„Ich stand zitternd auf dem Tresen der Brasserie“, erinnert sich Simone Littau. Ihr Leben lang fürchtete sich die Stockumerin vor Hunden. Mit Mitte 30 fasste sie einen Entschluss.

Stockum

, 27.11.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer Angst vor Hunden hat, sollte Familie Littau nicht besuchen. Denn in vielen Fällen wird der Kopf von Ben größer sein, als der eigene. Wenn er hochspringt, um einmal nett „Hallo“ zu sagen, fällt das besonders auf. Und wer mit Ben spielt, spielt auch mit seinen 36 Kilo.

Der schwarze Labrador-Rüde wohnt seit vier Jahren bei Familie Littau in Stockum. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Frauchen Simone liebt Tiere, nur Hunde waren für sie lange Zeit bloß „hässliche Viecher“. Mehr noch: Sie hatte Angst, Panik vor dem besten Freund des Menschen. „Ich stand mal zitternd auf dem Tresen der damaligen Brasserie“, erzählt sie heute, während sie mit Ben Gassi geht. Die bloße Anwesenheit des Hundes hatte sie damals in Panik versetzt. „Ich habe mal in der Innenstadt wie am Spieß geschrien, weil ein Hund auf mich zugelaufen kam“, erzählt sie.

Bellender Hund am Buggy

Warum da stets diese Panik war, kann sie nicht genau sagen. Manchmal gibt es einen konkreten Auslöser, manchmal entwickelt sich die Angst über Jahre. Littaus Mutter erinnert sich an einen Hund, der bei der kleinen Simone am Buggy hochgesprungen war und laut gebellt hatte. Vielleicht war das der Auslöser. Vielleicht hatte Simone Littau als kleines Kind gelernt: Hunde bellen und sind böse.

Was sie als kleines Kind abgespeichert hatte, trug sie bis ins Erwachsenenalter mit sich rum. An der wöchentlichen Hunde-AG in ihrem Kindergarten konnte die Erzieherin nie teilnehmen. „Ich habe mich mittwochs nie aus meiner Kita-Gruppe herausgetraut, weil der Hund da war“, erzählt Simone Littau. Für die Kindergartenkinder ist die tiergestützte Pädagogik in St. Christophorus eine tolle Sache, für Simone Littau war sie stets der blanke Horror.

Simone Littau (42) hatte panische Angst vor Hunden – heute hat sie einen großen Labrador

Labrador Ben gehört seit vier Jahren zur Familie. © Vanessa Trinkwald

Irgendwann wollte sie raus aus ihrem Zwinger. Auch für ihren Sohn, der Hunde doch so liebte. „Die sind so süß“, hatte der heute 13-jährige Malte mal gesagt. „Wo sind die denn süß!?“, hatte sie geantwortet – und sich dann über sich selbst geärgert: Wenn mein Sohn Hunde so sehr mag, warum kann ich es dann nicht? Malte, das sagt sie nicht nur einmal, war quasi das Sprungbrett in ein Leben ohne Panik.

Mit Mitte 30 fasste die heute 42-Jährige einen Entschluss: Du musst dich deiner Angst stellen. Das steht in Ratgebern, das sagen Psychologen: Der Weg aus der Angst führt oft über die Angst. Den allerersten Schritt zu wagen, kann unmenschlich sein. Warum sollten Menschen etwas tun, was sie an ihre seelischen und körperlichen Grenzen bringt? „Weil es einschneidend sein kann“, sagt Simone Littau rückblickend.

„Mein ganzer Körper hat gezittert, ich hatte Fluchtgedanken.“
Simone Littau (42)

„Du musst von ganz unten anfangen“, hatte ihr vor sieben Jahren Ute Robbe geraten. Robbe leitet die Hunde-AG in der Kita St. Christophorus, betreibt eine eigene Hundeschule in Oberaden. Eines Tages fuhr Simone Littau zum Trainingsplatz nach Bergkamen – und setzte sich dort in ein abgetrenntes Gatter. Keines der Tiere konnte direkt zu ihr, und doch war es schwierig: „Mein ganzer Körper hat gezittert, ich hatte Fluchtgedanken, obwohl ich wusste, dass mir nichts passiert.“ Über Wochen schaute sie den Tieren nur zu, „und irgendwann habe ich gemerkt, ich freu mich ein kleines bisschen drauf“.

Später traute sich Simone Littau bei den wöchentlichen Terminen auf dem Hundeplatz raus aus ihrem abgetrennten Bereich. „Wir haben den Hunden dann mal ganz vorsichtig ein Leckerli gegeben.“ Rückblickend habe Robbe sie ähnlich an die Hunde herangeführt, wie die Kinder im Kindergarten. Tiergestützte Pädagogik für Erwachsene sozusagen. „Sie hat mir erklärt, wie man mit Hunden umgeht, warum sie was machen, welche Signale sie aussenden“, erzählt Littau. Sie habe damals gelernt, den Hund zu verstehen – und sich selbst ein bisschen mit.

Negative Emotion an die Tiere gekoppelt

Nach einem Jahr auf dem Trainingsplatz übernahm Littau vorübergehend die Hunde-AG in der Kita. „Ich hatte schweißnasse Hände, aber ich war stolz wie Oscar.“ Als dann die Idee aufkam, sich einen eigenen Hund ins Haus zu holen, „war das noch mal eine ganz andere Nummer“. Letztlich ließ Simone Littau sich darauf ein – auch für ihren Sohn Malte.

Simone Littau, so würde der Lüner Hypnotherapeut Dr. Christian Lüdke sagen, hatte nie wirklich Angst vor Hunden. „Die Angst vor den Tieren hatte vermutlich eine gefühlsmäßige Ursache“, deutet er.

„Hinfallen, Krönchen richten, weiter geht’s“

Ob die Mutter bestimmte Situationen heute noch aus dem Konzept bringen könnten? „Ich glaube schon, dass ich sehr gefestigt bin“, sagt sie. Wenn die 42-Jährige aber dem aggressiven Hund aus dem Ort beim Gassi gehen begegne, habe sie ein mulmiges Gefühl. „Na ja, hinfallen, Krönchen richten, weiter geht’s.“

Rückblickend hätte Simone Littau all das nicht machen müssen. Aber sie wollte es. Und heute weiß sie: „Ich kann alles schaffen, wenn ich mich dem stelle. Auch, wenn es lange dauert und anstrengend ist.“

In unserer Fotostrecke: Dr. Christian Lüdke erklärt: Was ist „die Angst“ und wie geht man mit ihr um? – mit Labrador Ben:

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27.11.2018
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Es muss nicht die vor dem Hund sein. Jeder kennt sie: die Angst. Vor irgendetwas. Grundsätzlich ist Angst eine extrem wichtige Überlebensstrategie, sagt der Lüner Hypnotherapeut Dr. Christian Lüdke (58). Dabei bleibt die Summe aller Ängste ein Leben lang gleich. "Wir haben permanent ein Angstniveau, nur die Angstrichtung kann sich ändern."© Vanessa Trinkwald
Lüdke unterscheidet zwischen Real-Ängsten ("Ich bin irgendwann einmal von einem Hund gebissen worden") oder Phobien, die mit Kontrollverlustängsten einhergehen. "Wir müssen stets die Kontrolle über sechs Grundgefühle behalten, wobei vier Gefühle im Vordergrund stehen: Trauer, Wut, Ärger, Freude", sagt Christian Lüdke. Halten wir diese Gefühle zurück, können sich unbewusste Ängste entwickeln. Die Psychologie unterscheidet zwischen 621 verschiedenen Phobien.© Vanessa Trinkwald
Simone Littau, so würde Lüdke sagen, hatte nie wirklich Angst vor Hunden. Sondern: Ein bestimmtes Gefühl, ein emotionales Erleben war an die Tiere gekoppelt. "Ich würde vermuten, dass die Angst vor den Tieren eine gefühlsmäßige Ursache hatte", sagt Lüdke.© Vanessa Trinkwald
Dr. Christian Lüdke nennt ein Beispiel: den Säbelzahntiger, der im Gebüsch raschelt. "Den Säbelzahntiger gibt es nicht mehr, der hat heute andere Gesichter: Das kann der Partner sein, das kann aber auch der Hund sein, vor dem man Angst hat." Grundsätzlich gibt es drei Reaktionen auf einen im Gebüsch raschelnden Säbelzahntiger: fliehen, kämpfen oder erstarren.© Vanessa Trinkwald
Packt einen die Angst, rät Lüdke, zu atmen. "Tief ein- und ausatmen – das ist das Mittel der ersten Wahl." © Vanessa Trinkwald
Menschen mit einer Panikattacke sollten mehr auf ihren Körper achten und weniger auf die Situation. "Es ist wichtig, sich auf sich zu konzentrieren", sagt Lüdke. Menschen sollten rausgehen, sich bewegen.© Vanessa Trinkwald
Sitzen bleiben, an die Decke gucken und warten, bis die Angst vorbei geht, sei der falsche Weg, sagt Lüdke.© Vanessa Trinkwald

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