Eine Mutter, die ihre Babys verhungern ließ, soll viereinhalb Jahre in Haft. Die Forderung der Staatsanwaltschaft sorgte für reichlich Wut im Netz. Gut möglich, dass diese Wut nach dem Urteil noch weiter wächst.

Lünen

, 14.08.2018, 17:32 Uhr / Lesedauer: 2 min

Maries Martyrium dauerte fünfeinhalb Monate, ihre Schwester Emma musste dreieinhalb Wochen leiden – während ihre Mutter ihr Leben weiterlebte, verhungerten die Säuglinge qualvoll in der Wohnung. Im Prozess vor dem Landgericht Dortmund hat die Staatsanwältin wie berichtet nun viereinhalb Jahre Haft gefordert. Und damit einen – freundlich formuliert – Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Heftige Reaktionen

Gerade in sozialen Netzwerken schlagen viele Nutzer gern über die Stränge, wenn es emotional wird. Der Tod zweier Babys berührt viele, entsprechend heftig sind die Reaktionen, die zum Teil selbst schon wieder ein Strafverfahren rechtfertigen würden. Die Forderung nach lebenslanger Haft für die Mutter ist noch die harmloseste Variante. Rufe nach der Todesstrafe oder die Aufforderung zur Zwangssterilisation zeigen, dass Grenzüberschreitungen im vermeintlich sozialen Netz längst kein Tabu mehr sind.

Der Fall erinnert an die Reaktionen auf das Urteil im Freiburger Prozess gegen ein Paar, das seinen Sohn misshandelt und an Kinderschänder verkauft haben soll. Dass die Mutter hier nicht die Höchststrafe erhielt, war nicht nur von Internetnutzern mit – gelinde gesagt – Kopfschütteln aufgenommen worden. „Wann, wenn nicht in diesem Fall, soll denn bitte die Höchststrafe verhängt werden?“, fragte beispielsweise Prof. Dr. Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“. Eine solche Sachlichkeit fehlt den Lüner Netz-Kommentaren zwar; man könnte ihren Kern aber mit der Frage, warum in diesem Fall keine höhere Strafe gefordert wird, zusammenfassen.

Persönlichkeitsstörung

Zumal die Staatsanwaltschaft als mögliche Strafmaße für die beiden Taten einen Zeitraum von sechs Monaten bis zu elf Jahren und drei Monaten errechnet hat. Dabei sei laut Oberstaatsanwältin Carola Jakobs insbesondere auch berücksichtigt worden, dass die erfahrene Psychiaterin Marianne Miller zuvor „in einem überzeugend begründeten Gutachten“ empfohlen hatte, der angeklagten Mutter in jedem Fall eine verminderte Schuldfähigkeit zuzubilligen. Als Grund dafür war eine diagnostizierte Persönlichkeits- und Anpassungsstörung bei der Mutter genannt worden.

Die Psychiaterin hatte sich in ihrem Gutachten unter anderem festgelegt, dass Scham bei der Lüner Mutter eine tiefe Blockade erzeugt habe: „Ihre Lebensführung war eingeengt in dem Versuch, alles geheim zu halten.“

Aus den zwei Einzelstrafen von drei Jahren und drei Monaten (für Marie) und drei Jahren und sechs Monaten (für Emma) bildete die Oberstaatsanwältin letztlich ihren Strafantrag über eine zu verhängende Gesamtstrafe von viereinhalb Jahren. Dazu muss man wissen: Einzelstrafen werden bei der Bemessung einer Gesamtstrafe nicht einfach addiert. Üblicherweise wird dabei die höchste Einzelstrafe maßvoll erhöht.

Sechs Jahre Kompensation

Dass die Mutter am Ende viereinhalb Jahre ins Gefängnis muss, davon geht selbst die Staatsanwaltschaft nicht aus. Wegen der von ihr nicht zu vertretenden Zeitverzögerung zwischen Bekanntwerden der Taten (2012) und heute (2018) müsse der Mutter eine Kompensation zugute kommen. Nach dem Antrag der Staatsanwaltschaft sollen demnach sechs Monate von einer zu verhängenden Haftstrafe bereits als verbüßt angesehen werden.

Redaktionsleiter Daniel Claeßen kommentiert: „Es ist menschlich, dass Schicksale wie die von Emma und Marie an die Substanz gehen. Zwischen dem, was in meinem Kopf und meinem Magen vorgeht, und dem, was ich hier schreibe, liegen Welten. Schließlich bin ich selbst Vater, und als solcher bin ich wütend. In meiner Wahrnehmung, und da stimme ich einem Großteil der Internet-Nutzer zu, ist das Leben zweier Mädchen mehr wert als viereinhalb Jahre. Auch mehr als elf Jahre, die maximal möglich gewesen wären. Und die ich mir gewünscht hätte. Aber der eigene Sinn für Gerechtigkeit und die Rechtssprechung sind zwei verschiedene paar Schuhe. Das eine ist rein emotional gesteuert, das andere fußt – hoffentlich – auf der mit kühlem Kopf vorgenommenen Abwägung zwischen Tat und Schuld. Außerdem, und das haben die Juristen den „Rechtsexperten“ im Internet voraus: Sie lassen auch den Täter nicht außer Acht, der trotz allem immer noch ein Mensch ist. Wenn man sich nicht gerade im Gerichtssaal aufhält, scheinen ultimative und radikale Forderungen wie die nach der Todesstrafe längst schon salonfähig geworden zu sein. Bieten sie doch eine einfache Lösung an, die sich auf verschiedene Probleme bequem anwenden lässt. Dass sich eine solche Denkweise im Ergebnis nicht von den Taten unterscheidet, über die hier im Eilverfahren geurteilt wird, wird von den „Experten“ geflissentlich übersehen. Das ist nicht nur scheinheilig. Das ist unmenschlich.“
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