Wie hoch ist die Dunkelziffer bei Straftaten? Dazu werden auch Lüner gefragt. Die Stadt will Klarheit über Angsträume, während die Gleichstellungsbeauftragte fehlende Hilfen bemängelt.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 26.08.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dunkelfelder heißen im Polizeijargon diejenigen Bereiche der Gewaltkriminalität, die nicht zur Anzeige gebracht werden und somit kein Strafverfahren nach sich ziehen. Jetzt verschickte die Landesregierung Fragebögen an 60.000 Personen in ganz NRW und damit auch nach Lünen, um „das Dunkelfeld bei der Gewalt gegen Mädchen, Frauen, Jungen und Männern auszuleuchten“, wie NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) es ausdrückt.

Es bringe nichts, wenn die Sicherheit faktisch gegeben sei, die Leute müssten sich auch sicher fühlen, ergänzt Landesinnenminister Herbert Reul (CDU). „Um dieses Problem anzupacken, müssen wir wissen, wo sich die Menschen in Nordrhein-Westfalen unsicher fühlen. Deshalb fragen wir nach.“

Kleine-Frauns: Diskrepanz zwischen Statistik und Sicherheitsgefühl

Auch Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns (GFL) ruft zur Teilnahme an der Dunkelfeldstudie auf: „Die Diskrepanz zwischen der Kriminalstatistik und der gefühlten Sicherheit, die der Innenminister anspricht, ist auch bei uns in Lünen da. Ich hoffe, dass mit der Studie der Landesregierung deutlicher wird, wo Menschen sich unsicher fühlen. Für die Polizei, aber auch für die Stadt können hier wichtige Erkenntnisse erwachsen. Deswegen bitte ich alle, die einen Fragebogen bekommen, mitzumachen.“

Versandt wurden die Ankündigungsschreiben an Bürger, die mindestens 16 Jahre alt sind und ihren Erstwohnsitz in Nordrhein-Westfalen haben. Pro Kommune werden zwischen 470 und 3600 Personen angeschrieben. Dazu, wie hoch die Zahl genau für Lünen ist, möchte sich die Landesregierung nicht äußern. Anschließend bekommen die ausgewählten Personen Anfang September per Post einen Fragebogen. Mit den Ergebnissen der Befragung ist Anfang 2020 zu rechnen.

Zahl der Delikte in fast allen Bereichen gesunken

Tatsächlich ist in ganz NRW und auch in Lünen die Zahl der Delikte seit 2013 kontinuierlich gesunken. „Die Studie überprüft auch unsere Polizeiarbeit“, sagt Peter Bandermann, Sprecher der Polizei Dortmund. „Es geht dabei um das Grundvertrauen in die Polizei und das Sicherheitsempfinden der Bürger. Wir kennen uns im Hellfeld aus, wir kennen die Zahlen und wir wissen, wie wir einer Frau, die Gewalt erfahren hat, Hilfsangebote vermitteln können. Jetzt geht es darum: vertraut man uns?“

Auch in Lünen gibt es hingegen so genannte Angsträume, wie eine Umfrage durch diese Redaktion im vergangenen Jahr belegt: In Gahmen, Lünen-Süd und Brambauer, der nördlichen Münsterstraße, dem ZOB, auf dem Lippedamm und am Seepark fühlten sich Lüner nach Einbruch der Dunkelheit unsicher. Aus Sicht der Stadt gäbe es keine konkreten Angsträume, aber kriminogene Orte. Polizeisprecher Bandermann sagt dazu: „Diese Bereiche sind ebenso sicher wie andere Orte im Stadtgebiet. Es gibt keinen Ort in Lünen, den die Polizei als Brennpunkt bezeichnet.“

Zahlen

Frauenforum im Kreis Unna

Unter dem Dach des Frauenforums, das alleine für den gesamten Kreis zuständig ist, gibt es ein Frauenhaus, eine Frauen- und Mädchenberatungsstelle und Wohnhilfen für Frauen.
  • Frauenhaus 2018:
    - Bewohner 48 Frauen plus 50 Kinder
    - Aufnahmegrund: Misshandlungen durch den Ehemann (51 %), den Partner (31%) oder andere Personen (18%).
  • Frauen- und Mädchenberatungsstelle 2018:
    - insgesamt 534 Klientinnen
    - 354 kamen wegen häuslicher Gewalt, nur 58 dieser Fälle wurden polizeilich erfasst,
    - 49 Fälle sexualisierter Gewalt gab es,
    - andere Fälle hatten mit Trennung und Scheidung, Essstörungen oder einer Migrationsproblematik zu tun.
Wenn Jungen und Männer von sexualisierter Gewalt betroffen sind (immerhin 5 Prozent), müssen sie sich an Opferschutzbeauftragte in Dortmund wenden.

Gleichstellungsbeauftragte bemängelt fehlende Hilfsangebote

Gestiegen ist laut Halbjahresstatistik hingegen die Zahl der Sexualdelikte in der Lippestadt: 2018 wurden 11 mehr als noch im Vorjahr zur Anzeige gebracht (insgesamt 69), das ist doppelt so viel wie noch 2014. Das liegt nach Ansicht der Polizei zum Einen an der geänderten Gesetzeslage: Sexuelle Belästigung zählt nun auch zu den Sexualdelikten.

Zum anderen an einem neuen Unrechtsbewusstsein, ausgelöst durch die Metoo-Debatte. „Übergriffe wie bei der Silvesternacht in Köln gibt es hier bei uns in Lünen natürlich nicht“, sagt die städtische Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Schiek, „trotzdem gibt es natürlich auch hier Dunkelfelder.“

„Vergewaltigungen im häuslichen Bereich werden seltener angezeigt“

Auch wenn die Anzeigenbereitschaft im Bereich der sexuellen Übergriffe gestiegen ist, ist hier ihrer Einschätzung nach die Dunkelziffer nach wie vor am höchsten. Das betreffe vor allem sexuelle Anmachen, dort gebe es viele Vorstufen. Das Problem sei, dass sich Frauen schon viel zu sehr daran gewöhnt haben.

Vergewaltigungen im öffentlichen Bereich würden ihrer Erfahrung nach oft angezeigt. Nicht aber im häuslichen und familiären Bereich. Ein ganz neues - riesiges - Feld seien Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften. „Meistens werden solche Gewalttaten nicht angezeigt, weil unter den Betroffenen Unsicherheit über die Rechtslage herrscht oder sie sich nicht äußern können.“

Außerdem ist ein großes Thema, bei dem vor allem Schülerinnen dringend Hilfe bräuchten, Cybermobbing. Angriffe auf Homosexuelle oder Rassismus begegneten ihr hingegen eher vereinzelt.

Frauenhaus und Frauenforum von Lünen aus schlecht zu erreichen

Allgemein müssten Hilfs- und Unterstützungsangebote viel transparenter gemacht werden, viele wüssten nicht, wohin sie sich wenden können. Außerdem wünscht sich Gabriele Schiek flächendeckendere Hilfsangebote. Zwar gibt es das Frauenhaus und die Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Frauenforums in Unna, das für den gesamten Kreis zuständig ist. „Aber für viele, die nicht mobil sind oder wenig Geld haben ist das sehr schwer zu erreichen“, bemängelt Schiek.

„Dass es hier in Lünen nicht mal eine Außenstelle gäbe, ist für die Größe der Stadt schlicht nicht angemessen. Es wäre schön, wenn hier mehr in die Fläche geschaut werden könnte. Das sind unnötig hohe Hürden für Menschen, die sich in Krisensituationen befinden.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Drogenhandel
Falsche Wohnung und falsche Aussage: Amtsgericht verurteilt Dealer (28) aus Lünen-Süd
Hellweger Anzeiger Amphetaminsucht
Von der Sucht in die Selbsthilfegruppe: 30-jähriger Lüner gibt sich vor Gericht geläutert
Meistgelesen