So schaffte es Joseph Nadrowski (86) aus Werne ins Guinnessbuch der Rekorde

dzSchach

Joseph Nadrowski kann von sich behaupten, es mit seinem Schachspiel ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft zu haben. „Aber eigentlich war ich da nur einer von vielen“, sagt er bescheiden.

Werne

, 05.12.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im großen Saal des Hotels 12 Bäume sitzen die Mitglieder des Schachklub Werne 72 konzentriert an den Holztischen und blicken auf die Schachbretter. Hier runzelt einer die Stirn, dort stützt sich ein anderer mit dem Ellbogen auf dem Tisch ab und tippt sich mit dem Finger an die Schläfe. Jeder Zug will wohl bedacht sein.

Nur Joseph Nadrowski blickt gerade nicht aufs Brett. Der Senior des Werner Schachklubs kramt in seinen Unterlagen: Urkunden und alte Zeitungsartikel sind darunter. Sein Kopf ist leicht gesenkt, er schaut über den oberen Rand seiner Brille und grinst plötzlich: „Hier ist es doch. Gucken Sie mal.“

In der Hand hält der 86-Jährige ein Schreiben, das auf den 25. März 1996 datiert ist. Es ist eine Einladung für den „Jahrhundert-Länderkampf“ zwischen Deutschland und Italien. Dieser werde an 1111 Brettern ausgetragen und ins „berühmte Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen“, heißt es im Text. Nadrowski werde an Brett 459 gegen Giuseppe Febbo aus Lecce im Fernschach antreten. Deutschland bei so einer großen Nummer im Schachsport zu vertreten - das war schon etwas Besonderes.

Erfolg im Schach war nebensächlich

Nadrowski, der in Gelsenkirchen-Horst geboren wurde und seit 1962 in Werne lebt, ist sichtlich stolz auf dieses Schreiben. An die große Glocke will er es aber trotzdem nicht hängen. Dass er in den beiden Partien gegen seinen Kontrahenten ein Remis und einen Sieg geholt hat, sei eher nebensächlich. „Und ich weiß auch gar nicht mehr, ob wir oder Italien am Ende gewonnen haben. Das war letztlich egal. Es ging eher um den Rekord und darum, dabei zu sein“, sagt er.

Dem Mann mit den vielen Urkunden scheint es fast schon wichtiger zu sein, was abseits des Bretts passiert. Mit seinem damaligen Gegner habe er beispielsweise auch lange nach der Partie noch Briefkontakt gehabt und über „dies und das“ geschrieben. „Ich konnte natürlich kein Italienisch. Deswegen bin ich immer zur Eisdiele am Moormannplatz gegangen. Da hat man für mich übersetzt“, erklärt Nadrowski und lacht.

So schaffte es Joseph Nadrowski (86) aus Werne ins Guinnessbuch der Rekorde

Joseph Nadrowski mit der Einladung zum "Jahrhundert-Länderkampf". © Felix Püschner

Sein schönstes Erlebnis abgesehen vom Jahrhundert-Länderkampf? Das sei ein Turnier in Dänemark gewesen. Als Jugendlicher. Und er könne sich noch genau an die Familie erinnern, bei der er damals untergebracht war. Tolle Menschen seien das gewesen, „der Viggo Petersen und seine Frau.“

Schach ist für den 86-Jährigen nicht bloß irgendein Sport mit Brett und Figuren. Natürlich gehe es auch ums Gewinnen, sagt Nadrowski. Aber das Drumherum sei ebenfalls wichtig. Außerdem habe das Spiel der Könige - wie andere Sportarten auch - eine gewisse soziale Komponente: „Ich kann mich noch an zwei Jungen aus der Wiehagenschule erinnern. Da habe ich viele Jahre die Schach-AG geleitet. Die beiden waren wie Feuer und Wasser. Aber nach dem ersten Mannschaftsturnier saßen sie plötzlich da, haben die Köpfe zusammengesteckt und ihr Spiel analysiert. Danach waren sie echte Freunde.“

Den Schach-Nachwuchs im Blick

Auf die Nachwuchsförderung hat der Werner, der sich selbst als anfangs eher forschen und inzwischen zurückhaltenden Spieler beschreibt, schon immer großen Wert gelegt. „Aber im Moment lässt der Schach-Nachwuchs ein bisschen zu wünschen übrig“, sagt er. Einen Hype erlebe der Sport in Deutschland derzeit auch nicht unbedingt. Zwar konnte der Deutsche Schachbund (DSB) zuletzt wieder einen Anstieg der Mitgliederzahlen von knapp 90.000 im Jahr 2018 auf 91.700 in diesem Jahr vermelden, doch ist man von der Welt-Elite noch ein gutes Stück entfernt.

Einen echten Boom erlebte der Sport zuletzt beispielsweise in Norwegen, wo der aktuelle Weltranglistenerste Magnus Carlsen mit seinem Spiel für Furore sorgte. Und in Deutschland? Da konnte sich zuletzt der Mathematiker und Philosoph Emanuel Lasker den Weltmeistertitel sichern. Das ist inzwischen aber gut 100 Jahre her.

„So ein Weltmeister gibt dem Sport im eigenen Land immer einen Aufschwung.“
Joseph Nadrowski

Immerhin: Mit dem 15-jährigen Vincent Keymer schickt sich hierzulande ein „Wunderkind“ an, ähnliche Erfolge zu erzielen. Keymer ist inzwischen Großmeister - der jüngste, den Deutschland je hatte. Und er durfte sich bereits im direkten Duell mit Schachgrößen wie Weltmeister Carlsen messen.

„Na wenn das so ist, dann scheint er ja gar nicht so schlecht zu sein“, sagt Nadrowski mit einem Augenzwinkern: „Vielleicht kann er ja zu einem echten Flaggschiff werden. So ein Weltmeister gibt dem Sport im eigenen Land immer einen Aufschwung.“ Und womöglich schafft es der ein oder andere dann ja auch ins Guinnessbuch - so wie Nadrowski und die anderen 1110 deutschen Spieler in den 1990er-Jahren.

Der Schachklub Werne
  • Die Mitglieder des Schachklubs Werne 72 treffen sich immer mittwochs um 19 Uhr im Hotel 12 Bäume, Burenkamp 19. Interessenten sind willkommen.
  • Infos zum Verein gibt‘s auch online unter www.skwerne.de.
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