Sexueller Missbrauch: Als die Hand von Onkel Markus die kleine Mia berührte

dzMissbrauch in Werne

Es war doch nur ein Streicheln - und doch hat es das Leben von Mia verändert. Für die Sechsjährige war es eine Tortur. Nicht nur die Tat an sich, sondern auch das, was folgte. Ein Fallbeispiel.

Werne

, 01.02.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Immer wenn Mias Eltern mal einen Abend für sich haben wollen, geben sie die Sechsjährige in die Obhut von Onkel Markus. Der passt gerne auf seine Nichte auf, kümmert sich um sie, spielt mit ihr. Ein lieber Mann. Ein enger Vertrauter. Ein Familienmitglied.

Und Mia, die ist ein echter Sonnenschein. Immer ein Lächeln auf den Lippen, stets aufgeschlossen. Ein zuckersüßes kleines Mädchen eben. Doch als Mia an diesem Tag mal wieder zu Besuch bei ihrem Onkel ist, passiert etwas, das so gar nicht in das Bild eines netten Onkel-Nichten-Verhältnisses passt.

Mia sitzt am Tisch und malt. Da schaut ihr Markus über die Schulter: „Schön machst du das. Du wirst bestimmt mal Künstlerin.“ Dann wandert seine Hand an Mias Körper hinunter. Erst bis zu den Oberschenkeln – und schließlich dazwischen. Das ist neu für die Sechsjährige. Ihr schießt sofort der Gedanke in den Kopf: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ein fiktiver Fall: Die Geschichte von Mia und Markus ist kein reales Ereignis. Wir haben sie in Zusammenarbeit mit der Werner Psychologin Dr. Gabriele Angenendt konstruiert, um das Thema sexueller Missbrauch anhand eines Beispiels konkreter beleuchten zu können.

Dort hat ihr Onkel sie noch nie berührt. Es fühlt sich nicht richtig an. Aber Mia zeigt keine Reaktion, wie man sie vielleicht erwarten würde. Sie erstarrt für einen ganz kurzen Moment – und dann malt sie weiter. Ohne auch nur den Blick vom Blatt zu nehmen. Kein Wegschubsen, kein Wegrennen, kein Wort. „Du bist ein braves Mädchen“, sagt Markus. Und dann ist die Hand des Onkels auch schon wieder weg.

Als ihre Eltern sie abholen, ist die Kleine ganz ruhig. „Und? War’s schön beim Onkel?“ Mia nickt und steigt ins Auto. Sie ist erleichtert, aber gleichzeitig beschämt. Und sie zweifelt: Vielleicht war das ja gar nicht so schlimm, dass der Onkel sie berührt hat. Und vielleicht wäre es am besten, wenn sie davon niemandem erzählt - auch wenn es ihr Angst gemacht hat. Was sie da noch nicht weiß: Es ist nicht das letzte Mal, dass ihre Eltern sie mit Markus alleine lassen. Und es ist auch nicht das letzte Mal, dass er seine Nichte berührt. Mit voller Absicht. An Stellen, an denen es nicht erlaubt ist.

„Das ist furchtbar für das Kind. Es weiß, was auf es zukommt und kann das nicht abwenden.“
Diplompsychologin Gabriele Angenendt

„Das ist furchtbar für das Kind. Es weiß, was auf es zukommt und kann das nicht abwenden. Diese Hilflosigkeit ist auch das Hauptgefühl bei einer Traumatisierung“, sagt Dr. Gabriele Angenendt, Diplompsychologin und Psychotherapeutin mit den Schwerpunkten Trauma- und Sexualtherapie.

In einer Missbrauchs-Situation reagieren Opfer laut Angenendt ganz unterschiedlich. Sie hätten im Prinzip drei Handlungsoptionen: Sich wehren, fliehen oder sich totstellen - im übertragenen Sinn. Aber Kindern bleibt meist nur die dritte Option. Hinzu kommt, dass sie das Erlebte oft nicht richtig einordnen können.

„Sie merken in solchen Situationen, dass etwas nicht stimmt. Sie verstehen also, was los ist, aber sie verstehen nicht, warum es ihnen passiert. Sie können häufig noch keine logischen Schlüsse daraus ziehen und fühlen sich schuldig für das, was mit ihnen passiert“, erklärt Angenendt. Abhängig sei das aber natürlich auch vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes und davon, wie aufgeklärt es ist.

Sexueller Missbrauch: Mias Eltern ahnten nichts

Mias Eltern haben das Thema bislang eher unter den Teppich gekehrt. In ihrem Kosmos ist für so etwas kein Platz. Missbrauch von Kindern? In unserem beschaulichen Städtchen? Niemals! Und dann soll es auch noch ein Familienangehöriger gewesen sein? Das klingt doch eher nach einem gruseligen Film als nach der Realität. Doch in diesem Gruselfilm spielt die kleine Mia die Hauptrolle.

Die Sechsjährige ist seit ein paar Monaten irgendwie zurückhaltender, fast schon schüchtern. Sie ist auch nicht mehr so unternehmungslustig wie früher. Aber sie geht ja jetzt auch in die Schule. Das wäre doch eine Erklärung: Eine neue Situation, ein neuer Lebensabschnitt - da kann es doch schon mal sein, dass das Kind sich ein bisschen verändert, oder? Womöglich gibt es ja Probleme mit den Mitschülern. Das wäre schlimm.

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„Nein, in der Schule ist alles gut“, sagt Mia, als ihre Mutter sie danach fragt. „Okay, aber vielleicht kann dich ja dann morgen Onkel Markus abholen. Mama schafft das diesmal nicht...“ Und dann, ganz plötzlich, bricht es aus Mia heraus: „Nein, der nicht!“ Dieser Mann hat schon ihre kleine heile Familienwelt zerstört, er soll jetzt nicht auch noch an der Schule aufkreuzen. Das Monster darf seine Höhle nicht verlassen. Also berichtet Mia ihrer Mutter von den Besuchen bei ihrem Onkel, von den Berührungen.

Täter drohen Opfern oft mit schlimmen Konsequenzen

„Oft erzählen Betroffene von ihren Erlebnissen, wenn der Leidensdruck einfach zu groß wird. Aber es kommt auch darauf an, ob das Kind eine Vertrauensperson hat. Das sind in der Regel die Eltern. Es können aber auch Lehrer, Freunde oder Mitschüler sein“, erklärt Angenendt.

Und es spiele eine wichtige Rolle, wer der Täter ist. Handle es sich um den eigenen Vater, dann sei die Hemmschwelle, sich mitzuteilen, natürlich noch viel größer. „Oft wird dem Kind durch diesen noch suggeriert, dass es die ganze Familie zerstört, wenn es etwas erzählt. Dann heißt es: ‚Wenn du etwas sagst, muss Papa ins Gefängnis und ihr habt nichts mehr zu essen. Und Mama hat dich dann auch nicht mehr lieb.‘“

Das Trauma und das Gefühl der Hilflosigkeit

Doch selbst wenn sich Betroffene überwinden, bedeutet das längst nicht, dass alles wieder im Lot ist. Mias Gespräch mit der Mutter ist keineswegs die Stelle im Horrorfilm, an der das Böse besiegt ist. Das Trauma, diese schwere seelische Verletzung, das Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefert-Seins und die Angst - das ist nicht automatisch weg, nur weil man es ein Mal laut ausgesprochen hat. Es begleitet die Betroffenen oft sehr lang. Manchmal ihr ganzes Leben.

Auch in Mias Fall ist die Sache nicht einfach so abgehakt. Zumal Onkel Markus sich nicht schuldig bekennt. Die Sechsjährige muss ihre Geschichte noch einmal erzählen. Nicht ihrer Mutter, sondern fremden Menschen. Es steht Aussage gegen Aussage. Der Fall wird vor Gericht verhandelt. „Viele Gerichte sind inzwischen dazu übergegangen, dass die Befragung in einem anderen Raum durchgeführt und auf Video aufgezeichnet wird. So müssen die Kinder dem Täter immerhin nicht mehr gegenübersitzen“, sagt Angenendt.

„Es kann zum Wiedererleben kommen. Das Kind sieht dann nicht nur die Bilder, sondern spürt förmlich die Berührungen.“
DIPLOMPSYCHOLOGIN GABRIELE ANGENENDT

Dennoch seien das kritische Situationen für das Opfer. Nicht nur wegen des Schamgefühls und weil sich Betroffene später oftmals sogar selbst schuldig fühlen. Sondern vor allem, weil es zu einer Re-Traumatisierung kommen kann. Die Gefahr bestehe immer dann, wenn sich Opfer wieder in die vergangene Situation hineinversetzen müssen. Und das ist bei Befragungen vor Gericht nun mal so.

„Es kann dann nicht nur zum Wiedererinnern, sondern zum Wiedererleben kommen. Das Kind sieht nicht nur die Bilder sondern spürt förmlich die Berührungen und erlebt andere Sinneseindrücke aus der traumatischen Situation“, erklärt die Psychologin. Solche Re-Traumatisierungen können auch durch bestimmte „Trigger“ ausgelöst werden - etwa ein grünes Halstuch, das der Täter während des Missbrauchs getragen hat.

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Erblickt das Opfer in seinem Alltag ein solches Tuch in einem anderen Kontext, so kann auch das ein Wiedererleben des ursprünglichen traumatisierenden Ereignisses hervorrufen. Auch Jahre nach der Tat. Die Zeit heilt alle Wunden - das mag für viele Dinge gelten. Aber nicht für Missbrauch.

Die kleine Mia besucht jetzt nicht mehr ihren Onkel. Sie besucht die Therapiestunde einer Psychologin. Dort soll sie das Erlebte aufarbeiten. Sie soll lernen, mit den Erinnerungen zu leben. Und dazu gehört unter anderem, dass diese Trigger nicht mehr zu einem Wiedererleben des traumatischen Ereignisses führen. Trigger wie das grüne Halstuch, das Onkel Markus so gerne getragen hat.

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