Schwerter Tabakhändler hängt Steckbrief von Ladendieben aus - Polizei verbietet es

dzDiebstähle in Schwerte

Ein Steckbrief im Schaufenster: Mit Fotos seiner Überwachungskamera wollte ein Tabakhändler in Schwerte Diebe überführen. Die Polizei verbot es ihm.

Schwerte

, 27.10.2018, 15:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der eine lenkte ihn mit Fragen zum Pfeifentabak ab, sein Komplize schnappte sich unbemerkt einen ganzen Karton voller Zigarettenstangen. Ware im Verkaufswert von 650 Euro war Klaus Schauerte von einem Moment auf den anderen geklaut. „Ich muss dafür richtig schwer malochen, das ist nicht versichert“, sagt der Schwerter, der Tag für Tag hinter der Theke seiner Lotto-Annahmestelle an der Mährstraße steht.

Händler greift zur Selbsthilfe: Privater Fahndungsaufruf

Weil die Polizei die Täter nicht ermitteln konnte, griff er zur Selbsthilfe: Wie einen Steckbrief klebte der Kaufmann die Fotos, die seine Überwachungskameras während des Trickdiebstahls aufgenommen hatten, ins Schaufenster neben der Tür. Vier Monate lang hingen sie dort. Bis am Freitag eine Kripobeamtin hereinkam, wie er erzählt. Mit Hinweis auf Verletzung von Persönlichkeitsrechten habe die Polizistin verlangt, dass er die Bilder sofort entferne.

„Auch wenn einer ein Ladendieb ist, hat er Persönlichkeitsrechte“, erklärt Polizei-Pressesprecherin Vera Howanietz (Unna) auf Anfrage. Man könne nicht einfach jemanden an den Pranger stellen. Auch für die Polizei sei die Öffentlichkeitsfahndung mit Bild immer nur die letzte Maßnahme, wenn alle anderen Ermittlungsmöglichkeiten erfolglos ausgeschöpft worden seien: „Das muss ein Staatsanwalt beantragen und ein Richter genehmigen.“

Den Nachteil, dass auf diese Weise bis zur Veröffentlichung der Bilder oft sehr viel Zeit verfließt, die die Erinnerung verwischt, sah Vera Howanietz nicht: „Wenn ich die Person kenne, dann kenne ich die auch drei Monate später noch.“

Nach Steckbrief-Aushang gingen 140 Hinweise ein

Rund 140 Hinweise – so erzählt Schauerte – habe er auf seinen Steckbrief hin erhalten, auf dem auch eine Belohnung von 200 Euro ausgelobt war. Aber es sei alles im Sande verlaufen: „Wie oft haben Kunden gesagt: Ich habe den gerade gesehen.“ Andere meinten, dass einer der Gesuchten häufig am Dortmunder Hauptbahnhof herumhänge. Ermittelt werden konnte auch privat kein Verdächtiger. Und von offizieller Seite kam längst die Mitteilung, dass das Verfahren eingestellt sei.

Vielleicht wäre der eine entscheidende Hinweis ja doch noch gekommen, wenn der Lottobuden-Besitzer nicht zum Abnehmen der Fotos verdonnert worden wäre. So recht verstehen kann er nicht, dass die Täter mehr geschützt würden als die rechtschaffenen Opfer. Vielleicht müsse man doch mal tief in die Tasche greifen und einen Detektiv mit der Ermittlung beauftragen: „Wenn der den Täter dann hat, schicke ich die Rechnung mit zur Polizei.“

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Zum Schutz seiner Ware hat Schauerte nach dem Trickdiebstahl noch eine dritte hochauflösende Überwachungskamera installieren lassen. Ein Aufkleber am Eingang macht Kunden darauf aufmerksam. Und die Kriminellen „sollen ruhig wissen, dass ich alles zur Anzeige bringe“.

Drei neue Fälle in einer Woche: Jüngster Dieb war ein Jahr alt

Allein in dieser Woche hat die Videoaufzeichnung Schauerte auf drei Fälle aufmerksam gemacht. „Der jüngste Dieb war ein einjähriges Kind auf dem Arm der Mutter“, sagt er und schaltet sein Tablet an. Unglaubliches ist dort zu sehen: Die Frau führt die zuschnappende Hand des Kindes gezielt zu den Feuerzeugen im Regal, um sie dann mit der Beute wieder zu ihrer Jacke zurückzuziehen.

In einem anderen Fall steckte ein junger Kapuzenträger eine Glaspfeife in den Ärmel. Vorher habe der ihm obendrein noch zwei Flaschen Rum verkaufen wollen – angeblich Reste von einer Party. Doch auf so einen Deal ließ sich der Händler niemals ein: „Das war bestimmt Hehlerware.“

Kunden direkt mit Diebstahl konfrontiert

Eine andere Kundin müsste schon sehr die eigene Scham überwinden, wenn sie die Lotto-Annahmestelle noch einmal betreten sollte. Sie wurde gefilmt, als sie einen Euro einsteckte, den der Wirt von nebenan kurz zuvor für eine Zeitschrift auf den Zahlteller gelegt hatte. Als die Frau tags darauf erneut vor der Theke stand, sprach Schauerte sie auf den Vorfall an. Etwas unsicher habe sie eine Ausrede versucht, dann aber den Euro wieder hingelegt.

Auch andere Händler haben in Sachen Kameratechnik aufgerüstet. „Es gibt größtenteils Video-Überwachung in den Geschäften“, berichtet Peter Rienhöfer, Vorsitzender der Werbegemeinschaft. Er persönlich sichere die Bilder 14 Tage lang: „Die beste Alternative ist aber Warensicherung.“

Händler schützen sich mit Extra-Maßnahmen

So hat er die Ware im Schaufenster mit Arcylglaskästen überdeckt, damit niemand hineinlangen kann. Und die Sonnenbrillen, ein begehrtes Diebesgut, sind komplett unter Verschluss ausgestellt. Ansonsten sei es sogar vorgekommen, dass Kriminelle sie gegen Billigmodelle austauschten, um keine verräterische Lücke im Regal zu hinterlassen.

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Um Dieben das Handwerk zu erschweren, würde sich Schauerte gern mit anderen Händlern zu einer Art Vorwarnsystem zusammenschließen. In einer WhatsApp-Gruppe – so schlägt er vor – könnte man schnell gegenseitig Bilder herumschicken, wenn die Täter wieder in der Stadt unterwegs seien: „Dann kann man ein bisschen wachsamer sein.“

Eigenes Vorwarnsystem scheitert an Datenschutz-Gründen

Doch auch dieser Selbstschutz – so Werbegemeinschafts-Vorsitzender Peter Rienhöfer – scheitert an rechtlichen Vorgaben „Datenschutztechnisch dürfen sie keinem Anderen die Bilder zeigen.“ Man könne lediglich eine Täterbeschreibung weitergeben: „Beispielsweise zwei Personen, blaue Jacken.“ Diesen Weg nutze die Werbegemeinschaft auch mit ihrem E-Mail-Verteiler. „Der eine oder andere ist so ertappt worden“, berichtet Rienhöfer.

Für seinen Händler-Kollegen Klaus Schauerte hatte der Besuch der Kommissarin, die ihn am Freitag zum Abnehmen des Steckbriefs aufforderte, auch eine kleine positive Seite. Er habe erfahren, dass die Polizei ihr Personal für Ermittlungen aufgestockt habe, berichtet er. Und die Polizistin wolle Anzeigen zu den Diebstählen aus dieser Woche schreiben, die er ihr auf dem Überwachungsvideo gezeigt hatte. Die entsprechenden Szenen müsse er jetzt für die Fahnder kopieren.

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