22. August 1944, 5 Uhr. Die Gestapo stürmt Wohnungen in Schwerte. Auch ein SPD- und ein Zentrums-Politiker werden inhaftiert: Karl Dieckmann und Karl Gerharts. Nur einer konnte überleben.

von Felix Mühlbauer

Schwerte

, 22.08.2019, 13:59 Uhr / Lesedauer: 2 min

Johannes Dieckmann sitzt im Wohnzimmer. Zusammen mit seiner Frau blättert er durch Schwarz-Weiß-Fotos. Der heute 93-Jährige erinnert sich „an die schlimmsten Jahre meines Lebens“. Während er selbst als eingezogener Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Front für sein Land kämpfte, wurde sein Vater Karl in der Heimat verhaftet - wegen Verdachts auf Verrat am Nazi-Regime. Kurze Zeit später geriet der Johannes Dieckmann, der jüngste von fünf Söhnen des Stadtverordneten der Zentrumspartei in Schwerte, in englische Kriegsgefangenschaft. Am 22. August jährt sich das Ereignis zum 75. Mal.

Vier Tage im NS-Gefängnis

Früh am Morgen des 22. Augusts 1944 stürmten nationalsozialistische Schergen die Wohnung von Karl Dieckmann. Im Rahmen der Verhaftungsaktion „Gitter“ zwangen sie ihn und andere oppositionelle Politiker in einen Lkw und fuhren sie zum NS-Gefängnis in Hohenlimburg-Reh.

Am 20. Juli 1944 war ein Attentat auf Hitler gescheitert. Danach wurden im ganzen Reich ehemalige Funktionäre und Mandatsträger der Weimarer Republik verhaftet.

Karl Dieckmann hatte noch Glück. Zwei seiner Söhne waren Frontoffiziere bei der Wehrmacht, genossen hohes Ansehen bei den Nationalsozialisten. Sohn Joseph verhandelte zudem geschickt, sodass der Fraktionsvorsitzende der Zentrumspartei schon nach vier Tagen in Gefangenschaft wieder freigelassen wurde.

Anders als Karl Gerharts, der ehemalige Stadtverordnetenvorsteher, der ebenfalls im Gefangenentransport nach Hohenlimburg saß.

Aktion Gitter: Als die Nazis meinen Vater und Karl Gerharts abholten

Die Bilder im Fotalbum seines Sohnes Johannes zeigen Karl Dieckmann in verschiedenen Stationen seines Lebens. © Felix Mühlbauer

Karl Gerharts demonstrierte noch 1933 gegen Hitler

Gerharts ist der prominenteste unter der Gruppe von verhafteten Regimegegnern. Geboren 1892 in Schwerte, machte Gerharts Karriere bei der SPD, bis er 1929 schließlich zum Schwerter Amtsvorsteher der Stadtverordneten ernannt wurde. Außerdem war er Betriebsratsmitglied bei den Vereinigten Deutschen Nickelwerken. Als die NSDAP an die Macht kam, gehörte Geharts zu den Anführern mehrerer Demonstrationen gegen Hitlers Politik.

Im Frühjahr 1933 legte Gerharts im Zuge der gezwungenen Parteiauflösungen beziehungsweise Verbote sein Amt nieder. Nachdem er eine Wahl der Stadtverordnetenversammlung für ungültig erklärte, da ein gewähltes NSDAP-Mitglied aus rechtlichen Gründen nicht hätte gewählt werden dürfen, verließen Gerharts und die anderen SPD-Vertreter den Saal. Die Nazi-Politiker im Saal verabschiedeten sie mit höhnischem Gelächter.

Am 15. März 1945 im KZ Eckernförde gestorben

Karl Gerharts und 19 weitere der 209 festgenommenen Inhaftierten landeten nach dem Gefängnis Hohenlimburg in der Steinwache in Dortmund. Laut der Chronik „100 Jahre Sozialdemokratie in Schwerte“ führte die Wege der 19 nach Sachsenhausen, Auschwitz, Bergen-Belsen oder Dachau. Karl Gerharts letzte Station wurde ein dunkler Barackenraum im KZ Eckernförde. Er starb am 15. März 1945 an den Folgen seiner Auszehrung und einer infektiösen Erkrankung. Wenige Stunden nach seinem Tod wurde seine Leichnam auf einem Scheiterhaufen verbrannt.

Im Andenken an Karl Gerharts wurde die ehemalige Hohenzollernstraße in der Schwerter Innenstadt in den 50er-Jahren nach ihm benannt. Außerdem errichtete man einen Gedenkstein auf dem Waldfriedhof.

Aktion Gitter: Als die Nazis meinen Vater und Karl Gerharts abholten

Johannes Dieckmann (93) ist Sohn des ehemaligen Zentrumspolitikers Johannes Dieckmann. © Felix Mühlbauer

Karl Dieckmann überlebte die Nazi-Zeit, starb 1968. Wie genau er den Morgen der Verhaftung erlebte, weiß heute aber niemand mehr. Falls Dieckmann es überhaupt jemals erzählt hat.

Sohn Johannes Dieckmann betrachtet seinen Freilassungsschein aus der englischen Kriegsgefangenschaft. Und sagt: Sein Vater habe mit ihm niemals über die Ereignisse des 22. August 1944 gesprochen.

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