Dass die einzige Tanksäule für Erdgasautos in Selm in wenigen Wochen abgebaut werden wird, stößt nicht nur in Selm vielen bitter auf. Auch aus Lippstadt kommt Bedauern - und Ermutigung.

Selm

, 19.11.2019, 21:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Norbert Viezens kennt sich aus mit Tankstellenschließungen. Er hatte im November 2017 gerade sein neues Auto bestellt - einen Skoda mit umweltschonendem CNG/Erdgas-Antrieb - , als er zwei Wochen später las, dass die einzige Erdgastankstelle im Ort schließen würde. Für Viezens war das eine Initialzündung.

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Entweder still ärgern oder handeln? Viezens entschied sich für die zweite Option und gründete die Initiative „CNGasgeben!“. Das ist jetzt zwei Jahre her. Die Erdgastankstelle in seiner Heimatstadt Lippstadt gibt es noch immer.

Viezens und seine Mitstreiter werben aber nicht nur im Raum Soest für klimaschonende Mobilität mit Erdgasautos, sondern bundesweit. Deshalb ist der Mann aus Lippstadt auch auf Selm aufmerksam geworden - und hat sich geärgert.

Sprecher der Initiative „CNGasgeben“ fordert ein Umdenken

„Erdgas ist momentan der einzige Antrieb, der gleichzeitig sauber und günstig und alltagstauglich ist“, schreibt er in einem Leserbrief an die Ruhr Nachrichten. Ausgerechnet jetzt eine Erdgastankstelle zu schließen sei ein falsches Signal. „Wenn ich von so etwas höre oder lese, mische ich mich ein“ - in diesem Fall in Selm.

Die Aral-Tankstelle an der Kreisstraße in Selm schließt - und mit ihr die Tanksäule von Orangegas: die einzige Möglichkeit für Erdgasautos zu tanken in Selm. In Olfen und Lüdinghausen gibt es ebenfalls keine Angebote. Die nächste Tanksäule ist in Lünen, Borker Straße 72.

Mit Biomethan fährt es sich nahezu klimaneutral

Bei Orangegas gibt es nicht den fossilen Energieträger Erdgas zu tanken, sondern Biomethan. Erdgas sorgt bereits dafür, dass die Autos kaum Rußpartikel ausstoßen und niedrigere Stickoxid- und CO2-Emissionswerte haben als Benziner. Bei Biomethan, das in Selm aus der Zapfpistole kommt, sieht die Klimabilanz noch besser aus. Es handelt sich um einen nachwachsenden Kraftstoff, der nicht aus Lebensmitteln produziert wird, sondern aus einem landwirtschaftlichen Abfallprodukt: Stroh.

Schließung der Erdgastankstelle in Selm zieht weite Kreise: Initiative ruft auf zum Protest

© picture alliance/dpa

Ein Auto, das solches Gas aus Stroh verbrennt, fährt nahezu klimaneutral - und überdies sehr günstig. Jens Andersen, der Konzern-Beauftragte für Erdgasmobilität bei Volkswagen, hat in seiner Doktorarbeit ausgerechnet: „1800 Kilo Stroh, etwa sieben Rundballen, ergeben rund 300 Kilogramm Biogas. Ein VW Golf TGI könnte damit rund 10.000 Kilometer weit fahren.“

Widerspruch zum Klimaschutzgesetz

Nobert Viezens konnte schon vor zwei Jahren in Lippstadt nicht verstehen, warum man auf die Idee kommen könne, ein klimafreundliches Angebot einfach aufzugeben. Jetzt fällt ihm in Selm das noch schwerer.

Schließlich habe die Bundesregierung erst vor wenigen Tagen (15.11.) das Klimaschutzgesetz verabschiedet. „Wir können nicht einerseits versuchen das Klima zu retten und andererseits den aktuell bestmöglichen Kraftstoff vor Ort nicht mehr anzubieten“, sagt Viezens.

„Der Einsatz von Biomethan kann zur Treibhausgasminderung im Verkehr beitragen“, hatte das Fraunhofer Institut erst in einer Mitte September veröffentlichten Studie festgestellt.

Fraunhofer Institut hat Antriebssysteme verglichen

Die Wissenschaftler hatten „Klimabilanz, Kosten und Potenziale verschiedener Kraftstoffarten und Antriebssysteme für Pkw und Lkw“ untersucht. „Gerade das Biomethan auf Basis fortschrittlicher Rohstoffe kann im Pkw- und insbesondere im Lkw-Sektor eine gute Ergänzung zur steigenden Elektrifizierung durch Batteriefahrzeuge darstellen“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Martin Wietschel.

Eigentümer des Selmer Tankstellengeländes ist das Unternehmen Rüschkamp, das seit 1961 auch in Selm ansässig ist. Es schließt Autohaus und Tankstelle am jetzigen Standort an der Kreisstraße und baut dafür etwas weiter in Richtung Bork, am Kreisverkehr Umgehungsstraße/Kreisstraße neu: einen Burger-King, eine HEM-Tankstelle und einen Saug-Wasch- und Ladepark: also ein Angebot speziell auch für E-Auto-Fahrer. Schnellladesäulen gibt es bislang weit und breit nicht.

Rüschkamp: Die Entscheidung liegt beim Betreiber

Warum engagiert sich Rüschkamp für E-Mobilität und nicht für den anderen klimafreundlichen Antrieb: Erdgas? Geschäftsführer Michael Wilke verweist auf den Betreiber der Tankstelle: HEM. „Die Entscheidung liegt hier bei dem Tankstellenbetreiber. Wir stellen zwar viele Weichen, aber hier sind wir nicht der Entscheider.“

Norbert Viezens glaubt, dass da noch nicht das letzte Wort gesprochen sein müsse. Er hat gute Erfahrungen gemacht in Lippstadt. Die damalige Schließung der als unrentabel geltenden Erdgastankstelle sei vom Tisch gewesen, als es eine breite öffentliche Diskussion gab. „Viele wissen gar nicht Bescheid, wie klimafreundlich und zugleich günstig das Fahren mit CNG ist“, sagt er.

In Lippstadt hat sich der Einsatz gelohnt

Nachdem er und seine Mitstreiter mehrere Informationsgespräche geführt hätten, habe sich der Rat einhellig dafür eingesetzt, dass die Tankstelle bleibt: betrieben von den Stadtwerken Lippstadt.

„Mit Erdgas im Tank senken Sie Ihre Betriebskosten und sparen dabei schon ab dem ersten Kilometer“, heißt es auf der Homepage der Stadtwerke Lippstadt. „Inzwischen“, sagt Norbert Viezens, der sich über diese Entwicklung freut, „steht zur Diskussion, ob nicht eine zweite Tanksäule sinnvoll wäre“.

In einer ersten Fassung hatten wir einen anderen Namen der Initiative genannt.

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