Immer mehr Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten, sagt Christine Jücker von der Overbergschule. Benedikt Sträter von der Stadt Selm erklärt die Gründe dafür und sagt, was Eltern tun können.

Selm

, 20.12.2019, 14:40 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie schreien, stören im Unterricht oder schlagen ihre Mitschüler: Manche Kinder stellen ihre Eltern und Lehrer vor große Probleme. Aber wie gehen Eltern am besten mit verhaltensauffälligen Kindern um? Benedikt Sträter (36), Leiter der Sozialen Dienste der Stadt Selm, erklärt, warum er den Begriff „Problemkinder“ problematisch findet, was betroffene Eltern tun können und nennt Gründe, für auffälliges Verhalten bei Kindern.

Tom ist acht Jahre alt und geht in die zweite Klasse. In der Schule hat er Probleme, sich zu konzentrieren. Lange still sitzen fällt ihm ebenfalls schwer. Dadurch stört er oft den Unterricht. Und gegenüber seinen Mitschülern und Lehrern verhält er sich nicht immer korrekt, wird manchmal sogar handgreiflich. Tom ist zwar nur ein fiktives Beispiel, doch genau so könnte sich ein verhaltensauffälliges Kind benehmen.

Zahl der verhaltensauffälligen Kinder nimmt laut Schulleiterin zu

„Natürlich haben wir verhaltensauffällige Kinder“, sagt Christine Jücker, Leiterin der Overbergschule. Die Zahl derartiger Kinder habe in den vergangenen Jahren auch zugenommen. Die Auffälligkeiten könnten dabei ganz unterschiedlich sein. Beispielsweise durch Beschimpfungen oder dadurch, „dass permanent der Unterricht gestört wird“. Oft wird für solche verhaltensauffälligen Kinder ein Ausdruck verwendet: Problemkinder.

Der Begriff, sagt Benedikt Sträter, tauche vor allem in den Medien auf. „Persönlich stoße ich mich aber an der Bezeichnung.“ Denn der Begriff erzeuge das Bild, dass das Kind allein das Problem sei und alleine die Schuld an seinem Verhalten trage.

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Doch es könne viele unterschiedliche Faktoren geben, „warum ein Kind seinen Eltern in der Erziehung Schwierigkeiten bereitet“. Aber ein Kind „kommt nicht so auf die Welt“, stellt er klar. Es gebe mehrere Faktoren, die zu Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern führen könnten.

Trennungen oder Erkrankungen als mögliche Risikofaktoren

Beispielsweise die sogenannten „familiären Risikofaktoren“. Dazu zählen unter anderem eine geringe Bildung der Eltern, finanzielle Probleme oder auch psychische Probleme der Eltern. „Auch Trennungen sind ein Risikofaktor“, erklärt Sträter.

Problemkinder in Selm: Warum sie verhaltensauffällig sind und was Eltern tun können

Benedikt Sträter, Leiter der Sozialen Dienste der Stadt Selm, erklärt, warum Kinder verhaltensauffällig werden und wirbt für mehr Kommunikation mit dem eigenen Kind. © Pascal Albert

Scheidungen seien ein immer häufiger auftretendes Ereignis, welches große Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes haben könnte. Auch die Zahl psychischer Erkrankungen steige an - sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen. Für Eltern sei es dann besonders schwer, „gleichzeitig ein Kind zu erziehen und mit einer Krankheit zu kämpfen“. Auf Dauer könne sich das dann aufs eigene Kind auswirken.

Die Familienverhältnisse hätten sich in den vergangenen Jahren auch verändert. „Früher hat man noch mehr die Kernfamilie gehabt“, sagt der 36-Jährige. Dazu gehörten dann nicht nur die Eltern und Geschwister, sondern auch noch die Großeltern, die früher mehr in die Kindererziehung miteingebunden waren. „In vielen Fällen ist das heute nicht mehr so gegeben.“

„Immer mehr Kinder sind von Armut betroffen“

Auch der Druck für Kinder sowie ihre Eltern sei zuletzt merklich gestiegen. „Jeder möchte seinem Kind die beste Bildung ermöglichen“, sagt der Vater von zwei Mädchen. Das liege auch am „standardisierten und leistungsbezogenen Schulsystem“. Viele Eltern würden sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen, ihre Kinder möglichst gut zu fördern. Das wirke sich aber spürbar auf die Entwicklung der Kinder aus: „Die Zeit, Kind sein zu dürfen, geht ein Stück weit verloren.“

Zudem kostet die Förderung von Kindern oft Geld, welches nicht jede Familie für die Förderung ihres Kindes über hat. „Immer mehr Kinder sind von Armut betroffen“, erklärt er. Es sei häufig schwierig, aus einem bestimmten sozialen Umfeld rauszukommen. Dennoch seien Kinder aus unteren sozialen Schichten nicht zwangsläufig öfter verhaltensauffällig. Das liege daran, dass viele Risikofaktoren unabhängig von der sozialen Schicht sind.

Benedikt Sträter rät: Smartphone weglegen und reden

Aber was tun, wenn das eigene Kind Verhaltensauffälligkeiten zeigt? „Wenn Eltern merken, dass das Verhalten ihres Kindes auffällig ist, sollten sie so früh wie möglich Beratung in Anspruch nehmen.“ Je früher, desto besser - „bevor sich gewisse Verhaltensweisen manifestieren“.

Je früher Eltern einen Bedarf feststellen, desto größer sei die Chance, etwas verändern zu können. Dabei sei vor allem der Austausch mit dem eigenen Kind wichtig. „Grundsätzlich sollten Eltern Interesse am Leben ihres Kindes zeigen.“

Das sei heute aufgrund der hohen Nutzung von Smartphones nicht mehr immer gegeben. Ein Phänomen, welches er selbst manchmal erlebe. „Wie oft erwischt man sich selbst, zu viel am Handy zu sein?“, sagt er. „Es sollten Räume geschaffen werden, wo das Kind von seinem Alltag erzählen kann“, empfiehlt der 36-Jährige.

Streithelfer versuchen an der Overbergschule zu schlichten

Doch nicht nur das eigene Kind fühle sich dann mehr wertgeschätzt und verstanden, sondern auch Eltern würden dann viel mehr vom Leben des Kindes mitbekommen. Dadurch könnten auch Probleme womöglich deutlich früher angegangen werden.

Auch Christine Jücker sieht die Eltern in der Verantwortung. Besonders beim Thema Respekt sieht sie in der heutigen Zeit Nachholbedarf. „Eine gewisse Respektlosigkeit ist ja schon der Zahn der Zeit“, stellt sie fest. Das liege daran, dass nicht alle Eltern ihrer Vorbildfunktion gerecht werden würden. Kinder könnten derartige Dinge gar nicht richtig lernen, „wenn die Großen das schon nicht immer hinbekommen“.

Um in der Schule schnell auf Verhaltensauffälligkeiten reagieren zu können, seien in den Pausen immer Streithelfer auf dem Schulhof. Das könnten sowohl Lehrer als auch Schüler sein, die bei einem aufkommenden Streit intervenieren und versuchen könnten, den Konflikt zu lösen.

Schule will gemeinsam mit Eltern nach Lösungen suchen

Für härtere Fälle gebe es auch noch einen Schulsozialarbeiter. Der erstelle dann unter anderem einen Plan, was getan werden könnte. „Wir versuchen, damit pädagogisch umzugehen“, erklärt Jücker. Im Zweifelsfall gebe es auch die Möglichkeit, Schulbegleiter einzusetzen. Diese könnten sich dann ebenfalls während der Schulzeit um einzelne Kinder kümmern.

Doch es gebe auch noch eine andere Möglichkeit, wenn erste Versuche mit einem verhaltensauffälligen Kind nicht erfolgreich waren. Nämlich eine Teilkonferenz, „in der wir gucken, wie wir damit umgehen“, wenn beispielsweise ein Kind den Unterricht massiv stört. In einer solchen Konferenz werde dann „gemeinsam mit Eltern überlegt, was helfen kann und wie wir unterstützend helfen können“. Teilkonferenzen gebe es allerdings „nicht so häufig“, sagt sie.

„Zusammenarbeit mit anderen Institutionen ist wichtig“

Bei einigen verhaltensauffälligen Kindern sei es durchaus auch sinnvoll, einen Therapeuten zu kontaktieren, sagt Johanna Schäfer (63), ehemalige Gruppenleiterin der Kita St. Pankratius in Südkirchen. Sie spricht aus Erfahrung, hat selbst 43 Jahre lang mit Kindern zusammengearbeitet. Auffällige Kinder habe es schon immer gegeben, erzählt sie.

Doch „heute wird damit anders umgegangen“ - eben mit Therapeuten und anderen Spezialisten. „Ich bin eigentlich nicht dafür, Kinder direkt in Therapie zu schicken“, sagt sie. Aber bei manchen Kindern sei es eben auch angebracht. „Die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen ist wichtig.“

Im Alltag sei es das Beste, erklärt Johanna Schäfer, „sich mit dem Kind zurückzuziehen“. Doch nicht immer gebe es an Kindergärten oder Schulen die personellen Kapazitäten, damit sich ein Erzieher oder Lehrer um ein auffälliges Kind in Ruhe kümmern kann.

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