Schmalspur-Spitzel: Für den Inlandsgeheimdienst reichen zwei Praktika

Verfassungsschutz

Islamistischer Terror und Rechtsextremismus stellen die Sicherheitsbehörden vor eine Bewährungsprobe. Händeringend suchen Nachrichtendienste Nachwuchs. In ihrer Not sind sie nicht wählerisch.

Berlin

von Jörg Köpke

, 19.12.2019, 08:59 Uhr / Lesedauer: 2 min
Schmalspur-Spitzel: Für den Inlandsgeheimdienst reichen zwei Praktika

Thomas Haldenwang (links), Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, und Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der Sicherheitsbehörden. © picture alliance/dpa

„Im Verborgenen Gutes tun“ – mit diesem Slogan wirbt der Inlandsgeheimdienst seit Monaten um Nachwuchs. Sechshundert neue Stellen wollen Bundesinnenminister Horst Seehofer, Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang und Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), allein im Kampf gegen Rechtsextremismus zeitnah besetzen.

Bei der Suche nach Mitarbeitern sind die Sicherheitsbehörden nicht besonders wählerisch. Für den mittleren Dienst beim Verfassungsschutz reichen zwei Praktika und einige Aufbaulehrgänge, um nach 24 Monaten als Zuträger arbeiten zu dürfen. Beim Militärgeheimdienst MAD ist noch nicht einmal das notwendig. Es genügt eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Anwärter müssen mindestens fünf Monate in einer Observationsgruppe hospitieren

Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linken hervor, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt. Wenigstens fünf Monate muss der künftige Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes in einer Observationsgruppe hospitiert haben. Während eines sechsmonatigen Praktikums lernen die Anwärter „adressatenorientiertes Verhalten“, wie Innenstaatssekretär Günter Krings schreibt.

Verfassungsschutzpräsident Haldenwang zeigte sich am Dienstag in der Bundespressekonferenz optimistisch, die offenen Stellen zeitnah besetzen zu können. BKA-Präsident Münch betonte hingegen, bei ihm werde das nicht so schnell gehen. Zunächst müssten die Anwärter eine Ausbildung abschließen.

Zahl der freien Stellen hat sich kaum geändert

Vor gut einem Jahr gab es beim Bundesamt für Verfassungsschutz noch rund 1000 offene Stellen. In einem vertraulichen Papier des Bundesrechnungshofes ist davon die Rede, dass es den Diensten vor allem an Interessierten mit Fremdsprachenkenntnissen sowie Bewerbern mit guten Kenntnissen in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik fehlt. Nach RND-Informationen hat sich an der Zahl der offenen Stellen nur unwesentlich etwas geändert.

Die aktuellen Zahlen zu unbesetzten Stellen bei Verfassungsschutz und MAD teilte das Bundesinnenministerium nicht mit. Dies könne „für die Sicherheit und die Interessen der Bundesrepublik Deutschland schädlich sein“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung. Die Zahlen seien daher als „Geheim - amtlich geheim gehalten“ eingestuft worden.

Auf dem Lehrplan stehen unter anderem Ausländerextremismus, Spionageabwehr, Geheimschutz, aber auch Kassen- und Rechnungswesen. Ein Vorbereitungsdienst für den höheren Dienst existiert nicht. Nach einer Sicherheitsüberprüfung und der Übernahme in einen der Geheimdienste nehmen Anwärter für den höheren Dienst an nachrichtendienstlichen Schulungen an der Akademie für Verfassungsschutz teil.

Linke kritisiert Ausbildungsbedingungen als zu lasch

Linken-Innenexpertin Martina Renner kritisiert die Ausbildungsbedingungen als zu lasch. Das erworbene „Diplom“ könne man sich „an die Wand nageln“, sagte die Bundestagsabgeordnete dem RND. „Weder für den Verfassungsschutz noch für den MAD gibt es eine echte Ausbildung für den mittleren Dienst.“ Der Vorbereitungsdienst beim Bundesamt für Verfassungsschutz bestehe im Wesentlichen aus Praktika.