Ein Angriff aus dem Nichts, das Opfer wird schwer verletzt und ausgeraubt – zuletzt gab es mehrere solcher Fälle in Schwerte. Ist es heute gefährlicher auf den Straßen als früher?

Schwerte

, 04.10.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nachts auf dem Rückweg von der Party passierte es zwei Männern, abends beim Joggen am relativ einsamen Ort passierte es einem dritten: Unbekannte schlugen zu – und das im wörtlichen Sinn. In allen Fällen waren die Unbekannten zu dritt. Einmal raubten sie Bargeld und Schlüssel, einmal gar nichts, einmal nahmen sie dem Opfer das Smartphone ab, bis sich das erfolgreich wehrte und sein Eigentum zurückerkämpfte.

Nicht einmal zwei Wochen lagen zwischen diesen Angriffen. In einem der drei Fälle wurden die Täter als „südländisch“ beschrieben, in einem Fall hieß es, sie hätten in einer fremden Sprache gesprochen. Welchen Eindruck das bei vielen Schwertern hinterließ, wurde auf Facebook lesbar.

Dort hieß es: „Es wird immer schlimmer.“ Nur „angeblich“ seien das noch „Einzelfälle“. Sofort war die Rede vom „Dreckspack“. Die gestiegene Gewalt auf Schwertes Straßen könne nur durch Flüchtlinge gekommen sein.

Gestiegene Gewalt? Was sagt eigentlich die Polizei dazu?

„Eine Häufung an Raubüberfällen haben wir nicht.“ Thomas Röwekamp, Sprecher der Polizei im Kreis Unna, formuliert es betont sachlich. Und zieht aktuelle Zahlen aus der Statistik hinzu: 2016 und 2017 gab es jeweils neun „Raubüberfälle auf Straßen und Wegen“ – so kategorisiert es die Polizei offiziell. 2018 seien es bisher fünf. Die aktuellsten aus dem September: Jugendlichen wurden tagsüber die Fahrräder geraubt. Und eine Frau wollte einem Senior die Uhr vom Handgelenk ziehen, vormittags vor einer Arztpraxis.

Der Korrektheit halber weist Polizei-Sprecher Röwekamp aber darauf hin, dass einer der Überfälle auf die Männer nur als Körperverletzung zählt, da nichts geraubt wurde.

Gibt es denn bei der Körperverletzung steigende Zahlen?

Ja, leicht. Die Polizei hat die Kategorie „gefährliche Körperverletzung auf Straßen, Wegen und Plätzen“, also ziemlich das, vor dem sich viele fürchten. „Hier haben wir tatsächlich einen leichten Anstieg“, erklärt Thomas Röwekamp. Von Januar bis August 2017 gab es 21 Fälle, im gleichen Zeitraum 2018 seien es 29 gewesen. Aus Polizeikreisen heißt es zudem, zuletzt habe es einige „Was-guckst-du-Fälle“ gegeben. Eine Formulierung, die die Pressestelle so natürlich nicht bestätigt. Zumal das keine sachlich belastbare Kategorie sei.

Es gibt immer wieder Vorwürfe, die Polizei würde Fälle vertuschen oder zumindest nicht veröffentlichen…

Das ist gerade bei Raub und Körperverletzung unwahrscheinlich. „Wir suchen ja Zeugen. Im Regelfall hoffen wir darauf, dass noch jemand etwas gesehen hat“, unterstreicht Thomas Röwekamp.

Und: Hat die Polizei zu den drei Angriffen noch Zeugen gefunden?

Bisher nicht. „Wir haben leider keinen Tatverdacht – in keinem der Fälle“, sagt Polizei-Sprecher Röwekamp. Dennoch seien die Fälle für die Kollegen in Schwerte noch nicht abgeschlossen. Und es bleibt weiter die Frage im Raum stehen: Waren es unterschiedliche Täter oder dieselben?

Wie sieht es im Langzeitvergleich aus?

Da ist es im Kreis Unna wie im Bundestrend. Vereinfacht gesagt: Die Kriminalität geht weiter zurück. Von 2016 auf 2017 war der Rückgang so groß wie seit 20 Jahren nicht mehr. Und selbst dort, wo die Zahlen im vergangenen Jahr stiegen, lohnt ein Blick auf die Jahrzehnte davor. Im Kreis Unna gab es 2017 zwar 185 Fälle von Raub und räuberischer Erpressung – und somit 35 mehr als im Jahr zuvor. Aber: Von 2007 bis 2014 lag die Zahl immer über der 200erMarke – mit Ausnahme des Jahres 2008. Bei Gewaltkrimininalität allgemein, bei Sexualstraftaten, bei Diebstahl – überall waren die Zahlen im Kreis Unna vor zehn Jahren größer als heute.

Warum haben die Menschen dann mehr Angst?

Darüber wundern sich auch Wissenschaftler, etwa Thomas Feltes von der Uni Bochum. Er fand 2016 heraus, wie viele Menschen es für wahrscheinlich hielten, im nächsten Jahr Opfer eines Raubüberfalls zu werden: 19 Prozent, fast jeder fünfte Befragte also. Das Risiko aber lag bei nur 0,3 Prozent.

„Sie bekommen heute viel mehr Fälle aus viel mehr Orten mit als früher“, erläutert Polizei-Sprecher Röwekamp. Gerade in lokalen Facebook-Gruppen schaukelten sich Diskussionen extrem schnell hoch. Das führe oft zu mehr Angst, als realistisch gesehen angebracht sei.

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