Schock nach Kündigung: Grabelandpächter müssen ihre Parzellen abräumen

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Der Schock sitzt tief bei 66 Grabelandpächtern an der Grenzstraße. Zum 30. September 2020 müssen sie ihre Gärten räumen. Sie verlieren nicht nur ihre private Idylle, sondern auch Geld.

Lünen

, 08.11.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

An die 200 Tauben hält Jürgen Keil (54) auf dem Grabeland an der Grenzstraße. Den Taubenschlag hat er von seinem Vorgänger übernommen. Jetzt muss er sich Gedanken machen, wie er den wieder abbaut. Denn die Harpen Immobilien GmbH hat den 66 Grabelandpächtern die Verträge gekündigt. Am 30. September 2020 ist Schluss.

Das 1,8 Hektar große Grundstück ist an die Bauträgergesellschaft Beta aus Bergkamen verkauft worden. Sie will dort Eigenheime für junge Familien bauen. Die Politik misst dem Projekt in ihrem „Masterplan Wohnen“ erste Priorität bei, weil in Lünen bezahlbarer Wohnraum fehlt.

Rückzugsort für Familie mit fünf Kindern

Ein Dilemma, das den Traum der Grabelandpächter vom grünen Kleinod zerplatzen lässt. Für Jörg Schmidt (37) und seine fünf Kinder ist der Garten ein Rückzugsort. Die Familie hat in Holzhütten, Trampolin, Spielgeräte und Sichtschutz investiert. Jetzt muss alles weg. „Wir wohnen zur Miete und haben keinen Garten. Wir können nicht jedes Wochenende wegfahren.“

Schock nach Kündigung: Grabelandpächter müssen ihre Parzellen abräumen

Den Taubenschlag mit 200 Tauben hat Jürgen Keil - auf dem Foto ist seine Partnerin Sabine Kuebele zu sehen - auf dem Grabland. Das alles muss weg. © Keil

Das Grabeland ist für viele wie ein zweites Zuhause. Obwohl es weder Strom noch Wasser gibt, finden sich dort eingerichtete Hütten, teilweise sogar mit Solarstrom. Manche haben richtig investiert, in Einrichtung, Zäune oder eigene Brunnen. Geld, das sie nicht wiederbekommen. Im Gegenteil: Alles muss weg. Auch die teilweise drei Meter hohen Hecken oder hohen Bäume. Einige haben schon mit dem Abräumen begonnen.

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Die Pächter schmerzt der Verlust des Gartens und noch mehr: „Es geht um Lebensqualität und eine Gemeinschaft, die zerstört wird“, sagt Jürgen Keil. Dazu ein Stück Natur. Michael Uhlenbrock bringt das Thema „Klimanotstand“ ins Spiel.

Beitrag abgebucht, dann kam die Kündigung

Besonders ärgern sich die Pächter über das Vorgehen. Die Kündigung sei eingetroffen, nachdem der Beitrag fürs nächste Jahr abgebucht worden war. Ein neuer Pächter, so Keil, habe drei Wochen nach Unterzeichnung des Vertrages schon die Kündigung bekommen. Ablöse für Hütte und Geräte hatte er bereits gezahlt.

Franz-Josef Peveling, Geschäftsführer der Harpen Immobilien GmbH, kann die Enttäuschung der Pächter über den Wegfall der Gärten „gut verstehen“. Das Grabeland ist im Flächennutzungsplan aber schon seit Jahren als Wohnbaufläche ausgewiesen.

Ortsbegehung angekündigt

Harpen lasse den Pächtern ein Jahr Zeit, sich zu sortieren und auch mit dem neuen Eigentümer Beta zu sprechen, so Peveling. Eine Ortsbegehung sei vorgesehen. Das ist im Kündigungsschreiben nachzulesen, das unserer Redaktion vorliegt. Da könne man klären, wie das mit Hecken und Bäumen zu handhaben sei, meint Peveling. Bauten, Zäune und Platten müssen abgebaut werden. Das steht sowohl im Kündigungsschreiben als auch im Pachtvertrag. Auch der liegt der Redaktion vor.

Peveling erklärt, dass die Abbuchung der Pachtzahlung sowie die Kündigung korrekt seien. Im Pachtvertrag ist geregelt, dass das Pachtverhältnis jeweils für ein Jahr abgeschlossen wird und sich jeweils stillschweigend um ein Jahr verlängert. Es sei denn, es werde gekündigt.

Verkauf in Nutzungsvereinbarung angekündigt

Die Kritik, Harpen habe mit neuen Pächtern noch kurz vor der Kündigung einen Pachtvertrag geschlossen, kann Peveling nicht nachvollziehen. Er verweist darauf, dass am 19.9.2019 mit einem Pächter eine Nutzungsvereinbarung getroffen worden sei, die unserer Redaktion vorliegt. Darin ist mitgeteilt worden, dass Harpen beabsichtigt, die Liegenschaft kurz- bis mittelfristig zu verkaufen. „Da uns heute die Ziele und Absichten eines zukünftigen Käufers nicht bekannt sind, können wir keine Garantie für eine langfristige Nutzung zusichern“, heißt es darin.

Die Pächter überlegen, eine Sammelklage einzureichen. Die Stimmung an der Grenzstraße ist im Keller.

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