Schwerte gehört zwar zum Ruhrgebiet, eine Zeche gab es hier aber nie. Eine kleine Zechensiedlung steht aber auf der Heide - hier hat die Schwerter Sozialdemokratie ihren Ursprung.

Schwerterheide

, 26.11.2018, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zu Fuß von der Heidestraße bis zur Zeche Margaretha nach Dortmund-Sölde. Eine knappe Stunde Anmarsch durch Wind und Wetter steckte den Bergleuten schon in den Knochen, wenn sie an ihrer Arbeitsstelle ankamen. Da stand die Acht-Stunden-Schicht, erkämpft durch den ersten großen Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet 1889, aber auch nur mehr auf dem Papier. Denn die Ein- und Ausfahrt in den Schacht und der weitere Weg durch die Stollen bis zu ihrem Arbeitsplatz unter Tage zählte nicht zur bezahlten Zeit. Müde und abgekämpft wieder zurück am Tageslicht, wartete dann noch der knapp fünf Kilometer lange Heimweg. Und das alles bei einer Sechs-Tage-Woche.

Geburtsstätte der Schwerter Sozialdemokratie

Unvorstellbare Arbeitsbedingungen, gegen die nur Solidarität helfen konnte. Im Jahre 1889 trafen sich in der längst verschwundenen Gaststätte Haus Emde an der oberen Ostberger Straße „beherzte Kumpel und gründeten eine Zahlstelle des deutschen Bergarbeiter-Verbandes“.

Das berichtete der frühere SPD-Vorsitzende Friedrich Wengenroth in der Festschrift zur Jubilarehrung 1950, weil dieser Termin gleichzeitig als Grundsteinlegung für die SPD in Schwerte gilt: „Denn alle Mitglieder des Verbandes bekannten sich zu der damals verfemten, aber immer stärker werdenden sozialdemokratischen Partei.“

Repressalien der „Sozialistengesetze“

„Die Zahlstelle war eine verdeckte Gründung des SPD-Ortsvereins“, erklärt Bernd Engelhardt, der 100 Jahre später die Festschrift zum großen SPD-Jubiläum in der Ruhrstadt verfasste.

Ähnlich habe sich die Partei damals in der Kaiserzeit auch in anderen Gemeinden verbreitet. Schließlich waren „sozialdemokratische Umtriebe“ – wie Obrigkeit und Wirtschaftsbosse sie nannten – noch den Repressalien der alten „Sozialistengesetze“ von Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck (1815-1898) ausgesetzt. Wer nur in den Verdacht kam, mit sozialdemokratischen Ideen zu sympathisieren, riskierte seinen Arbeitsplatz. Das galt nicht nur im Bergbau, sondern auch in anderen Betrieben.

25 Namen auf der Liste

So fand Engelhardt ein Schreiben des damaligen Schwerter Bürgermeisters Friedrich Mönnich (1832-1901) vom 3. Mai 1890, in dem er dem Landrat in Hörde unverblümt mitteilte: „Auf der Eisenindustrie (heute: Hoesch Schwerter Profile, d. Red.) ist man, und zwar anscheinend mit Erfolg, bemüht gewesen, die sozialdemokratischen Elemente nach und nach zu entfernen.“ Namen konnten leicht bekannt werden, weil die Polizei das Recht hatte, in allen öffentlichen Versammlungen aufzutauchen.

Eine Mitgliederliste der Zahlstelle aus dem Jahre 1906, die Engelhardt entdeckte, verzeichnet für die Schwerterheide 25 Namen mit der Berufsbezeichnung Bergmann.

„Insgesamt kommen damit locker 40 Bergleute zusammen“, sagt er. Diese Verdienstmöglichkeit hatte die Bürger aus dem kleinen Ortsteil angelockt, seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch in ihrer Nähe nach Kohle gesucht wurde. „Es gab um 1860 Tagebau im Schwerter Wald“, erklärt Engelhardt. Als sich das bald nicht mehr lohnte, wurde der Weg für die Bergleute weit: Sie seien zur Zeche Margaretha nach Sölde gewechselt.

Förderung in Sölde bis 1926

Diese Schachtanlage gehörte laut Internet-Enzyklopädie Wikipedia damals zu den bedeutendsten Bergwerken im Regierungsbezirk Arnsberg und förderte jährlich im Schnitt rund 300.000 Tonnen Kohle. 1926 endete die Förderung. Die Bergleute von der Heide mussten sich schon wieder einen neuen Arbeitgeber suchen.

„Die Leute gingen dann nach Dortmund zur Zeche Minister Stein“, sagt Engelhardt. Die lag ganz im Dortmunder Norden, im Stadtteil Eving, sodass der Arbeitsweg noch länger wurde. Deshalb hätten die Bergleute als Selbsthilfe ein eigenes Busunternehmen gegründet. Genaueres ist darüber leider nicht bekannt.

Bauträger GWG

Immer noch „Bergmannssiedlung“ genannt wird indes die kleine Häuserzeile am Anfang der Heidestraße. Deren Bau zählt vermutlich zu den ersten Projekten der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft (GWG), die 1897 unter dem Namen „Spar- und Bauverein Schwerte“ gegründet worden war. Sie errichtete zu Beginn des 20. Jahrhunderts sozusagen als Bauträger an mehreren Orten in der Ruhrstadt rund 120 Wohnungen in Einzel- und Doppelhäusern, um sie später in das Eigentum ihrer Bewohner übergehen zu lassen.

Hochgezogen wurden die Wohngebäude – so schrieb der Historiker Dr. Wolfgang Burkhard in der Chronik zum 100-jährigen Bestehen der Genossenschaft – unter anderem auf der Westenheide. „Das könnte die Heidestraße sein“, vermutet GWG-Geschäftsführer Jürgen Tekhaus. Die alte Bezeichnung sei leider nicht präzisiert. Weitere Recherchen sind nicht möglich. Denn viele Akten seien bei dem verheerenden Bombenangriff auf das Nickelwerk im Zweiten Weltkrieg verbrannt, weil der damalige GWG-Verantwortliche sie dort in seinem Büro gelagert habe.

Ställe mit Schweinen und Ziegen

Wie es in den Schwerter Zechenhäusern aussah, kann die 81-jährige Marianne Schuhmacher berichten, die ihr ganzes Eheleben an der Heidestraße 36 verbrachte. „Der Großvater meines Mannes war beim Bergbau, deswegen haben wir dort gewohnt“, berichtet sie. Ihr inzwischen verstorbener Ehemann Walter Schuhmacher war sogar schon 1945 als Neunjähriger in das Einfamilienhaus in der „Bergmannssiedlung“ eingezogen.

Damals standen in den ausgedehnten Gärten auf der Rückseite noch Ställe, in denen die Bewohner Schweine und Ziegen für die Selbstversorgung hielten. Die zweistöckigen Wohngebäude waren schlicht: „Alles kleine Zimmer.“ Oben die Schlafräume, im Erdgeschoss Wohnzimmer und Küche, von der später ein Stückchen für die Einrichtung ins Badezimmers abgetrennt wurde. Denn vorher ging man aufs Plumpsklo. Die Bergleute von damals waren nicht anspruchsvoll.

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