Pleiten, Pech und Pannen ohne Ende: Neue Polenzüge strapazierten die Nerven der Bahnkunden

dzJahresrückblick 2019

Triebwagen bleiben auf offener Strecke liegen, Türen klemmen, dazu Höllenlärm. Zu Pannenweltmeistern werden die neuen Züge, die die Deutsche Bahn für den Nahverkehr in Polen gekauft haben.

Schwerte

, 24.12.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Pannenweltmeister – ganz vorn dabei im Rennen um diesen inoffiziellen Titel sind die neuen Triebwagen aus Polen, die die Deutsche Bahn seit Anfang des Jahres auf ihrem Sauerlandnetz rund um Schwerte einsetzt. Eigentlich hatte jeder erwartet, dass sie mehr Fahrkomfort und Zuverlässigkeit als ihre Vorgänger mitbringen würden. Doch genau das Gegenteil war der Fall, wie Fahrgäste klagten. Die technischen Störungen nahmen zu. Türen öffneten sich nicht, Wasser ergoss sich aus der Decke, die Klimaanlage war im Sommer eiskalt. Dazu strapazierten überlaute Lautsprecheransagen und dröhnende Motorengeräusche im schlecht isolierten Innenraum die Ohren. Bisweilen blieben Züge sogar auf offener Strecke liegen. Pünktliches Ankommen wurde zum Lotteriespiel.

Anwohner klagten über Lärm wie von Düsenjägern

Nicht nur Bahnkunden, auch Anwohner wurden von den Polenzügen zunehmend genervt. Sie klagten über nie erlebten Lärm, der beim Vorbeifahren vom Bahndamm zu ihren Häusern herüberschallte. „Ich dachte, da wäre ein Flugzeug abgestürzt“, schilderte es Marion Roth vom Kirschbaumsweg. Die Deutsche Bahn bestätigte den Fehler. Grund sei ein Lüfter auf dem Dach, der das Getriebeöl kühlt, wenn es sich beim Bremsvorgang erhitzt.

Pleiten, Pech und Pannen ohne Ende: Neue Polenzüge strapazierten die Nerven der Bahnkunden

„Ich dachte, da wäre ein Flugzeug abgestürzt", schimpfte Marion Roth vom Kirschbaumsweg über den Lärm der neuen Polenzüge auf der Strecke nach Fröndenberg. © Reinhard Schmitz (A)

Doch das war nur eines der Probleme. Ganz unumwunden schimpfte auch die Bahn über die mangelnde Zuverlässigkeit. „Wir haben eine sehr hohe Ausfallquote“, bestätigte ein Bahnsprecher. Jeden Tag ständen im Schnitt 10 der 36 gelieferten Triebwagen nicht für den Betrieb zur Verfügung. Man sei „absolut nicht zufrieden“ mit der Qualität. Da Nachbesserungsversuche mit Experten des Herstellers Pesa in Deutschland offensichtlich nicht zu den nötigen Ergebnissen führten, musste die Bahn die Reißleine ziehen. Nach und nach wurden seit der zweiten Jahreshälfte alle Triebwagen zu der Waggonfabrik nach Bydgoszcz zurückgeschickt, wo die Mängel im Rahmen der Gewährleistung abgestellt werden sollten. Sichtbar wurde diese Maßnahme daran, dass die Bahn als Ersatz aus anderen Regionen ältere, aber zuverlässige Triebwagen auf die Strecken um Schwerte zurückholte.

Technische Probleme verzögerten schon die Lieferung um zwei Jahre

„Wie konnte die Bahn derartig schlechte Ware einkaufen?“, fragte eine Pendlerin, die für ihr Ticket Neheim-Dortmund monatlich 240 Euro bezahlte. Wegen technischer Probleme hatte sich schon die Auslieferung der Züge um zwei Jahre verzögert. Billig waren sie nicht. Für jeden der Triebwagen musste die Bahn wohl rund 2,5 Millionen Euro nach Polen überweisen. Ursprünglich war einmal geplant, den 36 ersten Exemplaren für das Sauerlandnetz noch 434 weitere folgen zu lassen - für insgesamt 1,2 Milliarden Euro. Das wären mehr als 5,1 Milliarden Zloty.

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