Sprudelnde Gewerbesteuer und neue Arbeitsplätze: Warum sich Selm freut

dzIHK-Gespräch

Elf Männer und Frauen hatten am Donnerstag bei McAirlaid’s ihren ersten Arbeitstag. Am Freitag folgen sechs. Es boomt auf dem Arbeitsmarkt. In einem Bereich sieht die IHK aber Nachholbedarf.

Selm

, 16.11.2018, 06:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Stühle reichen nicht aus. So groß ist am Mittwochabend das Interesse an dem jährlichen IHK-Wirtschaftsgespräch. Während rund 60 Gäste aus Handel, Gewerbe, Bildung und Politik im Saal Kreutzkamp in Cappenberg hören, wie die Wirtschaft brummt, erleben das nicht einmal 20 Stunden später elf Arbeitssuchende in der neuen Gewerbehalle acht Kilometer nördlich, zwischen Werner Straße und Steigerstraße.

Sprudelnde Gewerbesteuer und neue Arbeitsplätze: Warum sich Selm freut

Den Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt, über den am Abend gesprochen wurde, illustriert das Unternehmen McAirlaid‘s. © Sylvia vom Hofe

Einstellungstag bei Fließstoffhersteller McAirlaid’s, dem neuen Schwergewicht in der Selmer Wirtschaft, das laut Bürgermeister Mario Löhr schon Erweiterungspläne für 2019 hat, obwohl die gerade gebaute Produktionsstätte noch gar nicht ganz fertig ist.

Löhr: Bauarbeiten für zweite Halle beginnen Mitte 2019

Auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern solle ab Mitte nächsten Jahres die zweite Halle entstehen, so Löhr vor den rund 60 Gästen der IHK. Dass es gelungen sei, den Marktführer für Saugunterlagen für Selm zu gewinnen, freut ihn genauso wie die Tatsache, Unternehmen wie den Spezialglas- und Kunststoffhersteller Mennes, der ebenfalls neu baut, vor Ort zu halten.

Wenn es nach Löhr geht, werden die Bauarbeiten im Gewerbegebiet Werner Straße so schnell nicht aufhören. Eine „größere Ansiedlung“ sei in Vorbereitung, deutet er an, mit „300 bis 500 Arbeitsplätzen für Selm“. Den Namen des möglichen Neuzugangs will er aber noch nicht verraten.

60 neue Arbeitsplätze bis Ende Februar

Bei McAirlaid’s werden es täglich mehr, sagt Peter Lehnert, der Chef der Selmer Niederlassung. „Vor drei Wochen haben wir mit der Produktion begonnen“ – mit den ersten drei Maschinen. An diesem Freitag treffen sechs weitere Maschinen ein, nächste Woche noch eine große Anlage. Zu Weihnachten sollen die Büros fertig sein, Ende Februar die gesamte Produktion. „Dann werden wir 60 Mitarbeiter eingestellt haben“, vorwiegend aus Selm. Das passt ins Bild.

Joachim, Horn lobt nicht nur

„Mit 5055 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Selm ist ein Höchstwert erreicht worden“, sagt Joachim Horn. Der Selmer ist Inhaber und Geschäftsführer des Reisebüros Horn. Seit diesem Jahr engagiert er sich zudem als Mitglied der IHK-Vollversammlung. Er hält bei Kreutzkamp die Eröffnungsansprache. 820 Arbeitslose seien derzeit gemeldet, so wenig wie seit Jahren nicht. Horn lobt aber nicht nur. Die Geschäfte, sagt er, litten unter den seit mehr als eineinhalb Jahren andauernden Bauarbeiten auf der Kreisstraße. „Das ist geschäftsschädigend“ und längst nicht die einzige Baustelle in der Stadt. Unterm Strich, hofft er, würden die Anstrengungen aber helfen, Selms Attraktivität zu steigern.

„Baustellen bleiben Selm erhalten“

Diesem Ziel hat sich Bürgermeister Löhr verpflichtet, der sich darüber freut, „dass die Gewerbesteuereinnahmen mit 12 Millionen Euro noch nie so hoch waren wie zurzeit.“ Das Geld geht gleich zurück in den Wirtschaftskreislauf: 20 Millionen Euro Investitionen für den Hochbau und 30 Millionen für Straßen- und Kanalbau kündigt er an. „Wir werden Baustellen behalten.“ Die größten vor allem auf dem Campusgelände würden aber bis Mitte 2020 beendet.

IHK-Geschäftsführer wünscht sich neue Ausbildngsplätze

IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber drängt dazu, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. Die Wirtschaftsstandorte müssten sich weiter entwickeln. In diesem Zusammenhang greift er in seiner Rede die Regionalplanung des Regionalverbandes Ruhr (RVR) Essen scharf an. Sie bestimme über die Ausweisung von Gewerbeflächen vor Ort. Doch die Experten der Region, wie etwa die Wirtschaftsförderung des Kreises Unna, könnten diese Aufgabe deutlich besser erfüllen. Schreiber spricht von einer zentralen „restriktiven Flächenpolitik“. Aber Unternehmen bräuchten „Fläche, um sich zu entwickeln“. Dass sie sich entwickeln wollten, sei offensichtlich wegen der guten Wirtschaftssituation im Ruhrgebiet. Manche beurteilen die anders, etwa das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

„Unverschämt!“ IW-Institut bringt Schreiber in Rage

Laut einer aktuellen Studie des IW-Instituts sind die Zukunftsaussichten für das Ruhrgebiet eher schlecht.Der Strukturwandel von der Schwerindustrie zu Wachstumsbranchen sei verpasst worden, hieß es Mitte Oktober. Die Mischung aus schlechter Infrastruktur, Problemen in der Bildung und fehlendem Geld seien schlechte Rahmenbedingungen sei fatal, so das Kölner Forschungsinstitut. Für Schreiber ist diese Analyse eine „Unverschämtheit“. „Wir haben große Erfolge im Strukturwandel vorzuweisen. Allein die Zahl von 22 Hochschulen mit mehr als 500.000 Studierenden spricht eine deutliche Sprache. NRW ist mittlerweile die Startup-Region Nr. 1 in Deutschland, nicht zuletzt wegen der Aktivitäten im Ruhrgebiet.“ Die Rheinländer, die sich bald vom Braunkohle-Tagebau verabschieden müssten, könnten noch lernen vom Ruhrgebiet.

Sprudelnde Gewerbesteuer und neue Arbeitsplätze: Warum sich Selm freut

Monika Raman kündigt an, dass es 2019 wieder eine Azubinale geben wird in Selm. © Sylvia vom Hofe

Selm hat seine Bergbauvergangenheit längst überwunden. Wie wichtig insbesondere die duale Ausbildung ist, erlebten die Betriebe täglich bei ihrer Arbeit, so Schreiber. In diesem Bereich sieht er aber noch Luft nach oben. Der IHK-Hauptgeschäftsführer wünscht sich, dass Selm noch in diesem Jahr eine wichtige Aufgabe erfülle. Während im IHK-Kammerbezirk die Zahl neueingetragener Ausbildungsverhältnisse 2018 um 3,2 Prozent gestiegen sei, verzeichne Selm einen Rückgang: von 56 auf 53. „Das müssen wir noch aufholen.“

Der Termin für die nächste Azubinale steht schon

Eine, die seit Jahren Schwung bringt auf dem Ausbildungsmarkt, ist Monika Raman. Die städtische Koordinatorin des Übergangsmanagements von der Schule in den Beruf spricht zum Abschluss über den Erfolg der ersten Azubinale. 250 Schüler hätten an einem Tag 16 Unternehmen kennenlernen können. Am 9. Mai 2019 wird es eine Neuauflage geben.

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