So lief die Diskussion zum Thema (Messer-)Gewalt an Schulen in Lünen

Fragen und Antworten

Drei Jugendliche sind in diesem Jahr durch Messerattacken gestorben, einer davon in Lünen. Das war der Anlass für eine Diskussion im Hansesaal am Donnerstag. Die wichtigsten Erkenntnisse.

Lünen

, 05.10.2018, 14:16 Uhr / Lesedauer: 3 min
So lief die Diskussion zum Thema (Messer-)Gewalt an Schulen in Lünen

Das Podium im Hansesaal (v.l.n.r.): Dieter Schürmann, Kriminaldirektor im NRW-Innenministerium, Stefan Behlau, Vorsitzender Lehrerverband Bildung und Erziehung, Luca Samlidis, ehemaliger Schülersprecher in NRW und Stefanie Lippelt, Schulpsychologin Kreis Unna. Thomas Koch moderierte den Abend. © Fröhling

Der Radiosender WDR 5 hatte in den Hansesaal eingeladen zum Thema „Mit dem Messer in die Schule - Alarmierende Gewalt unter Jugendlichen.“ Der Abend dauerte eine knappe Stunde.

Wer war da?

Auf dem Podium saßen Dieter Schürmann, Kripo-Chef in NRW, Stefanie Lippelt, Schulpsychologin im Kreis Unna, Stefan Behlau, Vorsitzender des Lehrerverbands Bildung und Erziehung und Luca Samlidis, ehemals Schülersprecher in NRW.

Das Interesse in der Bürgerschaft war nicht besonders groß. Es waren rund 50 Gäste im Hansesaal, darunter Vertreter von Schulen, Polizei oder dem Amtsgericht und einige Schüler.

Ist die Gewalt denn wirklich „alarmierend?“

Das war eine der ersten Fragen, die diskutiert wurden. Die Beantwortung ist gar nicht so einfach. Es gebe keine belastende Zahlen dafür, dass die Situation schlimmer würde, auch wenn er selbst es so erlebt habe, dass die Angst vor Gewalt steige. Das sagte Schülersprecher Samlidis. Stefan Behlau vom Lehrerverband wusste, dass 55 Prozent der Lehrer über Gewalt klagen, damit sei aber auch verbale Gewalt gemeint. Kripo-Chef Schürmann sagte, dass gerade erst die Daten erhoben würden - und es momentan sehr wohl eine auffällige Anzahl an Messerangriffen gebe. Dafür seien aber nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene verantwortlich.

Woher kommt die Gewalt?

Das wollte Reinhold Bauhus wissen, Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule (KKG) in Lünen-Süd, an der im Januar ein Schüler mit einem Messer getötet wurde. Ob es Analysen gebe, dass Gewalt häufig bildungsferneren Schichten entspringe? Es gebe Erkenntnisse, sagte Schürmann, dass jemand, der aus einer bildungsfernen Schicht stammt, Situationen eher nicht gewaltfrei lösen kann. „Aber es ist zu einfach, das darauf zu reduzieren“, sagte er.

So lief die Diskussion zum Thema (Messer-)Gewalt an Schulen in Lünen

Reinhold Bauhus (mit Schal), Leiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule, beteiligte sich auch an der Diskussion. © Goldstein

WDR-Moderator Thomas Koch stellte schließlich die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Migration und Gewalt gebe. „Ein solcher direkter Zusammenhang wird den Leuten nicht gerecht“, sagte Schulpsychologin Lippelt. Mit solchen Feststellungen müsse man auch vorsichtig sein, um den Rechtspopulisten nicht in die Hände zu spielen.

Haben sich auch Lüner Schüler an der Diskussion beteiligt?

Ja, mehrfach. Gleich zu Beginn wurden mehrere gefragt, ob sie nach dem Vorfall im Januar jetzt ein schlechtes Gefühl in der Schule hätten. Sie verneinten.

So lief die Diskussion zum Thema (Messer-)Gewalt an Schulen in Lünen

Schüler waren bei der Diskussion ebenfalls anwesend. © Goldstein

Eine KKG-Schülerin wies darauf hin, dass der „Faktor Lehrer“ auch eine große Rolle spiele. Sie habe mehrfach erlebt, dass einzelne Schüler vom Lehrer vor der ganzen Klasse aufgezogen würden. Die Schüler bauten dadurch Aggressionen auf. Stefan Behlau vom Lehrerverband gab zu, dass Lehrer auch Teil des Problems sein können. „Ich will nicht wegdiskutieren, dass es Fälle von Machtmissbrauch geben kann“, sagte er. Es gebe aber viel mehr Lehrer, die jeden Tag einen wunderbaren Job machten.

Gewalt ist also ein Problem - was kann man dagegen machen?

So richtig konkrete Vorschläge gab es dazu nicht. Alle seien bei der Lösung des Problems gefragt. Die Lehrer, die Polizei, die Schüler selbst natürlich, aber auch deren Eltern. Das sagte Behlau vom Lehrerverband. Kripo-Chef Schürmann stimmte zu: „Eltern müssen nachschauen, ob Bücher und ein Smartphone im Rucksack sind - oder vielleicht auch ein Messer.“ Denn: „Messer machen Mörder.“ Schärfere Gesetze würden da nicht unbedingt helfen, schließlich habe jeder ständig Zugriff zum Beispiel auf Küchenmesser.

Die Lehrer bräuchten an den Schulen mehr Zeit, um Gespräche zu führen und Projekte gegen Gewalt zu organisieren, sagte Behlau vom Lehrerverband. Stattdessen müsste ein Lehrer 32 oder 33 Kinder unterrichten und das in einem „unmenschlichen Takt“. So sei das nicht möglich. Kleinere Lerngruppen seien für die Beziehungen wichtig, dazu brauche es flächendeckende Schulsozialarbeit.

Kripo-Chef Schürmann verwies auf die Erfolge des Projekts „Kurve kriegen“, mit dem junge Intensivtäter zurück in die Spur gebracht werden sollen.

Was sagten Bürger zu der Diskussion?

Da waren zum Beispiel Carsten und Manuela Wolkenar, deren 11-jährige Zwillinge auf die Geschwister-Scholl-Gesamtschule gehen. Sie haben dabei mittlerweile ein „mulmiges Gefühl“, wie sie sagen. Sie hätten sich gewünscht, dass die Diskussion noch etwas weiter gefasst worden wäre. Ihnen ging es zum Beispiel darum, dass Jugendliche heutzutage kaum noch passende Angebote in ihren Stadtteilen vorfänden. Und darum, dass Eltern ihrer Vorbildfunktion heutzutage kaum noch gerecht würden.

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