Vorweihnachtszeit. Die persönlichen Terminkalender sind durchgetaktet. Dabei wollen Eltern und Kinder doch gar keinen Stress. Wie der Vermieden werden kann, verraten Experten.

19.12.2018 / Lesedauer: 7 min

Aminatas Augen strahlen. Warum? „Ich freue mich auf Weihnachten“, erzählt die Sechsjährige dem Reporter. Allein muss sie sich aber nicht darauf freuen, oder? „Nein, ich habe mit Mama Plätzchen gebacken.“ Mama, das ist Bianca Elting. Gemeinsam mit ihrer Tochter habe sie die Adventszeit bewusst gestaltet. Plätzchen backen gehöre dazu. Aminata hat geholfen, die Zutaten zusammenzustellen und in die Schüssel zu geben. „Und ich helfe Mama beim Eiertrennen.“ Das Eigelb und das Eiweiß voneinander zu trennen, ist eine wichtige Aufgabe, wollen die Plätzchen gelingen.

Naschen ist ausdrücklich erlaubt

Diese Pflichten übernimmt das Mädchen gern. Genau so wie die „Nacharbeiten“ des Plätzchenbackens. Aminata darf vom Teig naschen, der übrig bleibt. Das sei aber noch nicht alles, sagt Aminata: „Wenn Mama Schokoladenplätzchen backt, darf ich die restliche Schokolade aus der Schüssel auslecken.“ Aminatas Augen scheinen noch mehr zu glänzen, als sie das sagt.

Was ihre Augen zu Hause noch zum Leuchten bringt: „Aminata darf die Kerzen am Adventskranz anzünden“, berichtet Mama Bianca. Und noch etwas machen Mutter und Tochter zusammen: singen. „Wir singen in der Adventszeit gern und auch sonst.“ Aminata hat am dritten Advent mit Oma und Opa im Publikum gesessen, als in der evangelischen Kirche am Selmer Markt der Chor daChor ein Konzert gab. Mit Bianca Elting als einer der Chorsängerinnen.

Die Zeit vergeht so schnell

Gemeinsam die Adventszeit zu verbringen, sei ihr ein wichtiges Anliegen, erzählt Bianca Elting. „Es ist so eine hektische Zeit. Und gerade in der Adventszeit versuche ich, mir Lücken zu schaffen, um einfach Zeit mit Aminata zu verbringen. Weil die Zeit so schnell vergeht. Sie kommt nächstes Jahr schon in die Schule.“

Zunächst aber steht zur Zeit die Freude auf Weihnachten im Vordergrund bei Aminata. Das Mädchen drückt das so aus: „Im Advent macht man schöne Sachen.“

Was sie noch sagt: „Ich bin gespannt auf die Geschenke.“ Na klar. Aminata hat auch einen Wunschzettel geschrieben. Was da drauf steht? Das erzählt sie gern: „Ich wünsche mir einen Roboter, der wie ein Chamäläon aussieht.“ Dieser Roboter habe einen Magneten auf der Zunge, mit dem er Insekten, die auch einen Magneten haben, fangen kann. Ja, so etwas gibt es wirklich. Ein weiterer Wunsch: Ein Bett für ihre Puppen.

So erleben Familien mit Kindern eine gemütliche und stressfreie Vorweihnachtszeit

Nacheinander werden die Kerzen in der Kerzenwerkstatt in die farbigen Becken getaucht. Eine schöne Arbeit für Kinder und Erwachsene. © Woesmann(A)

Ein besonderes Ritual: Kerzenziehen

Wünsche erfüllen sich auch im Geschäft Spielen und Träumen an der Südkirchener Straße in Selm. Dort vollzieht sich regelmäßig, auch im Advent, ein besonderes Ritual: Kerzenziehen heißt es und das Geschäft verwandelt sich in eine regelrechte Kerzenwerkstatt. Inhaberin Elisabeth Sandmann lädt regelmäßig dazu ein, selbst Kerzen zu ziehen. Dafür benötigt man etwa zwei Stunden Zeit. Ein beliebtes Angebot bei Erwachsenen und Kindern. Maren Fröhlich hat es gern wahrgenommen. Sie war mit ihren Kindern jüngst auch in der Kerzenwerkstatt. „Wir sind dort Kunden, und als wir vom Angebot des Kerzenziehens erfahren haben, haben wir gedacht, dass Kerzen das perfekte Weihnachtsgeschenk für Oma und Opa sind“, erzählt sie. So machten sich Maren Fröhlich und ihre Töchter Emma (8) und Hanna (5) ans Werk. „Das war sehr schön“, urteilt die 40-jährige Südkirchenerin.

So erleben Familien mit Kindern eine gemütliche und stressfreie Vorweihnachtszeit

Emma und Hanna lieben das Kerzenziehen in der Kerzenwerkstatt. Mit ihrer Mutter Maren sind die Mädchen aus Südkirchen nach Selm gekommen. © Maren Fröhlich

Auch Elisabeth Sandmann ist angetan von der Atmosphäre in der Kerzenwerkstatt, obwohl das ja ihr Arbeitsplatz ist: „Die entspannende Wirkung von Kerzenlicht ist schon sehr lange bekannt und wird zu vielen Anlässen und Ritualen seit Jahrtausenden bewusst eingesetzt. Kerzenlicht verhilft uns zur Entspannung, tut uns Menschen gut, gibt uns Zuversicht und Hoffnung, berührt unsere Seelen.“

So erleben Familien mit Kindern eine gemütliche und stressfreie Vorweihnachtszeit

Elisabeth Sandmann misst die Dicke der Kerzen. © Malte Woesmann (A)

So erleben Familien mit Kindern eine gemütliche und stressfreie Vorweihnachtszeit

Die Kerzen hängen zum Trocknen aus. © Malte Woesman (A)

Aus Ritualen entstehen Erinnerungsschätze

Genau solche Angebote sind wichtig für Familien, gerade mit Kindern, sagt Dr. Stefanie Greubel, Professorin für Kindheitspädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn. „Aus Studien der Psychologie und Pädagogik wissen wir, dass sich Kinder durch Bindung und Begegnung, Sinneserfahrungen, Bewegung und Spiel entwickeln. In Familienritualen finden die Kinder im hektischen Familienalltag Ruhe und Sicherheit, sie sind zudem identitätsstiftend. Aus diesen Ritualen entstehen Erinnerungsschätze, die als soziale Ressource zur Bewältigung schwieriger Situationen herangezogen werden können. Für die kindliche Entwicklung und Identitätsbildung ist es daher von zentraler Bedeutung, gemeinschaftsstiftende Rituale und positive Beziehungsmuster erfahren zu können. Die Weihnachtszeit eignet sich besonders gut, um diese Schätze anzulegen.“

Kinder in die Planung einbeziehen

Die Realität sagt aber, dass in der adventlichen Zeit der Haussegen auch mal schief hängt. Professor Dr. Ulrich Paetzold, Psychologe und Erziehungsberater sowie Leiter des Fachbereichs Psychologie der Technischen Universität Brandenburg in Cottbus, sagt zum Thema durchgetaktete Zeit: „Ich denke nicht, dass in der Vorweihnachtszeit zusätzliche, gemeinsame Unternehmungen sinnvoll sind, da Kinder wie Eltern durch Kindergarten und Schule in dieser Zeit sowieso zusätzlich, zeitlich gefordert sind. Wenn also Eltern sich Ansprüche gerade in der Vorweihnachtszeit aufbürden, die sie eher stressen, haben die Kinder wenig davon.“ Sein Rat: „Hier sollte man die Kinder in die Planung miteinbeziehen, den Ablauf gemeinsam durchsprechen, Aufgaben je nach Alter verteilen, viel zeitlichen, ungeregelten Freiraum einplanen, die familiären Verpflichtungen möglichst stark zeitlich begrenzen und sich nicht zu viel vornehmen. Der Haussegen hängt ja dann meist schief, wenn die Erwartungen unterschiedlich waren, daher kann dies einigermaßen durch vorherige Absprachen vermieden werden. Einfachheit bei den Geschenken, beim Essen und beim Ablauf hilft hier. Auch sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass alles perfekt laufen muss.“

Maren Fröhlich bestätigt, was Paetzold sagt: „Der Dezember ist sehr voll, deshalb ist gerade in der Vorweihnachtszeit, wo Feiern in Kita, Schule und Vereine sind, Planung wichtig.“ Bei Familie Fröhlich ist dann Plätzchen backen und Tannenbaum kaufen angesagt. „Zeit für die Familie“, nennt das Maren Fröhlich. „Der Ausgleich zwischen Pflichten und Gemütlichkeit ist wichtig.“

Welche Aktion passt zur eigenen Familie?

Auch Prof. Dr. Stefanie Greubel - Mutter zweier Kinder (14 und 11) - kennt das zu genau. Im Gespräch mit der Redaktion sagt sie: „Im Ratgeber steht: ,Backen Sie mit Ihren Kindern Plätzchen‘. Sie wissen aber, dass Sie als Mutter hektische Flecken bekommen, wenn das Mehl im ganzen Haus verstreut ist und die Kinder höchstens Lust auf dreimal Ausstechen haben und Sie den Nachmittag damit verbringen, den Rest des Teiges zu verarbeiten und das Chaos zu beseitigen. Die ganze Aktion endet also im Streit und die Weihnachtsstimmung ist futsch.“ Aufgabe der Eltern ist es laut Stefanie Greubel, die Wochen vor dem Weihnachtsfest realistisch zu betrachten und zu überlegen, welche Aktionen zur eigenen Familie passen: „Vielleicht gehört es zu Ihrer Familientradition, Plätzchen zu kaufen und sie gemeinsam auf der Couch zu essen? Möglichkeiten gibt es viele.“

Gelassenheit ist wichtig

Wichtig sei die gemeinsam verbrachte Zeit und möglichst viel Gelassenheit, so die Professorin. Dazu gehöre auch, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Es sei völlig normal, wenn sich Geschwister streiten. Und das dann am besten genau in dem Moment, als die Kerze angezündet werden soll. Wenn Eltern diese Situationen gelassen bewältigen, stehe auch dem Familienfrieden nichts im Weg. Der sei nämlich erst so richtig gefährdet, wenn sich die Eltern aufregen. Die Südkirchenerin Maren Fröhlich und ihr Ehemann Bartholomäus haben ein Rezept. Im Gespräch mit der Redaktion erklärt sie: „Wenn es Streit gibt, versuchen mein Mann, die Kinder und ich, gemeinsam Lösungen zu finden.“

„Wichtig ist die Fokussierung der Familie auf das gemeinsame Erleben“, sagt Kindheitspädagogin Stefanie Greubel: „Kinder erinnern sich später nur in besonderen Fällen an ein bestimmtes Spielzeug, welches sie bekommen haben. Sie erinnern sich vor allem an die gemeinsamen Rituale an Weihnachten, die zur festen Familientradition geworden sind. Das Klingen der Glocke, das Flüstern der Eltern hinter der geschlossenen Wohnzimmertür… Und sie erinnern sich an das eine Mal, als das Essen verbrannte oder als man sich gemeinsam im Wald etwas verlaufen hat. Scheinbar misslungene Aktionen können so ebenso wertvolle Ressourcen sein, da sie den Kindern zeigen können, wie man in schwierigen Situationen zusammenhält. Diese Erinnerungen sind wichtige Ressourcen, die die weitere Biografie entscheidend beeinflussen können.“

Um die Weihnachtszeit wertvoll für alle Mitglieder zu gestalten, biete es sich gerade für Familien mit engem Terminkalender an, Zeit zu schenken. Statt den Adventskalender mit Süßigkeiten zu füllen könne er mit Aktionskarten bestückt werden: ein gemeinsames Spiel am Abend, das Lieblingsessen oder auch der Ausflug zur Schlittschuhbahn. „Zeit zu schenken, also gemeinsam Zeit zu verbringen, ist den Kindern viel mehr wert als fünf Geschenke zu bekommen“, ergänzt Maren Fröhlich. Zeit für Spiele sei das. Oder eben ein Besuch der Kerzenwerkstatt.

So erleben Familien mit Kindern eine gemütliche und stressfreie Vorweihnachtszeit

Weihnachtliche Dekorationen zieren überall die Häuser und Eingänge. © Arndt Brede

Dekorierte Häuser und Eingänge

Die Vorweihnachtszeit ist aber nicht nur in der Kerzenwerkstatt oder in den privaten Wohnzimmern erlebbar. Auch außerhalb dieser Häuser strahlt es weihnachtlich. Vor den Eingängen stehen beleuchtete oder bunte Tiere und Dekorationen. In den Fenstern funkeln Sterne. Weihnachtsfreude ist sichtbar. Was für ein schönes Gefühl für Eltern und Kinder, nach Hause zu kommen und von solchen Lichtern begrüßt zu werden.

Im ganz privaten Umfeld der Familien tut sich also viel in Sachen Weihnachten und Advent. Doch auch in den Einrichtungen, die die Mädchen und Jungen täglich besuchen, ist Weihnachten spürbar. In der Selmer Kindertageseinrichtung Mittendrin, Langer Acker, zum Beispiel, einer Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), sind die Mädchen und Jungen quasi in einer Oase der Ruhe: Montags sogar mit den Eltern. Denn montagsvormittags singen die Kinder in der Kita mit ihren Eltern. Die Blicke, die zwischen Eltern und Kindern hin- und hergehen, zeigen: Ja, so soll die Adventszeit einfach sein. Ein Miteinander.

So erleben Familien mit Kindern eine gemütliche und stressfreie Vorweihnachtszeit

In der Selmer DRK-Kita Mittendrin singen die Kinder montags vormittags im Advent mit ihren Eltern. © Arndt Brede

Gemütliche Atmosphäre in Kita-Gruppen

„Wir schaffen auch in den Gruppen eine gemütliche Atmosphäre“, sagt Kita-Leiterin Nicole Schröer. Das sei wichtig, denn: „Für die Kinder ist Weihnachten spannend und aufregend.“ Und so backen die Erzieherinnen mit den Mädchen und Jungen vor Weihnachten Plätzchen, basteln Dekorationen für Bäume und Weihnachtsschmuck.

Warum das Ganze? „Wir heben das Gemeinschaftliche hervor“, erklärt Nicole Schröer. Das Miteinander sei wichtig. Gemeinsam Geschenke einzupacken, den Stress abzulegen. Das mache die Adventszeit für Familien aus.

So erleben Familien mit Kindern eine gemütliche und stressfreie Vorweihnachtszeit

Gemütlich und kuschelig ist es in der Elefantengruppe der DRK-Kita Mittendrin. Eine Ecke ist mit einem Kartonkamin sehr heimelig eingerichtet. Die Kinder sitzen gern dort. © Arndt Brede

Eine Kaminecke aus Karton

Wie schön die Vorweihnachtszeit ist, liest der Besucher in den Augen der Kita-Kinder. Doch auch aus den Familien selber gibt es positives Feedback, berichtet die Kita-Leiterin: „Wir haben in unserer Kita einen Kamin aus Kartons gebaut. Da sitzen die Kinder gern drum herum. Wir haben aus Familien schon gehört, dass Eltern auch eine solche Weihnachtsecke zuhause eingerichtet haben. Auf Wunsch der Kinder.“ Das ist also das Geheimnis einer besinnlichen und stressfreien Adventszeit für Familien mit Kindern: Die Kinder sind die eigentlichen Experten und Botschafter der friedlichen und gemütlichen Vorweihnachtszeit. Das Rezept dafür kann so einfach sein. Es genügt eine Zutat: sich einfach bewusst Zeit füreinander zu nehmen. So, wie Bianca Elting und Töchterchen Aminata.

Kerzenwerkstatt-Termine Die nächste Kerzenwerkstatt im Geschäft Spielen und Träumen, Südkirchener Straße 1, ist am Samstag, 29. Dezember, von 10.30 bis 13 Uhr geöffnet. Weitere Termine im Januar 2019: 4. Januar 10.30 und 15.30 Uhr; 11. Januar 15.30 Uhr; 17. Januar 16.30 Uhr; 25. Januar 15.30 Uhr. Die Dauer liegt jeweils bei rund zweieinhalb Stunden. Teilnahmegebühr: 12 Euro. Anmeldungen sind erforderlich: Tel. (02592) 980688.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Verwaltungsgericht

Klage gegen Tankstellenbau in Selm: So hat das Verwaltungsgericht jetzt entschieden

Hellweger Anzeiger Dreharbeiten

Drohnen kreisen über Cappenberg: Dreharbeiten zu neuem Film rufen Polizei auf den Plan

Hellweger Anzeiger Kreisstraße

So viele Hinweiszettel hat die Stadt bislang an Falschparker auf der Kreisstraße verteilt

Meistgelesen