Selms Förderschul-Deal mit dem Kreis Unna ist geplatzt: Sechs Millionen Euro fehlen

dzFörderschulzentrum Nord

Sechs Millionen Euro auf einen Schlag - zu schön, um wahr zu sein, wie die Stadt Selm jetzt erfahren hat. Denn der Kreis Unna will die Selmer Erich-Kästner-Schule jetzt doch nicht kaufen.

Bork

, 21.10.2018, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für die Stadt ist der Rückzug überraschend gekommen. Und zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Kämmerin Sylvia Engemann hatte gerade den Entwurf für den Doppelhaushalt 2019/20 fertig. Zwar gelinge es, unterm Strich eine schwarze Null zu schreiben, sagt Engemann, aber um die vielen Baumaßnahmen in der Stadt zu bezahlen, seien Kredite nötig. Die Einzahlung von sechs Millionen Euro, mit der sie und die Kollegen der Stadtverwaltung gerechnet hatten, wäre da sehr willkommen gewesen.

„Wir werden nichts kaufen, was wir nicht wirklich brauchen“, sagt Constanze Rauert, Sprecherin des Kreises Unna. Vieles sei zurzeit noch im Fluss: „Wir wissen nicht, wie sich die Schülerzahlen verändern werden und wie viel Platz wir dann noch brauchen.“ Gutachten zur Entwicklung der Förderschullandschaft im Kreis könnten da Aufschluss geben. So lange es da aber keine Gewissheit gebe, „werden wir nicht kaufen“, so Rauert. Von Dr. Detlef Timpe waren da noch ganz andere Töne zu hören gewesen - zumindest nach Auffassung der Stadt Selm.

Der ehemalige Schuldezernent, der inzwischen im Ruhestand ist, habe mit der Stadt „konkrete Gespräche über den Verkauf des Gebäudes“ geführt, so Stadtsprecher Malte Woesmann. Erst bei der Haushaltsberatung habe der Kreis signalisiert, 2019 doch nicht kaufen zu wollen. Dass er 2020 oder später seine Meinung ändern könne, sei nicht auszuschließen, meint Woesmann. Aber auch nicht zu garantieren, so Rauert.

Vom Pädagogenweg nach Bork: Als die Förderschule umzog

Dass der Kreis überhaupt als möglicher Kaufinteressent für die Erich-Kästner-Schule an der Waltroper Straße in Bork in Frage kommt, hat mit ihrer Trägerschaft zu tun. Zum Schuljahr 2016/17 war die bis dahin städtische Förderschule, die Pestalozzischule am Selmer Pädagogenweg, geschlossen worden. Sie zog damals in das Gebäude der nach dem Schriftsteller Erich Kästner benannten städtischen Gemeinschaftshauptschule - als Selmer Teilstandort des Förderschulzentrums Nord in Lünen unter Trägerschaft des Kreises Unna. Seitdem zahlt der Kreis für die Nutzung des Gebäudes Miete an die Stadt. Da die Selmer Hauptschule aber nicht einmal mehr ein Jahr lang existieren wird - zu den Sommerferien 2019 werden die letzten Selmer Hauptschüler ihren Abschluss gemacht haben - , benötigt die Stadt das Gebäude bald gar nicht mehr: gute Voraussetzungen für Kaufgespräche.

Gutachter hat den Millionen-Preis ermittelt

Hat sich die Stadt dabei vielleicht verzockt? Sind sechs Millionen Euro für die in drei Bauabschnitten errichtete Schule (1965, 1972, 1990) zu viel? Nicht die Stadt habe die Kaufsumme festgelegt, widerspricht Stadtsprecher Malte Woesmann, sondern die „unabhängige kommunale Bewertungsstelle des Kreises Unna“. Deren Mitarbeiter hätten eine „überschlägige Wertermittlung“ gemacht und seine auf die sechs Millionen gekommen. Größere Sanierungsmaßnahmen innerhalb der Gebäude gab es zuletzt nicht im Förderschulzentrum. „Die letzten größeren Maßnahmen waren 2016 die Schulhofumgestaltung und die Erweiterung der Netzwerkausstattung im gesamten Gebäude“, so Woesmann.

Bis auf die gelegentlichen Besuche von Gutachtern, die Bausubstanz und Ausstattung untersuchten, werden die derzeit 120 Schülerinnen und Schülern der Förderschule in Selm nichts von den Kaufgesprächen mitbekommen haben. Schulleiterin Doris Kraft hat die vorerst gescheiterten Verhandlungen auch nur aus der Ferne verfolgt.

Das Hin und Her mit der Inklusion

Das Förderschulzentrum Nord ist eine von 444 verbliebenen sonderpädagogischen Förderschulen in NRW. 2005 waren es noch 748 Schulen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland hatte die frühere rot-grüne Landesregierung die Inklusion an Regelschulen forciert: den gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung an Regelschulen. Im Gegenzug ließ sie viele Förderschulen schließen. Die schwarz-gelbe Regierung von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte eine Kehrtwende eingeleitet und die bestehenden Förderschulen gesichert. Laut der amtlicher Statistikstelle IT NRW besuchen aktuell 128.654 Kinder mit Förderbedarf eine allgemeinbildende Schule und 74.377 Kinder eine Förderschule. Die Selmer Förderschulleiterin ist sicher, dass die Zahl an den Förderschulen größer wäre, wenn man die Eltern tatsächlich entscheiden ließe.

Zurzeit ist die Regelung so: „Besteht ein Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung, schlägt die Schulaufsichtsbehörde den Eltern mindestens eine allgemeine Schule vor, an der ein Angebot zum Gemeinsamen Lernen eingerichtet ist“, teilt das Ministerium für Schule und Bildung NRW mit. „ Abweichend hiervon können Eltern für ihr Kind jedoch eine Förderschule wählen“ - allerdings gibt es eine Einschränkung: „ Sofern in ihrer Region ein entsprechendes Förderschulangebot besteht.“ Das ist das Problem.

Die Sache mit der Wahlmöglichkeit

Schulleiterin Kraft nennt ein Beispiel: Wer seine sechsjährige Tochter oder seinen Sohn mit einem Förderbedarf im Bereich Lernen zur Förderschule schicken will, habe zwar theoretisch die Möglichkeit dazu, scheitere aber praktisch. Denn die nächste Schule dafür ist in Dortmund. Die Selmer Förderschule hat zwar auch den Förderbereich „Lernen und emotionale und soziale Entwicklung“, aber Schüler im Grundschulalter werden dort - anders als zu Zeiten der Pestalozzischule - nicht aufgenommen. Dabei gibt es durchaus Platz im Gebäude - ganz unabhängig davon, wem es gehört.

Die Förderschule: 1912 öffnete in Selm die erste Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf: eine Hilfsschule wie es damals deutschlandweit hieß. Sie befand sich zunächst in den Räumen der Ludgerischule. Später zog sie um in eine Baracke hinter der Overbergschule.
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