Sechs Jahrzehnte Theateralltag zwischen Kreativität und finanziellen Zwängen

Festakt 60 Jahre Heinz-Hilpert-Theater

Es war eine Feier für ein vitales Geburtstagskind im besten Alter: Das Heinz-Hilpert-Theater feiert 60-jähriges Bestehen. Es gab eine Festveranstaltung, die allerdings ein Problem hatte.

Lünen

, 14.11.2018, 13:38 Uhr / Lesedauer: 2 min
Sechs Jahrzehnte Theateralltag zwischen Kreativität und finanziellen Zwängen

Moderator Jürgen Larys vor dem Portrait von Heinz Hilpert. © Textoris

Im Jahre 1958 erblickte es nach einigen Geburtswehen das Licht der Welt. In den Folgejahren entwickelte es sich prächtig. Zwischenzeitlich erlebte es eine lebensbedrohliche Krise im Zuge der Sparzwänge der Stadt Lünen. Heute kann es zwar nicht unbekümmert, doch auf stabilen Füßen stehend, optimistisch in die Zukunft blicken. Die Rede ist vom Heinz-Hilpert-Theater, das am Dienstagabend (13. November 2018) in einer Jubiläumsveranstaltung vom Kulturbüro, dem Theaterförderverein und namhaften Gästen auf der Bühne geehrt wurde. Eine Veranstaltung, die allerdings mehr als nur 200 Zuschauer verdient gehabt hätte.

Erinnerungen an Heinz Hilpert

Das Festprogramm begann mit von Susanne Hocke eindrucksvoll vorgetragenen Auszügen aus dem Tagebuch für Nuschka, das Heinz Hilpert in den letzten Kriegsjahren für die Jüdin Anneliese Heuser, seine große Liebe, geschrieben hat. Daran anknüpfend trug Charlotte Steiling von Zhannet Avrutis am Flügel begleitet ein gefühlvolles jiddisches Lied vor. Dann begrüßte Fördervereinsvorsitzender Jürgen Larys mit Norbert Baensch einen Weggefährten Hilperts in Lünen.

Hilpert-Weggefährte zu Gast in Lünen

Der sehr vital wirkende 84-jährige ehemalige Chefdramaturg des Deutschen Theaters Göttingen beeindruckte die Zuhörer nicht nur durch seine Artikulation und seine prägnanten Formulierungen. Er konnte auch viel von dem Menschen und Künstler Hilpert vermitteln: „Er war neugierig und bestimmend. Er wollte etwas erreichen und setzte seine Vorstellungen auf jeden Fall durch. Er hatte ein Gespür für Menschen, wollte, dass die Schauspieler im Text sich selbst finden und ihn nicht nur aufsagen.“

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Hilpert vertrat das Prinzip der Werktreue, wollte keine „Mätzchen“ bei den Inszenierungen. Sie sollten dem Text und dem Autor gerecht werden. Dann erklang nach vielen Jahren wieder die Stimme Hilperts mit einer Tondokumentation in dem nach ihm benannten Theater. Unnachahmlich trug er, angereichert mit echtem Pathos, Schillers Ballade vom Handschuh vor.

Das Theaterpathologische Institut

Mit Jochen Nickel erlebten die Zuhörer dann einen Zeitsprung zum „Theaterpathologischen Institut“, das unter der Leitung von Roland Reber so etwas wie ein Lüner Ensemble war. Wie Nickel ausführte, beinhaltete dieser Zeitabschnitt genau das Gegenbild der Hilpertschen Prinzipien. Improvisationen standen im Vordergrund, selbst bei der Generalprobe und der Premiere lagen der Text und der Ablauf noch nicht fest.

Sechs Jahrzehnte Theateralltag zwischen Kreativität und finanziellen Zwängen

"Das Theater muss etwas bieten, was die anderen nicht haben."Jürgen Larys im Gespräch mit Rufus Beck (l). © Textoris

Auf der anderen Seite bot es einen grenzenlosen Spielraum für künstlerische Kreativität und Einfallsreichtum. Es war provokant, frisch, frech, impulsgebend. Entsprechend vielschichtig war das Publikumsecho, von umjubelter und begeisterter Zustimmung bis zur ablehnenden und Beschimpfung.

Ein Buch zum 60. Geburtstag

Diesen Zeitabschnitt und auch die anderen in der Geschichte des Lüner Theaters sprachen die Autoren Barbara Höpping und Dirk Husemann in der Präsentation des zum Jubiläum erschienen Theaterbuchs an. Das beinhaltet all diese Epochen und noch viel mehr. Es vermittelt Hintergründe, angefangen von den von Peter Freudenthal zusammengestellten Besonderheiten der Architektur bis zu den Stars vor und den Menschen hinter den Kulissen.

Spagat zwischen Bildungsanspruch und Unterhaltung

Einen besonderen Höhepunkt bot der Vortrag von Ehrengast Rufus Beck. Er zitierte aus Mark Twains „Bummel durch Europa“ dessen humorvolle Auseinandersetzung mit den für einen Ausländer unüberwindbaren Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Im Gespräch mit Jürgen Larys stellte Beck seine Sicht von Theater vor: „Das Theater muss etwas bieten, was die anderen nicht haben. Es muss den Zuschauer gefangen nehmen und ihm ein einmaliges Erlebnis vermitteln.“

Kulturbüroleiter Uwe Wortmann stimmte ihm in diesem Punkt vollkommen zu, wies dabei aber auch auf die Schwierigkeiten des Programmgestalters hin: Zwänge des vorgegebenen Budgets, Adaptionen von Romanen und Filmen statt neuer Stücke und alter Klassiker auf dem Angebotsmarkt, Spagat zwischen Bildungsanspruch und Wünschen nach seichter Unterhaltung.

Geburtstagsständchen

Die von Jürgen Larys komponierte und getextete rockige Geburtstagsode bildete den Abschluss der Veranstaltung. Zusammen mit Uwe Wortmann als Gitarrenbegleiter trug Larys die rückblickenden Verse auf die Theatergeschichte vor. Und die Zuschauer stimmten lautstark dem Refrain zu und mit ein: „60 Jahre, und kein bisschen leise.“

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Warum hat die Jubiläumsveranstaltung zum 60-jährigen Bestehen des Heinz-Hilpert-Theaters nur gut 200 Zuschauer angezogen? Jürgen Larys: Ich habe einfach keine Erklärung dafür. Wir haben ein informationsreiches, kulturell hochwertiges und gleichzeitig unterhaltsames Programm mit hochkarätigen Gästen angeboten. Warum die Zuschauer dieses Angebot nicht angenommen haben, kann ich nicht sagen. Uwe Wortmann: Ich weiß es nicht. Das Kulturbüro und auch der Theaterförderverein haben intensiv für die Veranstaltung geworben und darüber hinaus viele persönliche Anschreiben verschickt. Wir haben mit wesentlich mehr Zuspruch gerechnet.
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