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Selmer Bauern pflanzen freiwillig Blühstreifen

Blühstreifen

Bunt blühende Blumen vor einem Maisfeld. In Selm sieht man in diesem Jahr viele neue Blühstreifen. Was es damit auf sich hat, haben die Landwirte vor Ort erklärt.

Selm

, 16.07.2018
Selmer Bauern pflanzen freiwillig Blühstreifen

Friedhelm May, Stefanie Gremme, Ewald Westermann und Philipp Witthoff zeigen einen der Blühstreifen im Selmer Stadtgebiet. Dieser befindet sich in einem Maisfeld an einem Radweg am Selmer Bach. © Sabine Geschwinder

Erst kommt der Mais, dann ein Streifen mit bunten Blumen verschiedener Art. So wie am Fahrradweg am Selmer Bach sieht es in diesem Jahr an verschiedenen Feldern in Selm aus. Dazu Fragen und Antworten.


Was ist das Besondere an den Blühstreifen?

Besonders ist, dass die Aussaat der Blühstreifen eine freiwillige Aktion der Landwirte ist. Sie geben dafür einen Streifen auf ihren ansonsten landwirtschaftlich genutzten Flächen ab. Die Landwirte des Selmer Ortsverbandes haben sich gemeinsam an der Aktion beteiligt. Insgesamt sind so etwa 6,5 Kilometer Blühstreifen im Selmer Stadtgebiet entstanden. Die Landwirte hätten dabei besonders darauf geachtet öffentlich zugängliche Stellen zu wählen, so Friedhelm May, der Vorsitzende des Selmer Ortsverbands. Insgesamt hatten die Landwirte knapp einen Hektar an Saatgut ausgebracht, allerdings habe es nicht überall mit dem Blühstreifen geklappt, so Friedhelm May. Teilweise habe das Unkraut über die Pflanzen gesiegt. Teilweise habe die Trockenheit geschadet.


Gibt es die Aktion noch an anderer Stelle?

Ja, verschiedene landwirtschaftliche Kreisverbände haben Werbung für die Blühstreifenaktion gemacht. Im ganzen Kreisverband Ruhr-Lippe, der den Kreis Unna und die kreisfreien Städte Dortmund, Bochum, Hamm, und Herne umfasst, seien so mehr als 100 Kilometer an Blühstreifen zusammengekommen, erklärt der Vorsitzende des Kreisverbandes Hans-Heinrich Wortmann in einer Mitteilung. „Die Länge des Blühstreifens ist so groß, dass wir damit den kompletten Weg von Unna nach Köln säumen könnten“, sagt er. Die Selmer Landwirte haben sich in diesem Jahr mit dem Ortsverband in Werne zusammengetan und dort ihre Blühstreifen bestellt. Die Werner Landwirte hatten bereits im vergangenen Jahr die freiwilligen Blühstreifen ausgesät.


Aber es gab doch schon vorher Blühstreifen auf landwirtschaftlichen Flächen, oder nicht?

Ja. „Es gibt zwei Arten von Blühstreifen“, erklärt Friedhelm May. Solche, die gefördert sind, und eben freiwillige Blühstreifen. Für die geförderten Streifen gelte es viele Anträge auszufüllen und die eingesäte Fläche genau abzumessen. Wenn etwas nicht genau passe, drohen Strafen. Das sei für viele Landwirte eher abschreckend. Eine Förderung fällt aber natürlich bei diesem Modell weg.


Macht es technisch einen Unterschied, ob man einen Blühstreifen anlegt, oder zum Beispiel Mais oder Getreide aussät?

Ja. Die Blütenmischungen sind viel feiner, erklärt Friedhelm May. Einer der Landwirte hat deshalb seine Sämaschine umgebaut, damit sie für die Blumenmischung besser geeignet ist. Zum Vergleich: Normalerweise bringen die Landwirte auf eine Fläche von einen Hektar 150 Kilogramm Saatgut aus, jetzt waren es nur zehn Kilo. „Da mussten wir uns erstmal ausprobieren“, so Friedhelm May. Verursachen die Blühstreifen denn zusätzliche Kosten? Die abgegebene Fläche fällt zum Bewirtschaften weg. „Man hätte sonst auf jedem der Felder zwei Reihen Mais mehr Pflanzen können, erklärt Ortslandwirt Ewald Westermann am Beispiel eines Maisfeldes. Hinzu kommt, dass die Saatgut Mischungen recht kostspielig sind.

Der Landwirtschaftliche Ortsverein hat gemeinsam 20 Kilogramm der Mischung „Blütenpracht am Wegesrand“ gekauft, für 480 Euro. Zum Vergleich: 100 Kilogramm Getreidesaat kosten zwischen 40 und 50 Euro, erläutert Jochen Westermann.


Warum entscheiden sich die Landwirte dann dennoch für die Blühstreifen?

Das hat verschiedene Gründe. Einer ist der Artenschutz. „Wir verzichten hier auf einen Teil des Ertrages, weil wir Insekten und anderen Wildtieren Lebenraum und Nahrung bieten möchten“, sagt der Kreisvorsitzende Hans-Heinrich Wortmann.

Ein weiterer Grund ist, dass mit der Aktion ein größeres Bewusstsein für Landwirtschaft erreicht werden und im Idealfall ein Imagegewinn erzielt werden kann: „Wir werden sehr kritisch beäugt, wo wir arbeiten verbringen andere ihre Freizeit“, erläutert Jochen Westermann. Der Ortsverband wolle daher zeigen, dass es nicht nur um Nutzungsfläche geht. Und letztendlich geht es den Landwirten auch wie jedem anderen Bürger, der an den Blühstreifen vorbei geht oder fährt und sie bewundert: „Wir freuen uns auch über die hübschen Pflanzen“, sagt Ewald Westermann.

Wie lange kann man die Blühstreifen denn beobachten?

Die Streifen stehen auf den Feldern, bis der Mais geerntet wird. Und bis dahin werden sie auch blühen. „Die Mischungen wurden von Fachleuten zusammengestellt, die darauf geachtet haben, dass es einen langen Blühzeitraum hat“, erklärt Friedhelm May. So sind immer wieder andere Blumen am Wegesrand zu sehen.


Wie stehen Naturschützer zu den Blühstreifen?

Uwe Norra vom Naturschutzbund (Nabu) in Selm hält die Blühstreifen für einen guten ersten Schritt. Bei einem der Streifen am Ternscher See habe er „erstaunliche viele Schmetterlinge gesehen“, so Norra, „ein toller Erfolg.“ Auf Kreisebene habe man beim Nabu aber herausgestellt, dass es bei den Blütenmischungen wichtig sei, auf heimische Blüten zu setzen. Außerdem würde sich Norra darüber freuen, wenn die Blühstreifen noch weitere Kreise ziehen würden: „Wenn das auf öffentlichen Flächen gemacht würde, wären das in Deutschland viele Quadratkilometer für den Artenschutz“, so Norra.

Wären denn Blühstreifen nicht auch eine Idee für die öffentlichen Flächen in Selm?

Damit hatte sich der Ausschuss für Umwelt und Zivilschutz Ende April auf eine Anfrage der Grünen beschäftigt. In Frage kämen dafür zum Beispiel Gelände an Schulen, Spielplätzen oder auch im Umfeld der Burg Botzlar.

Eine entsprechende Berechnung der Stadtwerke zeigte, dass die Realisierung der Blühstreifen bei einer nachhaltigen Variante mindestens 17.885 Euro kosten würde. Kämmerin Sylvia Engemann hatte deutlich gemacht, dass sie das Thema wichtig finde, finanzielle Mittel für die Blühstreifen im aktuellen Haushaltsplan allerdings nicht vorgesehen sind.

Gibt es denn für Spaziergänger etwas bei den Blühstreifen zu beachten?

Die Spaziergänger und Fahrradfahrer können sich an den Streifen erfreuen, sie sollten aber Rücksicht auf Pflanzen und Insekten nehmen. „Zum Schutz von Tieren und Pflanzen sollten die Blühstreifen nicht betreten werden und auch Hunde sollten nicht darüber laufen“, sagt Hans-Heinrich Wortmann.