Michael Neumann: Schnell wie die Feuerwehr

Blaulichtfotograf im Porträt

Bei einem „Blaulichtgewitter“ sind nicht nur Rettungskräfte vor Ort im Einsatz, in vielen Fällen auch ein Fotograf des Hellweger Anzeigers namens Michael Neumann. Der freie Mitarbeiter hat sich auf Polizei- und Feuerwehreinsätze spezialisiert und fährt oft auch nachts raus, wenn es gekracht hat.

von Michael Neumann

Unna

, 14.02.2020, 11:16 Uhr / Lesedauer: 4 min
Michael Neumann: Schnell wie die Feuerwehr

Im Einsatz trägt Blaulichtreporter Michael Neumann immer seine Presseweste. Die reflektierende Kleidung weist ihn nicht nur als Mitarbeiter des Hellweger Anzeigers aus, sie erhöht auch die Sichtbarkeit. Gerade bei Nachteinsätzen ist das unverzichtbar. © Marcel Drawe

Angefangen habe ich als freier Fotograf für die Sportredaktion. Nachdem ich dann auch immer mehr für die Lokalredaktion fotografiert hatte, kam irgendwann die Anfrage, ob ich mir einen Einsatz als freier Fotograf für Blaulichteinsätze vorstellen könnte. Ich sagte zu, das war vor vier Jahren. Dass Blaulichteinsätze vor allem auch Nachteinsätze bedeuten, ist mir dann schnell klar geworden. Tagsüber haben schließlich die fest angestellten Fotografen Dienst.

Da Blaulichteinsätze aber rund um die Uhr passieren, braucht es eben jemanden für die Nacht, und somit klingelt nun seit vier Jahren nachts hin und wieder mein Handy, wenn die Rettungsleitstelle einen Einsatz gemeldet hat.

Einer meiner ersten Einsätze war dann auch mitten in der Nacht, ein Brand im Unnaer Kurpark, es war am 19. Mai 2016. Mitten im Schlaf musste ich erst einmal sortieren, was los ist, war dann aber rasch abfahrbereit, schnappte mir die Kamera und fuhr zur Einsatzstelle. Vor Ort angekommen sondiere ich erst einmal die Lage und schaue, wie nah ich überhaupt ans Geschehen herangehen kann, ohne die Einsatzkräfte zu stören, bevor ich versuche, Bilder zu machen. Schließlich ist ihre Arbeit wichtiger als jedes Foto.

Ich halte Ausschau nach dem Einsatzleiter, um ein paar Zusatzinformationen für die Redaktion zu erhalten. Das gebe ich dann an die Redaktion weiter und schicke dazu auch ein erstes Bild, damit die Kollegen gleich eine Eilmeldung verfassen können.

Für dieses erste Foto benutze ich aus praktischen Gründen mein Handy, denn damit kann ich es gleich an die Mail mit den Infos vom Einsatzleiter hängen. Das Fotografieren mit dem Handy führt dabei schon mal zu Missverständnissen. „Wieso darf der Handybilder machen und wir nicht?“, ist eine Frage, die andere Umstehende dann oft stellen.

Das ist einer der Gründe, warum ich mich mit meiner gelben Presseweste schon von Weitem als Mitarbeiter des Hellweger Anzeigers zu erkennen gebe. Es geht bei meinen Bildern schließlich darum, den Einsatzberichten der Redaktion auch visuell eine Aussagekraft zu verleihen.

Erster Nachteinsatz war noch recht unspektakulär

Mein erster Nachteinsatz im Kurpark war recht unspektakulär, und wäre es nicht der Erste gewesen, hätte ich ihn sicher schon wieder vergessen. Aber nicht immer laufen die Einsätze so glimpflich ab und nicht immer kann ich sie so leicht vergessen.

Ob es sich um Tote im Straßenverkehr, zumeist Lkw-Fahrer oder Brandopfer, handelt, das beschäftigt mich auch. Ich kann mich noch sehr gut an einen Brandeinsatz in Königsborn erinnern, als ein Opfer mit Brandverletzungen zum Rettungswagen gebracht wurde und ich die Schreie hörte. Speziell bei diesem Einsatz habe ich mir sehr lange Zeit gelassen, um mit den Einsatzverantwortlichen zu sprechen. Da war es mir egal, wie schnell ich die Informationen erhalte, jede der anwesenden, helfenden Personen war davon ergriffen. Für mich ist es ganz wichtig, diese Eindrücke am Einsatzort zu lassen und nicht mit heim oder in die Redaktion zu nehmen. Das gelingt mal besser, mal schlechter.

Ich lege es nicht darauf an, so nah ans Geschehen heranzugehen, dass ich diese Szenen sehe, Fotos mache ich davon sowieso nicht, sie würden eh nicht veröffentlicht. Aber manchmal ist man eben schneller mittendrin, als einem lieb ist.

Umso mehr kann ich mit den Rettungskräften fühlen, die im Gegensatz zu mir unmittelbar den schrecklichen Eindrücken ausgesetzt sind. Empathie nicht nur mit den Einsatzkräften, sondern auch mit den Opfern und ihren Familien ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit.

Michael Neumann: Schnell wie die Feuerwehr

Wenn ein Lkw gefährliche Fracht transportiert, ist es noch kritischer, wenn es zu einem Unfall kommt. Dieser Lkw hatte Lösungsmittel geladen. Als die Feuerwehr eintrifft, steht das Fahrzeug auf der A2 bei Bönen im Vollbrand auf dem Seitenstreifen. © Michael Neumann

So wurde ich mal bei einem tödlichen Verkehrsunfall auf der A2 bei Bönen von der Polizei gebeten, vorerst von der Veröffentlichung abzusehen, bis die Angehörigen informiert wurden. Das ist in meinen Augen und nach unserem Presseverständnis selbstverständlich. Dazu gehört zum Beispiel, dass zwar ein Foto der Unfallstelle veröffentlicht wird, ohne aber einen Beteiligten identifizierbar abzubilden. So werden die Kennzeichen unlesbar verpixelt, ebenso wie etwaige Fahrzeugbeschriftungen.

Mir ist es immer noch unverständlich, wie viele Zeitgenossen so wenig Mitgefühl an den Tag legen und alles, aber auch alles von solchen Unglücken online stellen. Ganz große „Experten“ gibt es bei Verkehrsunfällen auf den Autobahnen. Sofort wird auf der Gegenfahrbahn das Tempo verringert und die Handys werden gezückt. Dabei ist es schon öfters zu haarsträubenden, gefährlichen Situationen gekommen, die sogar zu weiteren Unfällen führten. Bei Lkw-Unfällen ist es erschreckend, festzustellen, dass überwiegend Berufskollegen der Opfer die Unglücksstelle filmen oder fotografieren.

Michael Neumann: Schnell wie die Feuerwehr

Bei schwereren Verkehrsunfällen können die Einsatzkräfte die grünen Sichtschutzzäune anfordern. Der Einsatz in der Praxis zeigt, dass sich dieser Aufwand durchaus lohnt. Gibt es nichts zu sehen oder zu filmen, fließt der Verkehr wesentlich besser an der Unfallstelle vorbei. © Michael Neumann

Mittlerweile filmt und fotografiert die Polizei zurück und die Gaffer und Filmer bekommen dann im Nachhinein Post. Ich habe für eine Geschichte über Gaffer auf der Autobahn auch mal die vorbeifahrenden Filmer auf der Gegenspur fotografiert, unwahrscheinlich, wie viele Fotos da in kurzer Zeit zusammengekommen sind. Das Material habe ich dann im Nachhinein der Polizei zur Verfügung gestellt, die dieses Angebot gerne angenommen hat.

Das rücksichtslose Verhalten mancher Menschen macht mich einfach nur wütend. Gut, wenn man dann etwas dazu beitragen kann, dass sie ihre gerechte Strafe erhalten, wobei das Strafmaß meiner Meinung nach ruhig noch etwas strenger ausfallen könnte.

Es gibt auch schöne Momente bei Einsätzen

Auch schöne Momente spielen sich ab – ob es nun gerettete Vögel nach einem Wohnungsbrand sind oder man als Fotograf selbst helfen kann. Dabei wird mir der 31. Oktober vergangenen Jahres lange in Erinnerung bleiben. Nach einem Rückstau auf der A44 ist ein 7,5-Tonner auf einen Lkw aufgefahren. Drei weitere Pkw waren in den Unfall verwickelt und wurden teils schwer beschädigt. Da sich der Unfall recht nah an meinem Zuhause ereignet hatte, war ich schnell vor Ort, das Geschehen war noch recht frisch. Auch für ein nettes Ehepaar aus Altenbeken, mit dem ich am Unfallort ins Gespräch kam. Ihr Wagen wurde durch den nachfolgenden Unfallteilnehmer auf den vorausfahrenden Lkw geschoben. Es war ihr erster Unfall überhaupt, erzählten sie, das Auto sei vor zwei Tagen noch zur Inspektion gewesen und die Winterreifen wurden aufgezogen.

Es war nicht zu übersehen, dass sie ein wenig überfordert mit der Situation waren. Wahrscheinlich war es gar nicht wichtig, über was wir uns unterhielten, sondern einfach nur, ihnen ein bisschen über den Schreck hinwegzuhelfen. Ich habe dann noch Fotos für ihre Versicherung gemacht. Nachdem wir uns später verabschiedet hatten, setzte ich mich daheim hin und druckte ihre Bilder für den Versand aus.

Gleich am kommenden Montag meldeten sie sich telefonisch bei mir und waren sehr dankbar für die Bilder. Gleichzeitig wurde ich fast verpflichtend eingeladen, wenn ich in ihrer Gegend bin auf einen Kaffee reinzuschauen. Und damit nicht genug, zu Weihnachten bekam ich eine Weihnachtskarte … Herz, was will man mehr?

Solche Erlebnisse und auch die Spannung, was einen bei einem Blaulichteinsatz vor Ort erwartet, machen für mich diese Arbeit interessant und abwechslungsreich. Wenn man dann noch zusätzlich jemandem helfen kann – sei es einem netten Ehepaar, das die Bilder für die Versicherung braucht oder der Polizei, die meine Fotos zur Aufklärungsarbeit verwenden kann –, umso besser.

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