Fünfundzwanzig Tage, drei Stunden und zwanzig Minuten. Oder 604 Stunden. Oder 36.261 Minuten. Solange bin ich jetzt rauchfrei. Schön ist das nicht. Ob ich durchhalte, weiß ich noch nicht.

Lünen

, 16.11.2018, 05:50 Uhr / Lesedauer: 7 min

Vor gut zwei Monaten habe ich den Entschluss gefasst, das Qualmen aufzugeben. Zu dem Zeitpunkt war der Entschluss wohl eher ein Entschlüsschen, nur eine Idee für einen netten Artikel.

Voll und ganz überzeugt von der Idee, war ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht und wenn ich ehrlich bin, bin ich es immer noch nicht. Nie wieder rauchen, das kommt mir doch ziemlich lang vor. Nie wieder in der Sonne vor einem Café sitzen, mit einer Kippe zwischen den Fingern einen Milchkaffee trinken. Nie wieder nach einem guten Essen eine „Verdauungszigarette“ rauchen. Nie wieder einen schönen Abend mit Freunden, Wein und Zigaretten. Klingt für mich irgendwie nicht so verlockend.

Aber Nichtraucherin sein heißt auch, nie wieder draußen im Regen/Schnee/Hagel/Sturm stehen, um rauchen zu können. Nie wieder hören zu müssen, ich würde nach Rauch stinken. Nie wieder beim Arzt sitzen und kleinlaut zugeben müssen, immer noch zu rauchen.

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin und mein Sucht-Ich ausblende, überwiegen die Vorteile des Nichtrauchens natürlich. Ganz abgesehen von meiner Gesundheit.

Ein Leben ohne Zigaretten ist unvorstellbar - aber ich probiere es aus

Die vielen Schadstoffe im Tabak wirken komplex auf den Körper. © dpa

Laut Bundesgesundheitsministerium sterben allein in Deutschland jedes Jahr ungefähr 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Raucher und Raucherinnen verlieren im Schnitt 10 Jahre ihres Lebens.

Nicht nur, dass Rauchen eine lebensverkürzende Wirkung hat, auch bringt es etliche Erkrankungen und sonstige Erscheinungen mit sich.

Die gesundheitlichen Risiken sollten klar sein, auch denjenigen, die das Rauchen nicht aufgeben wollen, da es ja unübersehbar auf jede Kippenschachtel gedruckt ist. Interessanterweise hat mich das nie gestört.

Natürlich weiß ich, dass Rauchen ungesund ist, dass es der Tod auf Raten ist. Aber das hat mich nicht gejuckt. Warum? Weil ich mich durchs Rauchen nie schlecht gefühlt habe. Ich hatte nie Raucherhusten oder andere Begleiterscheinungen, ich habe also nicht gemerkt, dass ich mich vergifte, obwohl ich es natürlich wusste.

Chefarzt interviewt mich

Warum habe ich also aufgehört? Das hat mich auch der Chefarzt der LWL Klinik in Dortmund und Abteilungsleiter der Suchtmedizin Dr. med. Gerhard Reymann gefragt, als ich mich mit ihm zum Interview getroffen habe und eigentlich ihm die Fragen stellen wollte.

Dr. med. Gerhard Reymann: Wie sind Sie dazu gekommen mit dem Rauchen aufzuhören?

Ich: (Auf die Frage war ich nicht vorbereitet, denn wie schon gesagt, bin ich gekommen, um selbst die Fragen zu stellen.) Ich bin vor Kurzem 30 geworden und da ist mir bewusst geworden, dass ich jetzt mein halbes Leben lang geraucht habe. Das finde ich ziemlich krass, so bin ich zu dem Schluss gekommen, ich sollte es besser sein lassen.

Dr. med. Gerhard Reymann: Wieso?

Ich: (Die Frage hat mich ziemlich aus dem Konzept gebracht. Ist es denn nicht klar, warum Menschen besser nicht rauchen sollten?) Weil es ungesund ist, das Rauchen selbst gefällt mir eigentlich sehr gut.

Dr. med. Gerhard Reymann: Inwiefern ungesund?

Ich: (Das bringt mich nun völlig durcheinander. Ist es etwa nicht klar, dass rauchen ungesund ist? Einen winzig kleinen Moment lang meldet sich mein nicht sehr rationales Sucht-Ich „Hey, vielleicht ist Rauchen gar nicht so ungesund, ich habe auf dem Hinweg einen Kiosk gesehen, da können wir gleich Tabak kaufen!“ Den Gedanken schiebe ich aber ganz schnell beiseite und versuche die Frage zu beantworten.) Ich weiß ja was passieren kann, wenn ich weiter rauche. Außerdem nehme ich die Pille und in Kombination mit dem Rauchen steigt das Thromboserisiko extrem an.

Dr. med. Gerhard Reymann: Das ist korrekt.

(Mein Sucht-Ich: Mist.)

Ich: Außerdem habe ich vor einer Ewigkeit in einem Altenheim gearbeitet, da hatte ich Patienten, die Lungenkrebs hatten. Ich habe gesehen, wie krass das ist.

Dr. med. Gerhard Reymann: Und das waren Patienten, die Sie persönlich kannten, gepflegt haben, Sie hatten ein Anliegen an diesen Menschen und haben dann gesehen, was eine schwere Krankheit mit ihnen machen kann.

Ich: Vor allem habe ich gesehen, wie schrecklich es ist, an Lungenkrebs zu sterben.

Dr. med. Gerhard Reymann: Das ist Ihnen nahe gegangen. Sodass es für Sie, obwohl Sie erst 30 Jahre alt sind, diese Perspektive des Raucherkrebses schon recht plastisch geworden ist.

Ich: Allerdings. Aber es gibt auch die andere Seite in mir, die meine Familie betrachtet und sieht, dass meine Uroma mit 90 Jahren immer noch raucht und topfit ist. Das ist eine gewisse Versuchung, es darauf ankommen zu lassen und zu testen, ob ich auch mit Rauchen alt werden kann.

Dr. med. Gerhard Reymann: Also es gibt in Ihnen zwei Seiten. Auf der einen Seite sehen Sie, dass es in Ihrer Familie Mitglieder gibt, die rauchen und noch leben und einigermaßen gesund am leben sind. Auf der anderen Seite haben Sie im Altenheim gearbeitet und haben gesehen, wie grausam Bronchialkrebs sein kann. Beide Seiten sind in Ihnen, wieso haben Sie sich eher für die Nichtraucher-Seite entschieden?

Ich: (Ich weiß es nicht.) Abgesehen davon, dass ich jetzt 30 geworden bin, ist mein Freund Nichtraucher. Er hat bereits vor zwei Jahren aufgehört zu rauchen. Einfach so und ohne Probleme. Es ist nicht so, dass er mich damit nerven würde, dass ich aufhören soll. Er ist eher ein gutes Beispiel für mich. Menschen können das schaffen, warum nicht auch ich?

Dr. med. Gerhard Reymann: Ihrem Freund ist es gelungen, er war da erfolgreich. Sie möchten auch gerne erfolgreich sein. Das verstehe ich.

Motivierende Gesprächsführung

Wie sich herausstellte - und wie ich es schon geahnt habe - waren das nicht nur Interessensfragen, sondern es war eine Gesprächstechnik des Arztes und Therapeuten, um meine Motivation zu steigern.

Neben Hypnose und Akupunktur kann auch ein Gespräch hilfreich sein, um durchzuhalten. „Hypnose oder Akupunktur sind Lösungsansätze, aber ich finde es günstiger, ein motivierendes Gespräch zu führen, sodass der Patient selber und bewusst Motivation aufbaut“, sagt der Therapeut.

Reymann hat mich reden lassen und wollte, dass ich über meine Motive nachdenke. Warum höre ich auf zu rauchen? Warum ist das für mich wichtig? Dadurch, dass ich mir bewusst Gedanken darüber gemacht habe und mich habe sprechen hören, habe ich mich selbst motiviert.

„Das halte ich für eine zeitgemäßere Art, Menschen zu unterstützen. Anstatt das Wachbewusstsein der Menschen herabzusenken, um dann von außen auf sie einzuwirken.“

Auch Akupunktur könne hilfreich sein, allerdings ist der Patient - wie bei der Hypnose - nur passiv dabei und wird nicht in seiner Motivation bestärkt.

Nun ist es nicht so, dass ich nach dem Gespräch hinaus gestürmt bin und mich der Welt lauthals als neue Nichtraucherin vorgestellt hätte. Aber ich bin mit neuen Anregungen nach Hause gegangen.

Vorher habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, warum ich rauche, warum ich es eigentlich nicht will und welche Erfahrungen ich mit dem Rauchen gemacht habe. Und tatsächlich: ich fühle mich motiviert, weiter am Ball zu bleiben.

Aber nicht nur das Gespräch motiviert mich, auch die Erfolge, die ich bisher erzielt habe, machen mich stolz. Ich habe zwei Apps - sie unterscheiden sich nur minimal und ich konnte mich einfach nicht entscheiden, welche ich besser finde - auf meinem Smartphone installiert, die mir haarklein aufdröseln wie viele Zigaretten ich nicht geraucht habe (150), wie lange ich bisher aufs Rauchen verzichtet habe (36.260 Minuten), wie viel Geld ich gespart habe (leider nur 13,87 Euro - ich habe nicht so viel geraucht, dass ich mich am Ende des Jahres über einen Kurzurlaub freuen könnte) und welche gesundheitlichen Fortschritte ich erzielt habe.

Push-Nachrichten pushen mich

Fast täglich bekomme ich Push-Nachrichten der Apps mit den Informationen über meine Fortschritte. Beispielsweise hat sich schon nach einem Tag kein Kohlenmonoxid mehr in meinem Körper befunden, das Nikotin ist nach zwei Tagen komplett raus.

Ein Leben ohne Zigaretten ist unvorstellbar - aber ich probiere es aus

Schon nach zwei Tagen befindet sich kein Nikotin mehr in meinem Körper. © Kwit

Nach 30 Tagen sollte sich dann auch mein Thromboserisiko normalisiert haben. Das hat mir während meiner Raucherei am meisten Sorgen gemacht.

Ohne Zigaretten?!

Was soll ich denn jetzt die ganze Zeit machen?

Ein Leben ohne Zigaretten ist unvorstellbar - aber ich probiere es aus

Das bin ich...ohne Zigarette. © Peter Fiedler

Wenn man nicht die ganze Zeit überlegen muss wann man die Nächste rauchen kann, wann man sich schon mal eine Zigarette drehen sollte oder überhaupt Zeit damit verbringt zu rauchen, dann hat man plötzlich ziemlich viel Zeit.
„30 Tage sind übrigens eine wichtige Frist, die Weltgesundheitsorganisation sagt, dass nach 30 Tagen aus einem Raucher ein erfolgreicher Ex-Raucher wird. Irgendwo muss man ja eine Grenze setzen“, erklärt mir der Arzt und Suchtexperte.

Das heißt, noch bin ich eine Raucherin. Und so fühlt es sich auch an. Zwar drehe ich nicht komplett durch, aber die Gedanken kreisen schon um den geliebten Tabak. Es fühlt sich so an, als würde ich für immer eine Raucherin bleiben.

Besonders graut es mir vor den schönen Wein-Abenden. Ich kann es mir nicht vorstellen, an solchen Abenden nicht zu rauchen. Was macht man denn dann die ganze Zeit?

Mein Sucht-Ich stellt sich die rosarote Zukunft so vor: Vielleicht einmal im Monat, wenn der Wein besonders gut schmeckt und die Stimmung besonders vergnügt ist, dann gönne ich mir mal eine Zigarette. Oder auch zwei-drei.

Aber selbst wenn das in der Zukunft funktionieren sollte, sind dann nicht alle gesundheitlichen Erfolge dahin, die mir meine Nichtraucher-Apps fast täglich präsentieren?

„Es sind sicher nicht alle Erfolge dahin. Es ist eine Gefahr, dass der Mensch den Rückfall katastrophisiert und die Situation so sehr aufbauscht, dass er daraus dann die Erlaubnis zieht, weiter zu rauchen. Und das ist schade.

Günstiger ist es, wenn man sich von vornerein vornimmt, sollte es zu einem Rückfall kommen, sich daran zu erinnern, dass es eine sehr erfolgreiche vollständig rauchfreie Zeit gegeben hat, dass man viel geschafft hat und dass man die Möglichkeit hat, wieder an diesen Erfolg anzuknüpfen.“

Abklingen der Entzugserscheinungen nach vier Wochen

Okay, das gibt mir zumindest die Hoffnung, dass nicht alles verloren ist, sollte ich doch einmal schwach werden. Außerdem versicherte mir der Arzt, dass nach vier Wochen die Entzugserscheinungen abklingen sollten.

Körperliche Entzugserscheinungen können Verstopfung, Heißhunger und Gewichtszunahme sein. Neben Heißhunger bemerke ich bisher nur Langeweile, ohne Zigaretten ist mir langweilig. Ich weiß gar nicht wohin mit der neu gewonnenen Zeit. Aber ich denke, das gehört nicht zu den anerkannten Entzugserscheinungen.

Außerdem erklärt mir Dr. med. Reymann, dass Nikotin ein Gefühl von Leistungsfähigkeit und Selbstvertrauen vermittelt. „Nikotin ist eine Leistungsdroge. Wenn plötzlich diese chemische Unterstützung wegfällt, entsteht das Gefühl von Unsicherheit, Verletzbarkeit und mangelnder Konzentrationsfähigkeit und Leistung. Das ist lediglich ein körperliches Entzugssymptom, weil das Nikotin fehlt. Ungefähr nach vier Wochen lässt das locker, dann stellt sich der Körper darauf ein, dass diese chemische Leistungsdroge nicht mehr da ist.“

Manchmal sei auch eine Nikotinsubstitution - also Nikotinpflaster oder -kaugummis - empfehlenswert. Dann, wenn die Abhängigkeit wirklich sehr stark ausgeprägt ist. Das kann mit dem Fagerström-Test ermittelt werden und dauert keine fünf Minuten.

Ein Leben ohne Zigaretten ist unvorstellbar - aber ich probiere es aus

Mit dem Fagerström-Test kann man schnell herausfinden, wie süchtig man eigentlich ist. © LWL Klinik Dortmund

Ich habe Glück: 0 Punkte, das heißt, ich bin nur gering abhängig und es sollte mir etwas leichter fallen auf das Rauchen zu verzichten.

Ich brauche auch keine Hilfsmittel wie Nikotinpflaster oder -kaugummis. Wie habe ich also die letzten drei Wochen ohne den blauen Dunst ausgehalten?

Meine Geheimwaffen sind zuckerfreie Bonbons und Tee. Und ich habe in den letzten Wochen auf Alkohol verzichtet, da ich weiß, dass mich das schwach werden lässt.

Es ist aber wichtig zu wissen, dass die Mehrheit der erfolgreichen Ex-Raucher mehr als einen Versuch gebraucht haben, um es endgültig sein zu lassen. Laut Arzt sei es wichtig, selbst wenn ein Ex-Raucher nach 5 Jahren wieder anfängt zu rauchen, er sich deswegen nicht fertig macht.

Man solle auf keinen Fall alle Erfolge, die man erreicht hat, einfach wegwischen. Aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass je öfter man den Wechsel von Raucher sein und Nicht-Raucher sein durchlebt, umso schlimmer wird die seelische Abhängigkeit.

So werden auch im Verlauf eines Lebens die Entzüge immer schwerer und schlimmer.

Mit dem Hausarzt sprechen kann helfen

Wenn man den Entschluss gefasst hat, das Rauchen aufzugeben, empfiehlt Dr. med. Reymann den Fagerström-Test zu machen, mit seinem Hausarzt zu sprechen und eventuell auch mit den Suchtexperten der LWL-Klinik, hier wird regelmäßig ein Programm zur Tabakentwöhnung angeboten.

Mehr Tricks und Tipps gibt es leider nicht. Der eigene Weg ist immer der richtige, für mich sind es Bonbons und Tee. Für andere sind es Kaugummis oder Sport.

Ich denke, es ist wichtig zu erkennen, in welchen Situationen man zur Zigarette greift. Wenn es immer nach dem Essen ist, hilft vielleicht ein Espresso. Wenn es - wie bei mir - zum Wein-Abend gehört, ist es wohl hilfreich, da erstmal drauf zu verzichten.

Ich bin auf jeden Fall noch lange keine Nichtraucherin, auch wenn ich bald die 30-Tages-Marke geknackt habe. Wie es mir in den nächsten Wochen und Monaten mit dieser Entscheidung gehen wird, ob ich überhaupt durchhalte, werde ich auf jeden Fall berichten.

Gerne können Sie sich auch an mich wenden, mir Ihre Erfahrungen zum Nicht-Rauchen per E-Mail schicken: victoria.maiwald@lensingmedia.de. Ich freue mich über viele positive Vorbilder und gerne auch Methoden, die helfen können.

  • Die LWL-Klinik Dortmund bietet ein Rauchfrei Programm an. Das Tabakentwöhnungsprogramm wurde vom Institut für Therapieforschung München in Zusammenarbiet mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufkläung entwickelt.
  • Die Teilnehmer erhalten in einer Gruppe von 12 Personen professionelle Unterstützung um herauszufinden, in welchen Situationen geraucht wird und welche Gründe die Teilnehmer dazu bewegen, rauchfrei zu bleiben.
  • Der Kurs findet einmal im Quartal, jeweils Dienstag von 17:00 Uhr bis 18:30 Uhr statt. Weitere Informationen erhalten Sie von der Abteilung Suchtmedizin der LWL-Klinik Dortmund Tel.: (0231) 4503 8000 und über die Mail suchtmedizin-dortmund@lwl.org
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