Schwerterin hat sich ihren Weihnachtswunsch nach 50 Jahren selbst erfüllt

dzModelleisenbahn

Die Enttäuschung bei Gertraude Röder war einst groß, als nur ihre jüngeren Brüder zu Weihnachten eine Modelleisenbahn bekamen. Jetzt macht ihr keiner mehr den Trafo streitig.

Schwerte

, 25.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Oh nein, nicht schon wieder eine Puppe. Wie hat Gertraude Röder doch bei der Bescherung einst ihre jüngeren Brüder beneidet. Die durften unter dem Tannenbaum die Trix-Modelleisenbahn auspacken, die sie selbst so gern bekommen hätte. „Aber weil ich älter war, musste ich die aufbauen“, erzählt die heute 76-Jährige. Immerhin – denn damit hatten die Geschwister verloren: „Dann ließ ich sie nicht mehr ran.“

Längst schon macht keiner mehr der langjährigen Steno-Lehrerin Trafo und Fahrtregler streitig. Sie hat sich selbst ihren Kindheitswunsch erfüllt und eine Modelleisenbahn gekauft. „Das war Ende der 1990er-Jahre“, sagt sie. Da konnte sie einfach nicht an der Anfangspackung vorbeigehen, die bei Aldi in den Auslagen lockte. Den endgültigen Ausschlag gab ein Anruf bei einem Kollegen in Hamm: „Der hatte sich auch so eine gekauft. Da wusste ich, dass das auch in Ordnung war.“

Vater war Fahrdienstleiter bei der Bundesbahn

Und ob. Die Märklin-Bahn schnurrt auf dem blauen Wohnzimmerteppich mit dem vertrauten Geräusch ab wie ein Uhrwerk. Runde um Runde dreht die rote Diesellok der „Meppen-Haselünner-Eisenbahn“ auf ihrem Schienenoval zwischen der weißen Ledercouch und der farblich passenden Anrichte. Den Kinderfehler von einst begeht Gertraude Röder nicht mehr. Da wollte sie den Zug schneller machen und schnappte sich das Ölkännchen von Mamas Nähmaschine. Mit fatalen Folgen für den Elektromotor. Nichts lief mehr: „Mein Vater musste alles reinigen.“

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Der Mann verstand sich also auch auf Feinmechanik, während er beruflich an den mächtigen Hebeln auf den Schwerter Stellwerken zog. Friedrich Preukschat war Fahrdienstleiter bei der Bundesbahn. „Er war an der Dammstraße, auf der Heide und am Block Steinhausen“, berichtet Gertraude Röder: „Sonntagnachmittags habe ich ihn da mit Kuchen besucht.“ An dem Arbeitsplatz, unter dessen Fenstern die Züge vorbeidampften, die noch per Morseapparat an die nächste Dienststelle weitergemeldet wurden.

Steno- und Schreibmaschinen-Lehrerin

Die Eisenbahn-Begeisterung wurde der gebürtigen Schwerterin also schon früh eingepflanzt. Beruflich jedoch schlug sie andere Pfade ein, erlernte Kaufmännisches bei Rheinstahl in Dortmund. Dass sie dabei auch eine Prüfung in Kurzschrift und Maschinenschreiben ablegen musste, sollte ihr weiteres Leben prägen: „Ich habe Steno weitergemacht.“ Zuerst beim wöchentlichen Leistungsschreiben des Schwerter Stenografenvereins in der alten Berufsschule. Dann wollte Gertraude Röder dort selbst unterrichten.

Jeden Samstag besuchte sie einen Lehrgang in Essen, um schließlich die staatliche Prüfung zur Steno- und später auch zur Schreibmaschinen-Lehrerin zu absolvieren. „Das war mein Leben“, sagt sie: „Ich habe mich Sonntagsabends gefreut, dass ich montags wieder zur Schule gehen konnte.“ Nebenbei gab sie noch Kurse beim Stenografenverein – als eine der letzten Aufrechten bis zu dessen Auflösung im Jahre 2011.

Weihnachten kommt Enkel Runar zum Spielen

Dafür ist jetzt mehr Zeit, um mit ihrem Enkel Runar (fast 8) mit der Modelleisenbahn zu spielen. Das Hobby hat eine Familiengeneration übersprungen. „Ich hatte auch meinem Sohn mal eine Eisenbahn geschenkt“, erklärt Gertraude Röder: „Aber der hatte kein Interesse.“ Die Flitzer auf der Carrerabahn waren für ihn einfach interessanter.

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Doch mittlerweile gibt es ja auch Hochgeschwindigkeitszüge – auch im kleinen Format für die Strecke in dem Wohnhaus auf der Aplerbeckermark, wo Gertraude Röder mit eigenen Händen die Fußbodenheizung verlegt und Fachwerkwände ausgemauert hat. „Ich habe noch einen Baukasten mit dem Thalys“, sagt die Technikbegabte. Und außerdem wartet in einem anderen Karton noch ein Plastik-Dorf samt Kirche und Stellwerk darauf, sorgsam zusammengeklebt zu werden. Gefahr, dass an den Weihnachtstagen Langeweile einkehren könnte, droht im Hause Röder also nicht.

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