Soldat und Feuerwehrmann in Ergste - nichts rettete Metzger Sternheim vor den Nazis

dzSerie: Häuser erzählen

Mit den Sternheims endet die Geschichte der Ergster Juden. Dabei waren sie zuvor im Dorf integriert: von ihnen zeugt ein Fachwerkhaus am Kirchhofsweg.

Ergste

, 29.12.2018, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Spuren der Zeit haben sich eingegraben in die Kellertüren des Fachwerkhauses Kirchhofsweg 10. Trat schon der jüdische Metzger Leopold Sternheim (1882 bis 1942?) über die Schwelle?

Schlachterei war bis 1938 geöffnet

Der Betrieb hier war bis etwa 1938 seine Schlachterei, wie Leser Adolf Bartram in einem weiteren Teil seiner Forschungen zur jüdischen Gemeinde Ergste berichtet: „Das Haus hatte wohl sein Großvater Herz (1810 bis 1887) oder auch erst sein Vater Robert Sternheim (1850 bis 1922) gebaut. Roberts Ehefrau Auguste (1860 bis 1927) hat dort zehn Kinder zur Welt gebracht. Drei starben als Säuglinge, Sohn Alfred starb im Ersten Weltkrieg in Frankreich, fünf sind von anderen Orten aus deportiert und in Theresienstadt, Auschwitz und Riga ermordet worden oder einfach verschollen.

Mann mit Lederjacke und dicker Zigarre

Sohn Leopold hingegen wurde ein in Schwerte bekannter Metzger.

Der inzwischen verstorbene Fleischermeister Robert Wilkes konnte sich vor Jahren im RN-Gespräch noch lebhaft an den Kollegen erinnern: „Der trug immer eine Lederjacke und qualmte eine dicke Zigarre.“ Oft sei er als Kollege mit seinem großen Wagen, einem „Dürrkopp“, zu seinem Vater in die Bahnhofstraße gekommen. Unter dem Tuchverdeck lagen Roastbeef und Filet, die wegen ihrer teuren Preise in Ergste nicht zu verkaufen waren. Weil Wilkes Beziehungen zum Hotel Lindenhof in Dortmund hatte, konnte er die Fleischstücke dort absetzen. Das Nierenfett von Sternheims Rindern ging dagegen in geflochtenen Körben ans Nickelwerk: „Zum Schmieren der Walzen.“

Nur der jüngsten Schwester gelang die Flucht

Nur der jüngsten Schwester des Metzgers, Paula (1893 bis 1980), glückte 1938 mit Ehemann Max Oppenheimer und ihren vier Kindern die Flucht nach Argentinien, wo ihre Nachkommen in Mendoza und Buenos Aires leben.

Ihr Bruder Leopold hatte 1912 die Schwester von Max Oppenheimer geheiratet und mit Emma Oppenheimer (1890 bis 1942?) die drei Kinder Hans, Edith und Ursula. Er war 1909 Mitbegründer der Feuerwehr Ergste und Soldat im Ersten Weltkrieg. Das verhinderte nicht, dass er mit Frau und den Kindern Hans und Ursula 1942 aus Ergste abgeholt wurde und wie Tochter Ursula verschollen ist.

Ende der Geschichte der Juden in Ergste

Da gleichzeitig vier seiner Cousinen Sternheim von der Unterdorfstraße deportiert und ermordet wurden, endet mit dem 29. Juli 1942 die fast 200-jährige Geschichte der Sternheims in Ergste. Auf dem jüdischen Teil des Friedhofs am Sembergweg stehen noch 13 Grabsteine, fünf davon mit dem Namen Sternheim.

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