Schulministerin, Eltern und Lehrer gegen „Time-Out-Klasse“

Für manchen leidgeprüften Lehrer mag die Idee verlockend klingen: Nervige Quertreiber einfach wegsperren. Österreich will das mit „Time-Out-Klassen“ und „Cool-Down-Räumen“ erproben. NRW findet das pädagogisch nicht so wertvoll.

11.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Notorische Störer sollen in Nordrhein-Westfalen nicht - wie kürzlich in Österreich diskutiert - in sogenannte „Auszeit-Klassen“ abgesondert werden. „Probleme lassen sich nicht einfach wegsperren, sondern sollten gelöst werden“, sagte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. „Schulen sind Orte des Miteinanders, der Pädagogik, des Erziehens und des Lernens und kein Ort der Bestrafung.“

Österreichs bisheriger Bildungsminister Heinz Faßmann, der zur kürzlich des Amtes enthobenen Regierung gehörte, hatte „Time-Out“-Klassen und „Cool-Down“-Räume für auffällige Schüler geplant. Sie sollten bis zu einem Monat von Sonderpädagogen in einer „Auszeit-Klasse“ unterrichtet werden. In weniger schlimmen Fällen sollten die Schüler für den Rest einer Schulstunde oder des Tages in „Abkühlungsräume“ verwiesen werden.

Das NRW-Schulgesetz sieht bereits eine Fülle möglicher Ordnungsmaßnahmen vor, falls alle sonstigen erzieherischen Mittel nicht fruchten. Der Katalog möglicher Sanktionen reicht vom schriftlichen Verweis über die Überweisung in eine Parallelklasse, den bis zu zwei Wochen langen Ausschluss vom Unterricht und allen Schulveranstaltungen bis hin zum kategorischen Ausschluss von sämtlichen öffentlichen Schulen des Landes.

Einige Schulen in NRW setzen nach Angaben des Schulministeriums ein „Trainingsraum-Konzept“ um. Schüler, die massiv stören, können demnach für einige Stunden aus dem Unterricht genommen werden, um in einem Trainingsraum unter pädagogischer Begleitung über ihr Verhalten nachzudenken.

Aus Sicht der Landeselternschaft der Gymnasien NRW ist das ein Zeugnis der Hilflosigkeit und des Abarbeitens an Symptomen. „Wer ernsthaft mit dem Gedanken spielt, in NRW Time-Out-Klassen oder das Trainingsraum-Modell einzuführen, sollte sich fragen lassen, wo die Ursachen des Schülerverhaltens liegen und hieran arbeiten“, sagte die Landesvorsitzende des größten NRW-Elternverbands, Jutta Löchner, der Deutschen Presse-Agentur.

„Die meisten Schulen platzen jetzt schon aus allen Nähten, der Lehrer-Mangel wird noch auf Jahre hinaus ein ungelöstes Problem bleiben, Unterrichtsausfall ist an vielen Schulen fester Teil des Schulalltags“, kritisierte Löchner. Von Schulsozialarbeitern oder gar Schulpsychologen, die die Verhaltensprobleme von Schülern analysieren oder heilen, könne die überwiegende Mehrheit der Schulen in NRW nur träumen. In solchen Personalressourcen liege aber die Lösung.

Ähnlich äußerte sich der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE). „Time-Out-Klassen“ seien vom Ende einer unzureichenden Personalpolitik gedacht, stellte VBE-Landeschef Stefan Behlau fest. „Statt Notpflaster zu verteilen, sollte Vorbeugung eine Selbstverständlichkeit sein.“

Genau diesen Ansatz verfolge die Landesregierung mit ihrem Aktionsplan gegen Gewalt und Diskriminierung an Schulen bereits, betonte Gebauer. Das im vergangenen Monat vorgestellte Konzept sieht unter anderem zusätzliche Stellen für Beratungslehrer, Sozialpädagogen und Schulpsychologen vor. Ein Notfallordner soll allen Schulen im kommenden Jahr Handlungsempfehlungen für verschiedene Krisen geben. Darüber hinaus will die Landesregierung erstmals wissenschaftlich die Ursachen von Gewalt an Schulen sowie die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen in NRW untersuchen lassen.

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