs, und da gibt es hier richtig schöne Ecken. Außerdem bin ich vom Team hier im SAL sehr herzlich aufgenommen worden. Das war von Anfang an eine sehr offene und gute Zusammenarbeit, wofür an dieser Stelle auch den Mitarbeitern sehr danken möchte.

Sie sind jetzt 35 Jahre alt, also eine relativ junge Chefin. Ist der SAL nur ein Schritt auf der Karriereleiter und Sie schielen schon auf die nächste Stufe?

Nein, ich schiele nirgendwo hin. Ich bin auch grundsätzlich ein sehr bodenständiger Mensch. Dass man auf diesen Weg kommt, hat glaube ich etwas mit der Charaktereinstellung zu tun. Ich bin ein sehr offener Mensch und habe eine sehr positive Einstellung. Mein Ziel war: Wenn man viel bewegen möchte, muss man Leiterin des gesamten Betriebes (Planung, Bau und Betrieb) sein. Dieses Ziel ist erfüllt. Ich komme aus einem Konzern mit über 1000 Mitarbeitern und weiß, wie schwierig es ist, dort etwas zu bewegen. Das ist das Schöne an einem kleinen Betrieb wie dem SAL mit 30 Mitarbeitern. Man kann im eigenen Hause sehr schnell etwas bewegen. Deswegen ist es definitiv nicht das Sprungbrett und ich freue mich auf die nächsten 4,5 Jahre.

5 Jahre läuft ja eine Amtszeit. Stellen Sie sich dann zur Wiederwahl?

Ja.

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