„Haui“ hat keinen Bock auf Kneipensterben – und wird vom Stammgast zum Wirt

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Immer mal wieder stand „Haui“ vor geschlossenen Kneipentüren. Dann wurde es ihm zu viel. Vom Platz vor dem Tresen wechselte der 41-Jährige dahinter - und ist auf einmal Wirt des Kronenstübchens.

Lünen

, 10.10.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mirko Benthaus hat 15 Jahre lang Fußball gespielt, so lange, bis die Knochen nicht mehr mitmachten. Beim VfB Lünen war das. Ein Trainer dort hat ihm den Spitznamen „Haui“ gegeben. Wieso, weiß Mirko nicht mehr. Fragen kann man den Trainer auch nicht mehr - der ist mittlerweile tot. Nur: Den Spitznamen ist Mirko nicht mehr losgeworden. Geht man heute ins Kronenstübchen und fragt nach Mirko, gucken einen alle nur fragend an. Mirko kennt hier keiner. Der Wirt? Ach, der Haui!

Seit knapp fünf Monaten ist Haui jetzt Wirt des Kronenstübchens an der Jägerstraße in Lünen-Süd. Der Eröffnungstag war direkt „Tanz in den Mai“, da war die Hütte voll. Seitdem ist es meist ruhig, am Wochenende ist schon mal mehr los. Aber eines war Haui sowieso von Anfang an klar: „Finanziell lohnt sich so eine Kneipe ja gar nicht mehr.“ Als er das Kronenstübchen übernehmen wollte, hätten deshalb auch viele gefragt: „Bist du bescheuert?“ Haui aber wollte unbedingt, hat die Unterstützung seiner Frau und vom Rest der Familie. Ohne die, sagt er, würde das alles gar nicht gehen. „Für mich ist das wie ein Hobby“, sagt er.

„Haui“ hat keinen Bock auf Kneipensterben – und wird vom Stammgast zum Wirt

Mirko Benthaus ist der Wirt des Kronenstübchen in Lünen-Süd. © Fröhling

Haui geht nebenbei noch arbeiten, fährt am Vormittag fünf Stunden lang Essen an Großkantinen aus. Um 15 Uhr schließt er dann die Kneipe auf und am Wochenende meist erst um 4 Uhr morgens erst wieder zu. Dann hat er an einem Tag mal locker 17 Stunden gearbeitet. Aber Haui macht es gerne: „Ich mag die Menschen, die Unterhaltung“, sagt der 41-Jährige: „Die Leute erzählen mir einfach ihre Probleme, ich frag‘ die ja nicht. Wenn ich ein Buch darüber schreiben würde, das wäre sofort ein Bestseller.“

„Ich gehe hier nie sternhagelvoll raus“

1,40 Euro kostet bei Haui das Glas Kronen, wenn er beim Knobeln verliert, muss auch der Wirt mal eine Runde ausgeben. Selbst trinkt er unter der Woche nicht. Nur am Wochenende, manchmal. „Aber ich gehe hier nie sternhagelvoll raus“, sagt er. Vor kurzem war Oktoberfest in seiner Kneipe, da mag es vielleicht etwas anders gewesen sein. Da war richtig viel los im Kronenstübchen und seine Familie hat zur Unterstützung hinter dem Tresen geholfen.

Nicht alle alten Stammgäste sind der Kneipe treu geblieben, seit Haui hinter dem Tresen steht. Die Frühschopper aber sind noch da. Für die macht er auch sonntags um 10 Uhr auf, um 15 Uhr ist das Kneipen-Wochenende für ihn zu Ende. Außerdem hat er viele neue, jüngere Gäste hergeholt.

Ausnahme in Zeiten des Kneipensterbens

Dass es nicht einfach wird, weiß er trotzdem: „Die Zechen sind zu, die Älteren sind gestorben, das Rauchverbot“, sagt er, das seien die Probleme der Kneipen. Früher, in den 80ern, habe es noch über 20 Kneipen auf der Jägerstraße gegeben. Das sagen zumindest Hauis ältere Gäste. Jetzt sind es noch drei: Hauis Kronenstübchen, der „Alte Ritter“ fast nebenan und das Manometer etwas die Straße hoch.

„Haui“ hat keinen Bock auf Kneipensterben – und wird vom Stammgast zum Wirt

Das Rauchverbot mache den Kneipen zu schaffen, sagt Haui © dpa

Dass sich das Straßenbild verändert hat, dass viele Kneipen leerstehen oder oder anderweitig genutzt werden - das bemerkt man, wenn man durch Lünens Straßen fährt. Das ganze mit Zahlen zu untermauern, ist aber gar nicht so einfach. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hat solche Zahlen nicht. Dort müssen Wirte ja auch gar nicht Mitglied sein. Was alle Kneipen aber brauchen, sind Konzessionen - also die städtische Erlaubnis, Alkohol auszuschenken. Diese Konzessionen brauchen aber auch Restaurants, weswegen auch diese Zahlen nur bedingt aussagefähig sind. Aktuell gibt‘s jedenfalls 110 solcher Betriebe in Lünen, vor zehn Jahren waren es noch 150. Ältere Zahlen, heißt es bei der Stadt, liegen nicht vor. Die Tendenz aber wird klar.

Und diese Tendenz gibt es im ganzen Land. Die Zahl der Kneipen in Nordrhein-Westfalen habe um rund ein Drittel abgenommen, vermeldete die Landesbehöre IT NRW schon vor einigen Jahren. Daran aber ist nicht nur das Rauchverbot schuld. Kneipen sind für viele Vereine und Verbände heutzutage nicht mehr die Haupt-Treffpunkte. Und wenn doch: Auch die Vereine verlieren Mitglieder und treffen sich seltener.

Dann war da noch die Sache mit dem Überfall

Bei allem Pessimismus - Haui merkt im Moment, dass die Abende dunkler, aber auch arbeitsreicher werden. Ein gutes Zeichen, nur wird er langfristig wird wohl jemanden anstellen müssen und in seinem Zweitjob kürzertreten.

Den ersten großen Schock hat er schon hinter sich: Eines nachts, ein paar Gäste waren noch da, stand plötzlich eine vermummte Gestalt im Türrahmen und zielte mit einer Pistole in den Raum, aber sagte nichts. Haui war verdutzt, brüllte schließlich, der Mann solle verschwinden - in etwas drastischeren Worten. Der Vermummte und Verstummte sprühte daraufhin Pfefferspray in den Raum und verschwand tatsächlich. Den Schock haben mittlerweile alle überwunden. Gesprächsthema ist es immer noch. Und vom Täter fehlt jede Spur, meldet die Polizei.

Seitdem gab es jedenfalls keinen Stress mehr, „das wundert mich eigentlich“. Laut wird es zwar manchmal. Aber dann geht Haui dazwischen. „Die können dann von mir aus auf der Straße weitermachen“, sagt er. Die Gäste sollen sich ja bei ihm schließlich sicher fühlen. Und wiederkommen. Dann gibt er auch mal eine Runde Pils aus, wenn er beim Knobeln verliert.

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