Die Muslime begehen am Dienstag das Opferfest. Sie beten, besuchen ihre Familien und Angehörige auf den Friedhöfen. Das Schlachten gehört auch dazu, und das wird kontrovers diskutiert.

Schwerte

, 21.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Siddik Tuncer wählt seine Worte sorgfältig und blickt ernst, während er die Bedeutung des Opferfestes erklärt. Er zitiert Verse aus dem Koran und Überlieferungen des muslimischen Propheten Mohammed. Tuncer ist der Vorbeter in der Seleymaniye Moschee an der Beckestraße in Schwerte. In seiner Freitagspredigt geht er auf die Geschichte des Opferfestes ein. Die Moschee ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Gläubigen lauschen seinen Worten auf Türkisch.

Es leben vermutlich 2500 Muslime in Schwerte - rund 4,4 bis 4,7 Millionen sind es Deutschlandweit, 1,3 bis 1,7 Millionen in NRW. Und diese feiern vom Dienstag (21.8.) bis Samstag (25.8.) das Opferfest. Dabei ist es Brauch, ein Tier zu schlachten. Das geht auf eine Geschichte zurück, die auch im Alten Testament steht. Abraham soll auf Geheiß Gottes (Allahs), seinen Sohn Ismail opfern, um seine Gefolgschaft gegenüber dem Schöpfer unter Beweis zu stellen. Beide sind bereit, sich Gottes Willen unterzuordnen. Im letzten Moment verhindert Gott die Opferung Ismails und schenkt ihnen stattdessen ein Tier, das sie schlachten sollen.


Schächten gilt im Judentum und Islam

In Erinnerung an diese Begebenheit schächten Muslime beim Opferfest ein Tier. Infrage kommt entweder ein Kamel, eine Kuh, eine Ziege, ein Schaf oder ein Lamm. Dieser Aspekt des Opferfestes wird gerade von Tierschützern sehr kontrovers diskutiert. Unter Schächten ist das betäubungslose Schlachten eines Tieres zu verstehen. Mit einem Messer wird quer durch Halsschlagader, Speise- und Luftröhre des Tieres geschnitten. Das hat zur Folge, dass die großen Blutgefäße sowie Luft- und Speiseröhre durchtrennt werden. Der Körper muss ganz ausbluten, weil der Glaube den Genuss von Blut verbietet.

Dieses Ritual ist im Judentum wie im Islam vorgeschrieben, aber nach deutschem Recht nur in Ausnahmefällen erlaubt. Nur wenn die Religion es zwingend vorschreibt, ist Schächten auch ohne Betäubung möglich. Der Deutsche Tierschutzbund teilte auf Nachfrage mit, dass in den Jahren 2015 und 2016 in NRW jedoch keine Ausnahmegenehmigungen zum betäubungslosen Schlachten erteilt wurden. Auch für den Kreis Unna lägen in diesem Jahr keine Anträge vor. Das heißt jedoch im Umkehrschluss nicht, dass Muslime hierzulande nicht schlachten würden.

Es herrscht Uneinigkeit unter Muslimen was „halal“ ist

Mahmud Celik ist der Inhaber des Fleischgroßhandels Mahmud-Fleisch in Unna. Er beliefert 50 bis 60 Einzelhändler in NRW und ein vielfaches mehr an Endkunden. Die überwiegende Mehrheit sind Muslime und kommen aus Schwerte, Hamm, Bergkamen und sogar aus Bremen. Den weiten Weg nehmen viele auf sich, weil sein Fleisch „halal“, also aus islamischer Sicht erlaubt ist. Der Begriff bezieht sich auf das gesamte muslimische Leben. Das Pendant dazu ist „haram“, was auf Arabisch so viel wie verboten bedeutet.

Je nach Koran-Auslegung gibt es unterschiedliche Sichtweisen, welches Fleisch für Muslime „halal“ ist. Einigkeit besteht weitestgehend darin, dass ein Muslim das Tier schlachten und vor der Schlachtung „Im Namen Gottes“ sagen muss. Strittig ist vor allem, ob ein Tier vor der Schlachtung betäubt werden darf.

Wissenschaft uneins zum Schächten und Schlachten

„Fast keine Muslime haben Probleme damit, dass wir die Tiere vor der Schlachtung betäuben“, sagt Mahmud Celik. Für die wenigen Kunden, die nur geschächtetes Fleisch essen, bestellt Celik das Fleisch aus Frankreich und Belgien. In diesen und weiteren europäischen Ländern wie England ist das betäubungslose Schlachten erlaubt. Wenn es nach Celik ginge, würde er gerne auch hierzulande schächten. Er ist davon überzeugt, dass das Tier dadurch weniger leiden würde.

Dr. Anja Dirksen vom Veterinär- und Gesundheitsamt des Kreises Unna widerspricht: „Das Tier soll schmerzfrei sterben, deswegen ist die Betäubung vorgeschrieben.“ Tatsächlich gibt es je nach Studie unterschiedliche Ergebnisse, wobei die These von der schonenderen Schlachtung ohne Betäubung, umstritten ist. Mahmud Celik verkauft seine Fleischprodukte auch an den Mevlana Supermarkt in Schwerte, direkt gegenüber der Schwerter Ditib Moschee. Die meisten Kunden setzen voraus, dass das Fleisch „halal“ sei. Nur manche fragen nach, um sich zu vergewissern.

Bedürftige, Freunde und Familien erhalten das Fleisch

Der zweifache Vater Sebahattin Yalcin kauft wie üblich nach dem Freitagsgebet für die Familie ein. Aber diesmal ist aufgrund des Opferfestes etwas mehr Fleisch im Einkaufswagen. „Während der vier Festtage erwarten wir viel Besuch, dem wir natürlich auch etwas bieten möchten“, sagt er. Außerdem gehen die Gläubigen am Opferfest zum Gebet in die Moschee. Besuche von Bekannten und Verwandten sind eine weitverbreitete Tradition.

Ferner werden Friedhöfe zu Ehren der Toten aufgesucht. Sebahattin Yalcin lässt ein Lamm im Ausland schlachten. Das Fleisch kommt bedürftigen Menschen zugute. Laut dem Vorbeter Tuncer empfiehlt der Prophet Mohammed, ein Drittel des Fleisches an Bedürftige zu spenden, ein Drittel Freunden zu schenken und den Rest für die eigene Familie zu behalten.

Pilgerfahrt und Opferfest Jeder Muslim, der dazu in der Lage ist, sollte während seines Lebens die Pilgerfahrt (arab.: Hajj) nach Mekka vollziehen. Am Ende steht dann ein viertägiges Opferfest. Die Pilger umkreisen während der Pilgerfahrt sieben Mal die Kaaba, laufen sieben Mal zwischen zwei Hügeln, trinken Wasser aus dem Zamzam-Brunnen und bitten Gott um Vergebung. Die Pilger steinigen symbolisch den Teufel mit sieben Steinen. Am Ende der Pilgerfahrt bringen die Muslime ein Tieropfer. Viele Wallfahrer besuchen das Grab des Propheten Mohammed.
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