Plastik reduzieren klingt nach einer großen Aufgabe. Es geht aber auch einfach, man muss nur anfangen. Fünf Selmer und Selmerinnen erzählen, wie ihnen das im Alltag gelingt.

Selm

, 10.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine verpackte Gurke hier, ein Joghurt-Becher da, dann noch die Verpackung für das Shampoo der das Duschgel. Jeden Tag produzieren wir Müll. Laut jüngsten Zahlen des Umweltbundesamt waren es im Jahr 2017 226,5 Kilogramm Müll pro Kopf. Auf ganz Deutschland gerechnet macht das 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsabfall.

Inzwischen beschäftigen sich viele Menschen mit der Frage, wie man Müll - und speziell auch Plastikmüll - reduzieren kann. Auch im Klimatreff, der sich in diesem Jahr gegründet hat, ist es ein Thema. Fünf Selmerinnen und Selmer erzählen von ihren Erfahrungen und wie man ganz einfach damit anfangen kann. Das Thema Plastikreduktion wird auch in einem der nächsten Treffen des Klimatreffs Thema sein. Die Treffen finden jeweils am vierten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr im Ehrenamt (Alter Kirchplatz 1) statt. Das nächste Treffen ist am 22. Januar.

Barbara Schönborn, 61

Unverpacktläden oder ähnliches? „Das gibt es hier alles nicht, aber ich versuche es trotzdem mit dem Müllreduzieren“, sagt die Selmerin Barbara Schönborn. Das Thema Müllreduzierung ist eines, womit sie vor zwei bis drei Jahren bei Instagram in Kontakt genommen ist. Nachhaltiger zu leben, spielt auch dort eine große Rolle. Manche Influencer nehmen sogar die Herausforderung an, in einer bestimmten Zeit überhaupt keinen Müll („Zero Waste“) oder so wenig Müll wie möglich zu produzieren.

Einfach anfangen: Fünf Selmer erzählen, wie sie im Alltag Plastik reduzieren

Barbara Schönborn versucht Stück für Stück, weniger Plastikmüll zu verursachen. © Sabine Geschwinder

„Die meisten fangen erst mal mit dem Badezimmer an“, sagt Schönborn. Ein Tipp, den sie auch anderen Anfängern in Sachen Müllreduzierung geben kann. Sie hat zum Beispiel inzwischen eine Zahnbürste aus Bambus, hat ihre Shampooflaschen, Duschgels und Bodylotions gegen feste Seifen getauscht und macht ihr Waschpulver selbst. Das besteht aus Kernseife, Soda und Natron. „Das Raspeln der Kernseife dauert etwas, aber sonst ist es ziemlich einfach“, sagt sie.

Coffee-to-Go-Becher würde sie niemals benutzen, auch Plastiktüten benutzt sie nicht. Stattdessen macht sie zum Beispiel Taschen aus alten T-Shirts.

Dafür wird der Saum des T-Shirts abgeschnitten und zu Fransen geschnitten, die Fransen werden dann anschließend zusammengeknotet. „Wer alte Baumwolltaschen hat, kann sie übrigens auch bei Knümann abgeben, dort werden sie dann an Kunden weitergegeben, die keine Taschen haben“, weiß Barbara Schönborn.

Einfach anfangen: Fünf Selmer erzählen, wie sie im Alltag Plastik reduzieren

Diese Taschen waren mal Tops. Der Saum wurde abgeschnitten, in Fransen verwandelt und zusammengeknotet. © Sabine Geschwinder

„Ich weigere mich auch, Obst und Gemüse zu kaufen, das zusätzlich eingeschweißt ist“, sagt die Buchhalterin. Sie spricht in den Geschäften die Verkäufer auch darauf an oder schreibt an die ansässigen Geschäfte, damit diese weniger Plastikverpackungen anbieten. Apropos Supermarkt: „Bei Edeka, Rewe und K+K gibt es auch Boxen mit Lebensmitteln, die bald ablaufen“, erzählt Schönborn. Dort greift die Selmerin gerne zu. Besser als wenn das Essen im Müll landet. Außerdem ist es eine Möglichkeit, mal etwas Neues auszuprobieren. Ohnehin probiert sie auch immer wieder neue Möglichkeiten aus, um etwas Müll zu reduzieren: „Es macht total Spaß“, sagt sie.

Mia, 17, und Petra Burkhart, 53, sowie Jesaja Michael Wiegard, 52

Wenig Plastik und ein guter Fernsehabend ist manchmal gar nicht so einfach. Zumindest, wenn man wie Petra Burkhart und ihre Tochter Mia gerne zur Chips-Tüte greift und auf Plastik-Müll verzichten will. Nüsse, Hefeteilchen und selbst gemachte Kekse sind aber eine gute Alternative, finden die beiden.

Das Kekse-Backen ist inzwischen auch eine beliebte gemeinsame Aktivität geworden: „Wir machen uns Musik dazu an“, erzählt die 17-jährige Mia. „Ich werde außerdem besser. Früher war ich es immer gewöhnt, dass Mama kocht.“

Einfach anfangen: Fünf Selmer erzählen, wie sie im Alltag Plastik reduzieren

Familiensache: Jesaja Michael Wiegard, Mia und Petra Burkhart (v.l.) reduzieren Plastikmüll gemeinsam. © Sabine Geschwinder

Ansonsten hat die Familie das ein oder andere Teil im Badezimmer bereits gegen eine plastikfreie Alternative getauscht. Bambus-Zahnbürsten statt welche mit Plastik und Zahnputz-Tabletten statt Zahnpasta. Außerdem haben alle Familienmitglieder einen Thermobecher für Getränke unterwegs. „Nächstes Jahr möchte ich auch lernen, wie man selber Waschmittel macht“, erzählt Petra Burkhart. Die Burkharts sind außerdem Mitglied bei der Solawi und erhalten daher Gemüse von dem Unternehmen in Bork. „Klar können wir nicht alle Gärtner werden“, sagt Petra Burkhart, aber dann könne man vor Ort nach Menschen suchen, die das können. Eben wie die Solawi.

„Ich bin eigentlich ein fanatischer Internetbesteller“, sagt Jesaja Michael Wiegard. Allerdings hat er nun angefangen bei der Marktbuchhandlung zu bestellen und dort sein Buch abzuholen, statt online zu bestellen. Auch eine Möglichkeit zu Weihnachten. Weihnachten ist aber gar nicht das Problem, glaubt Wiegard. „Ich glaube zu Weihnachten merken wir die Unterschiede weniger als im Alltag“, sagt er. „Ich denke, was wir tun müssen, ist verstärkt hier vor Ort zu gucken, was es gibt“, sagt Petra Burkhart. Wichtig ist, den Spaß dabei nicht zu verlieren: „Ich denke, das steht dem Spaß im Weg, wenn man alles perfekt machen will“, sagt Petra Burkhart.

Marion Küpper, 55

„Für mich ist es kein Verzicht, für mich ist es ein Gewinn“, sagt Marion Küpper über das Thema Plastikverzicht. Küpper, die für die Grünen im Stadtrat sitzt, beschäftigt sich schon seit vielen Jahrzehnten mit dem Thema - und bekam dafür nicht immer Anerkennung. „Ich habe mir früher schon die Biomilchglasflasche auf den Tisch gestellt, obwohl ich nicht viel Geld hatte“, sagt sie. Damals konnte sie sich von ihrem Vater anhören: „Warum kaufst du das?“

Küpper ist aber überzeugt: „Wenn man Qualität kauft, dann hat man länger was davon.“ Vor vier Jahren hat sie sich beispielsweise eine grüne Stoffhose für 200 Euro gekauft. So viel Geld zu investieren, sei vielleicht erst mal gar nicht so einfach, aber dafür werde sie auch noch viele Jahre etwas von der Kleidung haben, ist sie überzeugt. Allerdings müsse man die Kleidung auch richtig pflegen. Die Schuhe putzen zum Beispiel. Küpper hat als Chemie-Laborantin gearbeitet und ist Ingenieurin. Aktuell gibt sie Nachhilfe und Yoga-Stunden. Sie glaubt, „die Leute, die am meisten über teure Lebensmittel schimpfen, können sie sich eigentlich leisten“.

Einfach anfangen: Fünf Selmer erzählen, wie sie im Alltag Plastik reduzieren

Marion Küpper in ihrer Küche. In ihrer Hand hält sie ein Hilfsmittel, um Yoghurt zu machen. Auch eine Möglichkeit, um Plastikmüll zu reduzieren. © Sabine Geschwinder

Marion Küpper geht einmal die Woche zum Wochenmarkt, dann kauft sie fast alles für die Woche. „Dann bin ich damit durch“, sagt sie, „habe noch keinen Prospekt gelesen und bin nicht in der Gegend rumgefahren.“ Ein weiterer Tipp von ihr: mehr tauschen. „Wenn man sieht, dass alles voll ist, warum will ich dann alles behalten?“, fragt sie sich. Früher sei sie gern nach Indien geflogen, sagt Küpper. Dem Alltag entfliehen, Entschleunigung genießen.

Das tut sie nun aber nicht mehr. Stattdessen zieht sie auch aus der Selmer Natur Inspiration. „Die Natur hat eigentlich alles in Fülle, da gibt es keinen Geiz“, sagt sie. Das könnte also auch für die Konsumwelt gelten. „Manchmal wünschte ich mir, dass die Menschen es ein bisschen mehr so sehen würden wie ich“, sagt sie. Ein Beispiel: „Ich kann nicht so billig kaufen, weil ich weiß, ich beute jemanden aus. Ich möchte ja auch nicht ausgebeutet werden.“ Es gibt auch noch ein paar Tipps von ihr, die sich wirklich ganz einfach umsetzen lassen: Leitungswasser trinken, „Bitte keine Werbung“-Aufkleber auf den Briefkasten kleben, Eis in der Waffel statt im Plastikbecher kaufen.

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