Schreiben nach Zahlen: Wie unsere Lokalredaktionen heute arbeiten

Unsere Redaktion

Die Arbeitsweise unserer Redaktion hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Eine Begleiterscheinung der Digitalisierung sorgt dafür, dass die Reporter heute viel mehr über die Interessen ihrer Leser wissen, als dies in den ausschließlich gedruckten Zeiten der Fall war.

Unna

, 14.02.2020, 13:55 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schreiben nach Zahlen: Wie unsere Lokalredaktionen heute arbeiten

Morgens, 9.30 Uhr im Verlagshaus Unna: Zeit für die tägliche Videokonferenz mit den Kollegen in Kamen. Zugeschaltet sind Johannes Brüne, Carsten Janecke und Michael Dörlemann (auf der Leinwand, v.l.). Am Konferenztisch in Unna versammelt sind die Chefs vom Dienst Alex Heine (2.v.l.) und Kevin Kohues (r.) mit den Reportern Carlo Czichowski (l.), Anna Gemünd (3.v.l.), Dirk Becker (4.v.r.), Vivien Nogaj und Sebastian Smulka © Udo Hennes

„Früher war alles besser“ war zu allen Zeiten ein beliebtes Sprichwort. Ob es jemals stimmte? In dieser Pauschalität wohl kaum, auch wenn es oft im Auge des jeweiligen Betrachters liegt. So wie zu Zeiten von Kriegen und Hunger in Deutschland kaum alles besser als heute war, gilt dies auch für die Arbeit von uns Journalisten in den Zeiten vor der Digitalisierung. Sicher ist, dass vieles anders war. Zeitung können wir beim Hellweger Anzeiger seit 175 Jahren, Nachrichten über digitale Kanäle verbreiten wir seit knapp 25 Jahren. 1996 ging hellwegeranzeiger.de online. Lang ist’s her.

Die Digitalisierung verändert die Arbeit in der Redaktion massiv

Aber erst in den vergangenen fünf Jahren hat sich mit der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche auch unsere Arbeit in der Redaktion massiv verändert. Kam der Lokalredakteur früher mit Notizblock und Kugelschreiber aus, ist er heute mit Smartphone und Laptop unterwegs. Musste er früher ins Büro, um seine Beiträge für die Zeitungsausgabe des nächsten Tages zu verfassen, kann er heute in Echtzeit von jedem beliebigen Ort aus berichten.

Unsere Kollegen: Data Scientists, Social Media Manager, SEO-Managerin

Und er weiß genau, wie viele unserer (digitalen) Abonnenten seine Artikel gelesen haben. Wir Journalisten haben heute Kollegen, deren Berufsbezeichnung wir vor wenigen Jahren noch gar nicht kannten: Data Scientists, einen Social Media Manager oder eine SEO-Managerin.

Saß die Redaktion früher im Laufe des Vormittags zusammen und malte auf fiktiven Zeitungsseiten die Verteilung der Themen für die nächste Ausgabe auf, läuft heute auch die tägliche Themen-Konferenz viel digitaler ab. Jeden Morgen um 9.30 Uhr schalten sich unsere Reporter in den Verlagshäusern in Unna und Kamen per Video-Anruf zusammen. Oder sie schalten sich von zu Hause dazu, alles kein Problem mehr.

Schreiben nach Zahlen: Wie unsere Lokalredaktionen heute arbeiten

Immer im Blick: Auf Monitoren in den Redaktionsräumen sehen die Reporter, im Bild Marcus Land (l.) und Dirk Becker, wie viele Abonnenten auf hellwegeranzeiger.de unterwegs sind – und was sie lesen. Auch ihre Ressortseiten haben die Kollegen auf diese Weise immer „auf dem Schirm“. © Udo Hennes

Eine halbe Stunde Zeit nimmt sich das Team, um nicht nur das zu besprechen, was kommt, sondern auch das, was war. Wir schauen uns die Zahlen an. Welche Geschichte haben gestern die meisten Abonnenten gelesen? Von welchem Thema hatten wir uns mehr Zuspruch erwartet? Wo sollten wir dranbleiben, „weiterdrehen“, wo besser nicht? Was sind die Gründe für den Erfolg oder Misserfolg einer Geschichte? Wir lernen jeden Tag dazu, der stetige Austausch und die Daten helfen uns dabei.

Die Nähe zum Leser ist deutlich größer geworden

Aber nicht nur deshalb ist die Distanz zwischen Reporter und Leser deutlich kleiner als früher. Gab es zu reinen Zeitungszeiten mal einen Leserbrief, werteten wir das als sicheren Indikator dafür, dass ein Thema unsere Leser bewegt.

Heute ist die Kommunikation viel direkter, bekommen wir viel mehr Feedback über soziale Medien oder per E-Mail. Und nicht selten ergeben sich daraus neue Ansätze für die Recherche und weitere Themen.

Apropos Themen: Die stehen auch nicht mehr in irgendwelchen Notizblöcken, sondern im Mobile Editorial Client (MEC). Das Programm, mit dem alle unsere Reporter und Fotografen heute arbeiten, lässt sich von überall aus via Internetbrowser aufrufen und mit Inhalten füttern. Die Redaktion führt darin ihren Terminkalender, plant ihre Themen, sammelt Material wie Texte, Fotos und Videos. Auch die Ausspielung der Inhalte auf hellwegeranzeiger.de wird über den MEC gesteuert. Welches Thema wann wo steht, kann jeder Kollege jederzeit steuern und beeinflussen, ob im Büro im Verlagshaus oder vom heimischen Sofa aus.

Die tägliche Reporter-Arbeit ist an manchen Stellen einfacher, an anderen wiederum komplexer geworden.

Mehr Zeit für die Recherche und fürs Schreiben

Einfacher deshalb, weil unsere Reporter heute mehr Zeit für die Recherche und für das Produzieren von Inhalten haben – zum Beispiel, weil sich um das Planen und Layouten der Zeitungsseiten andere, darauf spezialisierte Kollegen kümmern.

Komplexer deshalb, weil es mit dem bloßen Aufschreiben einer Geschichte – Überschrift, Unterzeile, Haupttext, Bildzeilen – längst nicht mehr getan ist. Die Reporter hantieren nicht nur mit verschiedensten Werkzeugen, etwa um Videos, Karten oder Grafiken zu erstellen. Sie jonglieren auch mit den unterschiedlichen Zugangs- und Verbreitungswegen, um mit ihren Inhalten möglichst viele Leser zu erreichen. So gibt es in jedem Artikel eine Metaebene für Schlüsselbegriffe und Angaben, die für eine bessere Sichtbarkeit bei Google sorgen. Eine SEO-Managerin – die Abkürzung steht für Search Engine Optimization – hilft den Kollegen bei der Suchmaschinenoptimierung.

Schreiben nach Zahlen: Wie unsere Lokalredaktionen heute arbeiten

Unsere Reporter, im Bild Carsten Janecke, sind 2020 so mobil wie nie zuvor. Laptop und iPhone ermöglichen flexibles Arbeiten. © Stefan Milk

Der Reporter ist heute auch Verkäufer

Der Reporter von heute ist auch Verkäufer: Seine Nachrichten sind seine Ware. Ein Marktplatz ist Google, ein anderer Facebook, und wer sich dort nicht tummelt, den können wir auch per Newsletter oder über die Mediabox genannten Bildschirme in Banken und Geschäften täglich mit frischem Nachrichtenfutter versorgen.

Macht uns das zu besseren Journalisten als früher? Ich glaube, Ja. Weil wir uns und unsere Arbeit viel stärker hinterfragen und die modernen Hilfsmittel und Kanäle nutzen, um bessere Inhalte zu liefern. Und weil wir damit viel näher an den Interessen derjenigen sind, für die wir schreiben – nämlich für Sie, liebe Leserinnen und Leser.

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