Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg - auch Schwerter starben in den Schützengräben. Wir haben nach Spuren vom Ende des Weltkriegs in Schwerte gesucht und sind fündig geworden.

Schwerte

, 10.11.2018, 11:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Erste Weltkrieg endete in Schwerte, wie er begonnen hatte. Mit schwarz-weiß-roten Fahnen und sehr national, mit einer „Vaterländischen Kundgebung“ im Freischütz. Doch die Versammlung, zu der Bürgermeister Emil Rohrmann und der Magistrat eingeladen hatten, wurde dann eher zu einem Abgesang des Kaiserreichs. Die meisten Schwerter waren einfach nicht mehr bereit, den Krieg zu erdulden. Auch wenn ihr Bürgermeister weiter die bekannten Durchhalteparolen verkündete.

Über 600 Soldaten aus Schwerte fielen an der Front

626 Schwerter waren in den vier Kriegsjahren an Ost- und Westfront gefallen, wie der Historiker Dr. Andreas Acktun in einer Tabelle auflistet. 181 alleine im zweiten Kriegsjahr 1916. Nahezu jede Familie im kleinen Schwerte kannte jemanden, der gefallen war. Und auch zuhause wurde die Lage immer schlechter. Selbst die Arbeiter in den kriegswichtigen Fabriken verdienten kaum noch genug, um ihre Familien zu ernähren.

Fünf Jahre zuvor sah das noch ganz anders aus. Die Begeisterung für den Krieg war groß, wie die Schwerter Zeitung berichtete. Sowohl am Tag, als die Mobilmachung die Stadt erreichte, als auch am 8. August, als Lüttich gefallen war, läuteten die Kirchenglocken.

Evangelische Pfarrer unterstützen den Krieg

Überhaupt waren es die evangelischen Pfarrer, die ganz in nationalprotestantischer Tradition den Krieg unterstützten. Pfarrer Wischnath lud bereits bereits am Tag nach der Mobilmachung mit seinem katholischen Kollegen Schnurrbus zu einer Versammlung ein, bei der Hilfsausschüsse gegründet wurden, die Soldaten in den Zügen zur Front versorgen sollten. Die Euphorie und der Nationalstolz waren groß, die Unterstützung für die Truppen, die ins Feld zogen, auch. Der Geist von 1914 wurde auch immer wieder in den Predigten der Schwerter Pfarrer beschworen.

Soldaten aus Schwerte berichteten von gnadenlosem Vernichtungskrieg im Schützengraben

In das Nagelbrett im Schwerter Rathaus, das 1916 aufgestellt wurde, konnte man gegen eine Spende für Hinterbliebene der Gefallenen einen Nagel einschlagen. © Repro Schmitz

Schnell kam man auch dazu, den Gemeindegliedern, die ins Feld mussten, die heimatlichen Gemeindebriefe nachzusenden. Der Schwerter Daniel Samaga hat über diese Heimatbriefe eine Magisterarbeit geschrieben.„Zu Beginn des Krieges waren es die reinen Gemeindebriefe, die man verschickte“, erzählt er. Doch im April 1915 kam man zu der Erkenntnis, dass die Heimatgemeinde und die Kriegsgemeinde unterschiedliche Publikationen bräuchten. Seitdem schickte man Grüße aus der Heimat ins Feld.

Die Postille war immer gleich aufgebaut, es gab einen Aufmacher über die Geschehnisse zuhause und dann Berichte überwiegend über patriotische Feiern. Dazu gab es Grüße aus dem Feld, Listen mit Auszeichnungen von Schwerter Soldaten und bald auch die Gefallenen. Die letzten Angaben bekam auch die Haimatgemeinde. „Wir wissen von einem Schwerter, der nur so über den Tod seines Bruders erfuhr“, erzählt Samara.

Jetzt lesen

Die Heimatgrüße blieben trotz des immer dramatischer verlaufenden Kriegs immer gleich. Versorgungsschwierigkeiten und Hunger wurden als die Tugend zum Verzicht gelobt. Noch in der letzten Ausgabe wurde die Dolchstoßlegende aufrecht erhalten: Ihr habt nicht versagt, schrieb man den Soldaten.

Der Höhepunkt der Kriegssolidarität der Schwerter Gemeinden war der Juni 1917. Am 24. Juni läuteten die Schwerter Kirchenglocken zum vorerst letzten Mal. Am Tag danach begann man mit dem Ausbau aus den Kirchtürmen. Die Gemeinde erhielt zwar für die 4770 Kilogramm Bronze 18.944 Reichsmark gutgeschrieben. Das war allerdings mehr symbolisch.

Soldaten aus Schwerte berichteten von gnadenlosem Vernichtungskrieg im Schützengraben

Im Juni 1917 wurden die Glocken aus der Viktorkirche abtransportiert, um zu Kanonenrohren umgeschmolzen zu werden. © Repro Schmitz

Und schon zuvor hatten die Gemeinden freiwillig Altmetall für die Kriegswirtschaft gesammelt. Und die Schwerter legten voller Begeisterung ihr Erspartes in Kriegsanleihen an. Allein bei der Sparkasse in Westhofen wurden bis zum Mai 2018 13,6 Millionen Mark gezeichnet.

Schwerter Soldaten berichteten von gnadenlosem Vernichtungskrieg

Derweil starben die Schwerter Soldaten an der Front. Der Schütze Hermann Horstendahl (1898 bis 1977) schrieb später seine Erinnerungen an das letzte Kriegsjahr im Nordosten Frankreichs auf. Er beschreibt den gnadenlosen Vernichtungskrieg in den Schützengräben: „Nie werde ich den Augenblick vergessen, als unser Richtschütze Gefreiter Manthey das Feuer begann. Endlich sah ich vor mir im Drahtverhau die springenden und zappelnden Engländer. Mitten unter sie schoss unser Gewehr.“

Doch auch der Richtschütze und zwei weitere Kameraden aus der Gefechtsstellung starben bei dem Kampf.

Schwerter meldete sich als Freiwilliger für Stoßtrupp

Fritz Rust berichtet in seinen Erinnerungen über das Unter-Elsässische Infantrie-Regiment Nr. 143 über den Tod des Schwerter Unteroffiziers Hans Bonkowski. Der Kaufmann, der in Schwerte an der Märkischen Straße gewohnt hatte, meldete sich als Freiwilliger für einen Stoßtrupp. Beim Eindringen in französische Stellungen warf man unter Beschuss Handgranaten in Stollen, in denen man Franzosen vermutete. Als der Stoßtrupp abrücken wollte, lag der Schwerter tot im Schützengraben des Feindes. Seine Vorgesetzten verboten den Kameraden, die Leiche zu bergen. So blieb der Kriegsheld auf dem Feld zurück.

Erschreckend an den Beschreibungen von Horstendahl und andern Kriegsteilnehmern ist die Sachlichkeit, mit der man auch grauenhafteste Erlebnisse schildert.

An der Heimatfront machte sich Unruhe breit

Und auch wenn die Gemeinde stets davon sprach, dass man an der Heimatfront tapfer die Truppen unterstützte, machte sich dort längst Unmut breit. Der Burgfrieden von Kaiser Wilhelm („Ich kenne keine Parteien, mehr nur noch Deutsche“) hatte Risse bekommen. Vor allem die Arbeiter in den Fabriken, die ja kriegswichtig waren, wurden unruhig. 1916 trat das Hilfsdienstgesetz in Kraft, dass zur Einsetzung von Arbeiterausschüssen in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten führte.

In den Protokollen der Versammlungen des Arbeiterausschusses der Nickelwerke kann man nachlesen, dass es vor allem um die Lebensmittelversorgung ging. 1917 und 1918 gab es, trotz der Zusicherungen pro Kopf und Woche 250 Gramm Fleisch zu bekommen, gar kein Fleisch mehr. Die Lohnerhöhungen konnten die immer stärker steigenden Preise nicht mehr auffangen.

Arbeiter demonstrierten am Rathaus für mehr Lebensmittel

Im Oktober 1918 demonstrierten Arbeiter vor dem Rathaus für mehr Lebensmittel. Bürgermeister Rohrmann schickte sie nach Hause, verhandelte dann aber mit den Arbeiterführern. Am 20. Oktober dann die „Vaterländische Kundgebung im Freischütz“. Viele an der Heimatfront waren nicht mehr bereit, den Krieg zu ertragen.

Lediglich Pfarrer Wischnath warnte vor einem „unehrenhaften Frieden, der bringe Arbeitslosigkeit, Hunger und dauernde Verarmung auf Jahrzehnte hinaus mit sich.“ Auch wenn Wischnath nicht völlig unrecht hatte, den Krieg verlängerte das nicht.

Vier Tage später, am 9. November, kamen mit roten Schleifen geschmückte Soldaten in Schwerte an und entwaffneten alle übrigen Soldaten, Urlauber und Veteranen. Am selben Abend bildete sich bei einer Versammlung in der Gaststätte im Reiche des Wassers der Arbeiter- und Soldatenrat. Der ebenfalls noch am selben Abend mit Bürgermeister Emil Rohrmann verhandelte. Statt einer Revolution gab es einen Kompromiss. Rohrmann und dem Arbeiterführer Heinrich Jöckel gelang es, gemeinsam mit den Unternehmern, dem Bürgertum und den Arbeitern einen friedlichen Übergang vom alten ins neue System zu schaffen.

Die letzten Tage des Ersten Weltkriegs
  • Ende Oktober meutert die deutsche Hochseeflotte. Die Soldaten in Wilhelmshaven und Kiel wollen nicht mehr in die aussichtslose Schlacht gegen England ziehen.
  • In anderen Städten bildeten sich Arbeiter und Soldatenräte. Die Novemberrevolution erfasste weitere Städte. US-Präsident Woodrow Wilson verlangte im Falle eines Friedensvertrages die Abdankung des Kaisers.
  • Und auch die MSPD (Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands) forderte am 7. November den Reichskanzler auf, den Kaiser zur Abdankung zu bewegen.
  • Als der das nicht tat, kam es am 9. November in Berlin zum Generalstreik. Die MSPD trat aus der Regierung aus, Reichskanzler Max von Baden gab eigenmächtig die Abdankung des Kaisers bekannt und übergab sein Amt an Friedrich Ebert.
  • Um 14 Uhr rief Scheidemann auf dem Westbalkon des Reichstages die deutsche Republik aus. Zwei Stunden später proklamiert Karl Liebknecht vom Lustgarten vor dem Berliner Stadtschloss die freie sozialistische Republik Deutschland. Doch die Macht des linken Flügels der Revolutionäre hatte zu wenig Einfluss. Auf Druck der Basis gründeten die verfeindeten Sozialdemokratischen Parteien einen gemeinsamen Rat der Volksbeauftragten.
  • Kaiser Wilhelm flüchtete vom belgischen Spa aus in die Niederlande. Offiziell dankte er aber erst am 28. November ab.
  • Derweil verhandelte im Wald von Compiègné eine Delegation mit Zivilisten und Soldaten mit den Alliierten einen Waffenstillstand. Am Morgen des 11. November zwischen 5.12 Uhr und 5.20 Uhr französischer Zeit unterzeichneten beide Delegationen den Waffenstillstand von Compiègne. Dieser sah unter anderem die Räumung der von der deutschen Armee besetzten Gebiete binnen 14 Tagen sowie des linken Rheinufers und dreier Brückenköpfe in Mainz, Koblenz und Köln innerhalb von 25 Tagen vor.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Karaoke

Mit Band auf der Bühne: „You are Gold“ bittet zum letzten Karaoke-Konzert des Jahres

Hellweger Anzeiger Stadtplanung

Schwerter Architekt schlägt neue Nutzung für Haverhallen und Abriss an Rohrmeisterei vor

Hellweger Anzeiger Verdreckte Innenstadt

Mit der Leiter zum Taubenfüttern in der Schwerter Fußgängerzone: Ist das Tierliebe?

Meistgelesen