Solche Szenen kommen im Privatfernsehen vor, aber nicht im echten Gericht. Die Ausnahme: Beim Mord-Prozess gegen Michael S. aus Schwerte rastete die Schwester aus - verbal und körperlich.

Ergste

, 29.08.2019, 18:18 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was ist damals passiert - im Jahr 2008 - als sich der Bruder und die Schwester zum ersten Mal seit langer Zeit sahen? Auch darum ist es gegangen am Donnerstag im Mord-Prozess gegen Michael S. (51).

Seine jüngste Schwester ist im Zeugenstand, heute 44 Jahre alt. Und schon ihr erster Satz nach dem Abarbeiten der Personalien macht deutlich, wie es um das Verhältnis zwischen den Geschwistern steht: „Das ist leider mein Bruder.“

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich belehrt sie sicherheitshalber ein zweites Mal: „Sie müssen hier nicht aussagen. Aber wenn, dann muss es wahrheitsgemäß sein wie bei allen anderen auch.“

Doch, doch, sie wolle, sagt die 44-Jährige. Nach dem Mord an einer Frau von 1990 sei es ihr schwer gefallen, aber: „Jeder hat eine zweite Chance verdient. Er war halt mein Lieblingsbruder.“ Beim zweiten Satz stockt ihr die Stimme.

Die T-Shirts im Zuschauerraum und der Blick von Michael S.

28 Jahre saß Michael S. nach der Tat von 1990 in mehreren Gefängnissen, zuletzt jahrelang in der JVA in Schwerte-Ergste. Am 2. Oktober 2018 wurde er mit positiver Prognose entlassen. Am 9. Januar 2019 fand man keine 100 Meter von der JVA entfernt eine Frauenleiche: eine 72-Jährige, ermordet in ihrem eigenen Haus. DNA-Spuren von Michael S. wurden gefunden - auch an der Unterhose der Toten.

Freunde der 72-Jährigen, die jünger wirkte, verfolgen jeden Prozesstag von Reihe eins aus. Sie tragen T-Shirts mit einem Bild der Frau - auch an diesem Donnerstag.

Michael S. blickte - wenn überhaupt - nur kurz dorthin. Und auch als jetzt seine Schwester im Zeugenstand sitzt, geht sein Blick nur geradeaus, leicht nach unten, ins Nichts.

„Kannst du mich nicht einmal angucken?“, schreit sie. „Guck mal, da hinten: Die Bilder von der Frau...“

Michael S. stellte die Bilder der Kinder in Dating-Portale

Noch gelingt es dem Richter, sie zur sachlichen Aussage zurückzubringen. Jetzt geht es um Weihnachten 2018. Zwischen der Entlassung und dem Mord besuchte Michael S. seine Schwester in der Nähe von Aachen.

„Lernt den Onkel einfach mal kennen“, habe sie zu ihren Kindern gesagt - auch zu denen, die alt genug seien, dass sie über den Mord von 1990 Bescheid gewusst hätten.

Man saß beisammen, aß, trank, auch Alkohol, später kamen für die Erwachsenen andere Drogen, man zog man Koks in die Nase. Dann machte man Familienfotos.

Einige Fotos habe Michael S. dann in Dating-Portale gestellt: er mit den neun- und zehnjährigen Kindern. Offenbar, um bessere Karten zu haben.

Zuviel für die Schwester und ihren Lebensgefährten. Als das am nächsten Tag herauskam, warfen sie ihn hinaus, löschten den Kontakt im Handy, blockierten die Nummer.

Der Besuch 2008 und der angebliche Sex auf der Toilette

Und 2008, will Richter Teich wissen, wie war es beim Treffen damals, wissen Sie das noch? Ja, da sei ihr Bruder noch Häftling gewesen. Begleitet hätten ihn deshalb ein Beamter der JVA Schwerte und der Gefängnispfarrer. Und auch damals hätte es Streit gegeben. Die Schwester deutet eine Anzeige beim Jugendamt an.

Richter Teich interessiert allerdings ein anderes Detail: Michael S. habe dem psychologischen Gutachter gegenüber erwähnt, eine Freundin der Schwester habe ihn verführen wollen.

Was? Das könne nicht sein! Eine Lüge!

Richter Teich zitiert weiter: „Es soll zu Sex auf der Toilette gekommen sein...“

Die Schwester - vorher schon verbal impulsiv - springt auf: „Was erzählst du für Lügengeschichten? Fahr zur Hölle!“

Eine Packung Taschentücher fliegt. Ihr Portmonee auch. Zwei Gerichtsmitarbeiter gehen dazwischen, sorgen dafür, dass die Schwester den Bruder nicht noch körperlich attackiert. „Fahr zur Hölle! Fahr einfach zur Hölle!“, brüllt sie.

15 Minuten Pause - und viele Emotionen im und vor dem Saal

Richter Teich ruht auf seinem zentralen Platz. „Vielleicht sollten wir mal eine kurze Pause machen. 15 Minuten würde ich vorschlagen.“

Mehrere Freunde der Toten haben den Gerichtssaal zu diesem Zeitpunkt schon verlassen, tränenerstickt. Eine Frau mit dem T-Shirt der Toten umarmt die Schwester, stützt sie. Oder ist es umgekehrt?

Dass die Emotionen hochkochen könnten in diesem besonderen Mord-Prozess, ist seit Tag 1 klar. Doch solch ein Ausbruch überraschte auch die Beteiligten. Das verdeutlichten die Blicke von Staatsanwalt und Verteidiger.

Draußen auf dem Flur sagen die Freunde: Die Schwester hat das ausgesprochen, was alle denken. Wieso nur? Wieso musste eine Frau sterben?

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Ein letzter Satz, gerichtet an den Bruder

Gut 15 Minuten später geht es weiter. Die Schwester beantwortet Nachfragen zu Details, bleibt sitzen. Bleibt auch sachlich, als ihr Lebensgefährte kurz und spontan in den Zeugenstand soll und sie im Zuschauerraum Platz genommen hat.

Dann verlässt sie den Saal. Michael S. schaut nicht hin. Während der Lebensgefährte die Schwester sanft hinausschiebt, hat sie noch einen letzten Satz: „...und dir noch einmal: Fahr zur Hölle!“

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