Schlammlawine stoppt Alpen-Spektakel - Bernal holt Gelb

Was für ein Chaos bei der Tour de France! Die 19. Etappe muss nach einem heftigen Wolkenbruch abgebrochen werden. Schon vorher geht es drunter und drüber zu. Mitfavorit Pinot muss aufgeben, Alaphilippe verliert Gelb an Bernal. Nun wird auch noch die 20. Etappe verkürzt.

29.07.2019, 12:10 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schlammlawine stoppt Alpen-Spektakel - Bernal holt Gelb

Neuer Gesamtführender der 106. Tour de France. Foto: David Stockman

Als auch noch eine riesige Schlammlawine den Col de l'Iseran hinunterrollte, war das Chaos bei der Tour de France perfekt. Nach Schnee, Regen- und Hagelschauern standen Emanuel Buchmann und Co. in Regenjacken hilflos am Straßenrand.

Zuvor waren sie an einem Tag für die Geschichtsbücher auf der rasenden Abfahrt gerade noch rechtzeitig gestoppt worden. Tourchef Christian Prudhomme hob verzweifelt die Arme, während ein großes Räumfahrzeug mit den Schlamm- und Wassermassen kämpfte. Das Alpen-Spektakel wurde mit dem Abbruch der 19. Etappe auf die Spitze getrieben.

„Man hat gesehen, dass es einfach nicht möglich war. So etwas ist mir noch nie passiert, dass abgebrochen wurde. So viel Hagel habe ich auch noch nie gesehen“, sagte Buchmann, der auch noch zur Dopingkontrolle musste. Tourchef Prudhomme fügte hinzu: „Was für ein Tag. Wir mussten das Rennen abbrechen. Ich bin froh, dass wir die Fahrer ohne Probleme in ihre Hotels bekommen haben.“

Die Sorgen sind für die Organisatoren damit aber noch nicht vorbei. Wegen Erdrutschen und zu erwartender Gewitterschauer wurde am späten Freitagabend auch die 20. Etappe verkürzt. Albertville als Startort und Val Thorens als Zielort bleiben zwar bestehen, doch dazwischen wird mächtig abgekürzt. Statt 130 Kilometern müssen Buchmann und Co. nur etwa 60 Kilometer absolvieren. Das Wetter-Tohuwabohu in den Alpen dürfte also auch am Samstag weitergehen.

Ungeachtet der Wetterkapriolen ging es auch sportlich drunter und drüber - mit entscheidenden Änderungen für das Gesamtklassement. Denn die Jury entschied, die Zeitabstände auf dem Iseran zu nehmen. Dabei darf Buchmann nun sogar vom Podium auf den Champs Élysees träumen, vor dem Showdown am Samstag hat er sich auf den fünften Platz katapultiert. Nur noch 1:42 Minuten liegt er hinter dem Gelben Trikot. Neuer Spitzenreiter ist nun der Kolumbianer Egan Bernal, der alle Favoriten abgehängt hatte und vor dem Abbruch einem Solosieg entgegen fuhr.

Für die Grande Nation wurde es ein ganz bitterer Tag: Erst musste Frankreichs Mitfavorit Thibaut Pinot unter vielen Tränen das Rennen aufgeben, ehe am vorletzten Anstieg dessen Landsmann und Gelbträger Julian Alaphilippe einen kleinen Einbruch erlitt und nun in der Gesamtwertung 45 Sekunden hinter Bernal liegt. Der Franzose setzte auf der Abfahrt gerade zur Aufholjagd an, ehe die Ampeln plötzlich auf Rot standen.

„Es ist die absolut richtige Entscheidung. Die Jury hat eine ganz gute Lösung gefunden, in dem sie die Zeit auf dem Iseran genommen hat“, sagte Buchmanns Teamchef Ralph Denk. Letztmals war am 8. Juli 1996 eine Tour-Etappe verkürzt worden, als Schneefall am Galibier ein Überqueren unmöglich machte. Und nun gleich zweimal in zwei Tagen.

Doch 1996 war kein Vergleich zur wetterbedingten Chaos-Etappe am Freitag. Dabei hatte die Etappe sportlich schon viel zu bieten. Auch Deutschlands Rundfahrt-Hoffnung hatte den Franzosen Alaphilippe bereits abgehängt. Zwei Tage vor dem großen Finale auf den Champs Élysees scheint für den 26-jährigen Buchmann vieles möglich, das Podium auf jeden Fall. „Weit ist es nicht mehr weg. Morgen nochmal alles geben und dann schauen, was am Ende rauskommt. Ich fühle mich für die dritte Woche noch echt gut, so habe ich mich bei einer dritten Woche noch nie gefühlt“, ergänzte Buchmann.

Der große Favorit auf den Triumph in Paris ist aber nun Bernal, der damit auch den Machtwechsel im Ineos-Team vollzogen hat. Mit im Rennen sind auch noch der britische Titelverteidiger Geraint Thomas (1:03 Minuten zurück) und der viertplatzierte Niederländer Steven Kruijswijk (1:15) aus dem Tony-Martin-Team Jumbo Visma. „Wir haben nun zwar keinen Etappensieger, aber wenigstens ein neues Gesamtklassement“, sagte Prudhomme.

Jetzt schaut alles auf den Schlussakt, wenn die letzte Bergankunft in Val Thorens ansteht. „Der Berg ist extrem schwer. Das sind 1900 Höhenmeter. Da wird jeder fahren, was geht. Ich denke, das ist der Showdown“, sagte Buchmann mit Blick auf die Kletterpartie. Diese dürfte nun nochmal etwas intensiver werden, schließlich macht der 33,4 Kilometer lange Anstieg mehr als die Hälfte des deutlich verkürzten Kurses aus.

In Gelb fährt das Riesentalent Bernal, sein Teamchef Dave Brailsford war überglücklich: „Das Glück ist am Ende mit den Mutigen. Wir werden die Tour gewinnen, weil wir so gefahren sind.“ Alaphilippe hat ob der Stärke des Kletterkünstlers fast schon kapituliert: „Ich glaube nicht, dass das Gelbe Trikot noch möglich ist. Ich bin von einem Stärkeren geschlagen worden als ich. Das ist halt so.“

Das französische Drama nahm bereits früh seinen Lauf. Gut 85 Kilometer vor dem Ziel stieg Pinot unter Tränen vom Rad. Ein Muskelfaserriss im linken Oberschenkel beendete alle Träume des 29-Jährigen, der seit Jahren der große Pechvogel ist. Der Tour-Dritte von 2014, der noch nie in seiner Karriere das Gelbe Trikot getragen hatte, musste bei seiner siebten Teilnahme bereits zum vierten Mal die Rundfahrt vorzeitig aufgeben. 2016 stoppte ihn eine Bronchitis. Besonders bitter war sein Aus beim Giro d'Italia 2018, als er zwei Etappen vor Schluss Gesamtdritter war, ehe ihn eine Lungenentzündung stoppte.

In diesem Jahr schien seine Stunde zu schlagen. Der Fahrer des Teams Groupama-FDJ hatte am vergangenen Wochenende bei der Bergankunft zum Tourmalet hinauf triumphiert und galt danach bei vielen Experten als großer Favorit auf den Toursieg - auf der 19. Etappe war alles vorbei.

Auf dem 33,4 Kilometer langen Schlussanstieg nach Val Thorens hinauf fällt die Entscheidung über den Sieger der 106. Tour de France fällt. 5,5 Prozent geht es für die Fahrer zum 2365 Meter hohen Alpen-Riesen hinauf. Ein Anstieg, den sich Buchmann in der Vorbereitung genau angeschaut hat. Am Samstag wird es keine Taktiererei mehr geben, schon nach gut 20 Kilometern beginnt das große Finale.

Weitere Meldungen
Meistgelesen