Für einen Mord, den er nicht begangen hatte, saß ein Schwerter in Polen 21 Jahre hinter Gittern. Jetzt hält ihn die Polizei in einem anderen Mordfall für dringend tatverdächtig.

Schwerte

, 23.07.2018, 19:05 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ein neues Leben wollte Marek G. Anfang 2016 in Schwerte beginnen, nachdem er 21 Jahre lang in Polen unschuldig eingekerkert gewesen war. Jetzt sitzt er wegen dringenden Mordverdachts an einer 55-jährigen Oldenburgerin in Untersuchungshaft, wie „Bild plus“ berichtet. Mit der EC-Karte soll er auch das Konto des Opfers abgeräumt haben. Am 13. Juni wurde er von einer Sonderkommission in seiner Schwerter Wohnung festgenommen, berichtet die Oldenburger Polizei.

Die Behörde will zwar keinen Namen nennen, bestätigt aber, dass der 56 Jahre alte Verdächtige eine mehrjährige Haftstrafe wegen eines Tötungsdeliktes abgesessen habe. Laut Internetrecherchen sei er Opfer eines Justizskandals gewesen. „Das hat mit unseren Ermittlungen nichts zu tun“, sagt Pressesprecher Stephan Klatte: „Aber es ist Hintergrundwissen, um einschätzen zu können, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben.“

Zunächst war die Oldenburger Polizei nur von einem Vermisstenfall ausgegangen, nachdem vor einem Jahr die aus Polen stammende Danuta Lysien spurlos verschwunden war. Zuletzt war die nur 1,60 Meter große Dunkelhaarige am 24. Juni 2017 lebend an ihrem Wohnort gesehen worden, wo sie zuletzt als Reinigungskraft gearbeitet hatte und ein freistehendes Haus bewohnte. Doch dann wurden die Ermittler misstrauisch, da sich absolut keine Spuren von der Frau finden ließen, die nur gebrochen Deutsch sprach. „Die Hinweise auf ein Tötungsdelikt verdichteten sich“, berichtet Klatte. Eine Sonderkommission DaLy wurde gebildet. Der Oldenburger Polizeipräsident setzte im Oktober eine Belohnung von 5000 Euro für Hinweise aus, die zur Aufklärung des Verschwindens und im Falle einer Straftat zur Ermittlung des Täters führten.

Schwerter soll diese Frau getötet haben - nachdem er zuvor 21 Jahre unschuldig im Knast war

Seit dem 24. Juni 2017 wird sie vermisst: die damals 55-jährige Danuta Lysien aus Oldenburg. © Foto: Polizei Oldenburg

So kam die Polizei auf die Spur des Schwerters

Das Auto des Opfers, ein champagnerfarbener Mercedes E220, Baujahr 2006, wurde im Februar mit abmontierten Nummernschildern auf einem Pendlerparkplatz an der Richard-Dunkel-Straße im rund 50 Kilometer entfernten Bremen entdeckt. Und Zeugenaussagen – so Klatte – hätten die Ermittler dann auf die Spur nach Schwerte gebracht, wo schließlich die Handschellen klickten.

Das Landgericht Oldenburg bestätigte noch in der vergangenen Woche den Haftbefehl gegen den Beschuldigten und wies dessen Beschwerde zurück. Er habe – so Klatte – inzwischen gestanden, dass er Geld vom Konto des Opfers abgehoben habe und auch weiteres Täterwissen offenbart. Jetzt gelte es, weitere Beweise zu sichern.

Bei den Geldabhebungen war der Verdächtige jeweils von Videoanlagen gefilmt worden. Sie zeigten, wie schon einen Tag nach dem Verschwinden von Danuta Lysien nachts zweimal mit ihrer EC-Karte an ihrem Wohnort jeweils ein höherer Geldbetrag abgehoben worden war.

Schwerter soll diese Frau getötet haben - nachdem er zuvor 21 Jahre unschuldig im Knast war

Die Täter sollen in Polen einen dunklen Ford Focus Turnier (Kombi), Baujahr 2011-2014, benutzt haben. © Brockhaus, Ferdinand (PI Oldenbu

Polizei sicher: Eine weitere Person war mit im Spiel

Dass noch eine weitere Person im Spiel war, bewies ein Video, das in der Nacht zum 27. Juni 2017 in der polnischen Stadt Znin (Bezirk Posen) aufgenommen worden war. Ausgerechnet den Parkplatz des dortigen Gerichts hatten sich zwei Männer ausgesucht, um ihren dunklen Ford Focus Turnier Kombi in der Nähe einer dortigen Bankfiliale abzustellen. Während der Beifahrer rauchend auf seinem Sitz wartete, vermummte sich sein Begleiter mit einem Mundschutz und einem schwarzen Mantel, bevor er die EC-Karte missbrauchte. In der Bankfiliale geriet er erneut vor das Objektiv einer Videokamera. Bereits anderthalb Stunden vorher war in der 85 Kilometer entfernten Stadt Sroda ebenfalls mit der EC-Karte Geld abgehoben worden.

Im Zuge ihrer Ermittlungen konnte die Polizei in der vergangenen Woche einen zweiten Verdächtigen dingfest machen. Ein 28-jähriger Pole wurde wegen des dringenden Verdachts der Mittäterschaft an der Tötung ebenfalls in U-Haft genommen. Nur nach einer Leiche von Danuta Lysien wurde bislang vergeblich gesucht, berichtet Klatte: „Wir gehen aber von einem Tötungsdelikt aus.“

Die Kreispolizeibehörde Unna wurde von den Oldenburger Kollegen bei der Festnahme von Marek G. nicht um Unterstützung gebeten. Für den Einsatz wurde offensichtlich ein Einsatzkommando aus Dortmund nach Schwerte bestellt, wo der Verdächtige seit seiner Freilassung in Polen lebte. 21 Jahre lang hatte er in dem Nachbarland – wie er damals erzählte – wegen eines Fehlurteils unschuldig hinter Gittern gesessen. Die Ehe zerbrach darüber. Und er verlor seine Firma, die sich auf den Bau von französischen Kaminen spezialisiert hatte und über Auftragnehmer in Deutschland, Frankreich, Österreich und Luxemburg verfügte.

Diese Nacht im Jahr 1994 wurde dem Schwerter zum Verhängnis

Auf einem dieser Arbeitswege ereignete sich die verhängnisvolle Nacht des 19. Dezember 1994. Im Hotel Ikar im polnischen Posen wollte Marek G. eine Pause einlegen. Seine zwei jungen Mitarbeiter hätten sich dort ein anderes Zimmer genommen, berichtete er Jahrzehnte später, als er schon in Schwerte lebte. Dann hätten die beiden mit einem Deutschen getrunken und es sei zu einem Streit gekommen, bei dem der Deutsche schließlich mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickte.

Von alledem hatte G. eigenen Angaben zufolge nichts mitbekommen. Er reiste weiter nach Holland. Dort habe er sich freiwillig den Behörden gestellt, als er hörte, dass nach ihm gesucht wurde. Nach Polen ausgeliefert, wurde der Unschuldige nach nur fünftägigem Prozess zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Es war ein langer Weg mit unzähligen Wiederaufnahme-Anträgen, bis schließlich ein Hauptbelastungszeuge von damals seine frühere Aussage widerrief und G. freigelassen wurde. Zeitungen und Fernsehanstalten berichteten über den Justizskandal, über den der Schwerter später auch ein Buch veröffentlichen wollte. „Nur der Glaube an meine Unschuld hielt mich aufrecht“, beschrieb der die härtesten Jahre seines Lebens. Er habe mit Verbrechern hinter Gittern gesessen, die andere umgebracht und deren Fleisch als Wurst verkauft hätten. Oder die ihre schwangere Freundin ermordeten, bloß um die Alimente zu sparen.

Es ist erst zwei Jahre her, da nannte G. nur zwei Wünsche, zwei ganz bescheidene. „Vernünftiges Leben, vernünftige Arbeit“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. In Schwerte hatte er sogar Freunde, die ihn bei diesem Neustart unterstützen wollten. Die ihm eine erste kleine Wohnung in der Nähe der Innenstadt besorgten und ihm halfen, Arbeit zu suchen.

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